Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 30 (25.7.1930)
- Date
- 1930-07-25
- Page
- Seite 418 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9072829-9103085-9237999--11019-9223087- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
418 Das Jüdische Echo Nr. 30 hänge nicht und gibt dem jüdischen Konkurrenten die Schuld an der Misere. Aus den Kreisen des nichtj üdischen Mittelstandes kommen nun die antisemitischen Agitatoren, die sich auf die Dörfer ergießen, die Bauern aufhetzen und dann in die Stadt ziehen, um an den Juden Rache zu nehmen. Die Regierung hatte zunächst diese antisemitischen Hetzapostel gewähren lassen. Im tiefsten Grunde fühlt sie aber, daß der Haß der Bauern nicht bei den Juden Halt machen werde und sie ahnt, daß sich die Bewegung dann gegen sie selbst kehren könnte. Aus diesem Grunde hat sie, weil sie überdies noch ausländische Anleihen nötig hat, in den letzten Tagen energische Schritte unternommen, um den antisemitischen Ausschreitungen im Lande einen Damm entgegenzustellen. Es ist kein Zweifel, daß ihr das gelingen kann, wenn sie tatsächlich ihre Machtmittel in Anwendung zu bringen gewillt ist. Es ist eine alte Erfahrung, daß Pogrome nur mit Duldung und niemals gegen den ernsten Willen der Behörden Vorkommen können. Aber gesetzt den Fall, daß es tatsächlich der rumänischen Regierung gelingen wird, durch Machtmittel die Bauernschaft im Zaume zu halten. Prinzipiell ist damit die Lage der Juden in Rumänien keineswegs saniert. Sicherlich ist es tröstlich zu wissen, daß in Rumänien jüdisches Leben und jüdische Habe nicht mehr vogelfrei sind. Aber die wirtschaftliche Entwicklung Rumäniens kann durch Polizei- und Militäraufgebot nicht geändert werden. Die wirtschaftliche Lage der Juden in jenem Lande ist ebenso trost- und aussichtslos wie in Polen und in anderen Ländern des Ostens. Und nicht nur des Ostens, sondern auch Deutschlands und Österreichs. Man mag die Dinge drehen und wenden wie man will, man kommt immer wieder zur Bestätigung dessen, daß die Situation der Juden nicht mit kleinen Mitteln geändert werden kann, sondern nur durch eine großzügige Umbildung der gesamten jüdischen Volksstruktur. ma. rei. Neue Konferenz im rumänischen Innenministerium Bukarest, 17. Juli. (JTA.) Unter dem Vorsitz des rumänischen Innenministers Vaida-Voevod fand im Gebäude des Innenministeriums eine Konferenz statt, an der Kultusminister Costachescu, Unterstaatssekretär Anghelescu, Professor Andrej, der Sekretär im Justizministerium Paleologu und zahlreiche Abgeordnete aus der Bukowina teilnahmen. In dieser Konferenz wurden die Ursachen der Bauernunzufriedenheit in der Bukowina eingehend besprochen, die zu der Verhetzung und den Ausschreitungen der letzten Wochen geführt haben. Es wurde beschlossen, unverzüglich energische Maßnahmen zu ergreifen, um die hetzerische Agitation zu unterbinden und die Umstände, die Anlaß zu den Ausschreitungen waren, zu beseitigen. Der Inspektor des Justizministeriums Ferner und der ehemalige Finanzminister, Staatssekretär Joanitzescu, haben sich bereits nach der Bukowina begeben. Die Ordnungsmaßnahmen in der Bukowina Bukarest, 17. Juli. (JTA.) In Suczawa sind zur Durchführung der Ordnungsmaßnahmen neben dem Generalsekretär des Innenministeriums Kedere noch der Gendarmerie-Inspektor Dimitrescu, der Oberstaatsanwalt Alexander Theodor und der Kommandant der achten Militärdivision eingetroffen. Verhaftung und Wiederfreilassung der Antisemitenführer Danila und Totu Bukarest, 17. Juli. (JTA.) Wie die JTA. erfährt, sind die berüchtigten Antisemitenführer Danila und Totu in Bukarest verhaftet worden. Sie befanden sich auf einer Propagandareise durch die Bukowina, und ihrer Hetzpropaganda wird die Hauptschuld an den antijüdischen Ausschreitungen zugesprochen. Nach den Ereignissen von Suczawa wurde ihnen die weitere Propagandatätigkeit verboten und aufgetragen, sich nach Bukarest zu begeben. Dort erwartete sie ein Haftbefehl, der aber erst einen Tag nach ihrer Ankunft ausgeführt werden konnte, weil sie sich, durch den ihrer Legion angehörenden Kabinettchef im Innenministerium Tarlojanu, rechtzeitig von der geplanten Verhaftung verständigt, verborgen hielten. Manche Zeitungen berichten sogar, daß Tarlojanu selbst sie in seiner Wohnung vor der Polizei versteckt hielt. Bukarest, 17. Juli. (JTA.) Bukarester Pressemeldungen zufolge wurde der Kabinettschef des Ministeriums des Innern, Tarlojanu, mit sofortiger Wirksamkeit seines Amtes enthoben, da er nach den Ausschreitungen von Suczawa die antisemitischen Studentenführer Totu und Danila in seiner Wohnung verborgen gehalten habe. Czernowitz, 16. Juli. (JTA.) Dem „Czernowitzer Morgenblatt“ wird aus Bukarest gemeldet: „Die Cuzistenführer Totu und Danila, die in Bukarest verhaftet sein sollten, befinden sich, wie offiziell mitgeteilt wird, auf freiem Fuße. Sie werden aber zur Verfügung der Sigurantza gehalten, bis der Generalsekretär des Innenministeriums, Victor Kedere, aus der Bukowina nach Bukarest zurückkehrt.“ Keine weiteren Ruhestörungen in Rumänien Bukarest, 18. Juli. (JTA.) Das Innenministerium meldet, daß im ganzen Lande Ruhe herrscht. Weder in der Bukowina noch im Bezirk von Marmarosch sind Zwischenfälle oder Hetzaktionen zu verzeichnen gewesen. Der unter Führung von Corneli Cadreanu beabsichtigte Agitationsmarsch nach Bessabarien ist verboten worden. Die bisherigen Untersuchungen über den Ausbruch der Unruhen haben ergeben, daß die antisemitischen Agitatoren bei den Bauern einen günstigen Boden für ihre Propaganda fanden, weil die ökonomische Lage der Bauern außerordentlich schlecht und die Erregung wegen brutalen Vorgehens der Steuervollzugsbeamten groß ist. Auch wurde festgestellt, daß Lehrer und Geistliche Führer der antisemitischen Bewegung waren. Ministerpräsident Maniu unterbricht seinen Urlaub Bukarest, 20. Juli. (JTA.) Ministerpräsident Maniu erschien unerwartet in Bukarest und berief einen Ministerrat ein, der sich, wie verlautet, mit der antisemitischen Bewegung befaßte. Innenminister Vaida berief telegraphisch sämtliche Abgeordneten und Senatoren aus der Bukowina zu sich, um mit ihnen die Möglichkeiten einer Besänftigung der aufgebrachten Leidenschaften zu besprechen. Eine jüdische Delegation beim rumänischen Innenminister Bukarest, 20. Juli. (JTA.) Der rumänische Innenminister Vaida-Voevod empfing eine jüdische Delegation, bestehend aus Senator Dr. Meyer- Ebner, den Mitgliedern der rumänischen Deputiertenkammer, Joseph Fischer und Dr. J. Landau, sowie Dr. Marton-Cluj (Klausenburg). In vierstündiger Unterhaltung informierten die Mitglieder der Delegation den Innenminister über die Lage in der Bukowina und in Bessarabien, an Hand von Feststellungen, die sie persönlich machen konnten. Die Delegation forderte: Auflösung der antisemi-