Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 30 (25.7.1930)
- Date
- 1930-07-25
- Page
- Seite 417 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 50_25. Juli 17. Jahrgang Die Lage der rumänischen Juden Mit Recht horcht die jüdische Öffentlichkeit in der ganzen Welt gespannt auf die Trauernachrichten aus Rumänien. Dieses Land, seit jeher eine Brutstätte des Judenhasses und Kampfplatz der ihre eigene Herrschaft sichernden Feudalen gegen die Juden, hallt jetzt wider vom Geschrei randalierender, plündernder und mordender antisemitischer Banden, die von Halbintellektuellen aufgeputscht wurden. Jedoch besteht zwischen den antisemitischen Ausschreitungen in den letzten Monaten in Rumänien und den Exzessen gegen die Juden, wie sie in früheren Jahren vorgekommen sind, ein großer Unterschied. Damals waren es dünne herrschende Schichten, die immer wieder mit Erfolg versuchten, die Empörung der Bauern von sich auf die Juden abzulenken. Zwischen dem rumänischen Volk und den Juden aber gab es keine prinzipiellen Gegensätze, die zu einer Explosion hätten führen müssen. Das Land war primitiv, die Wirtschaft wenig entwickelt, ein Mittelstand, aus christlichen Rumänen bestehend, war nicht vorhanden, eine Genossenschaftsbewegung existierte nicht einmal in der Theorie — die wirtschaftliche Rolle der Juden als hauptsächliche Vertreter des Handwerker- und Handelsstandes war unerläßlich für die Gesamtwirtschaft. Die politische Entrechtung — die Juden galten auch vor dem Gesetze als Fremde — war zwar sehr unangenehm, wirtschaftlich jedoch konnten die Juden in Rumänien existieren. Heute sind die Verhältnisse in Rumänien durchaus anders. Zunächst ist festzustellen, daß die Juden bis auf eine geringe Ausnahme, die nicht ihre Zugehörigkeit zu einer rumänischen Heimatsgemeinde nachzuweisen vermag, naturalisiert sind und wenigstens theoretisch die gleichen politischen Rechte genießen wie die anderen Teile der Bevölkerung. In den gesetzgebenden Körperschaften, Kammer und Senat, sitzen jüdische Vertreter. Der schier allmächtige Großgrundbesitz ist, wie in keinem anderen Lande Osteuropas (abgesehen von Sowjetrußland), durch eine weitgehende Bodenreform seiner einstigen Machtstellung entkleidet. Das rumänische Volk entwickelt in zunehmendem Maße einen Bürgerstand und die Regierung, seit zwei Jahren eine demokratisch-bäuerliche, hat sich redliche Mühe gegeben, demokratische Grundsätze im Lande zu verwirklichen. Man sollte nun meinen, daß parallel mit diesem unleugbaren Fortschritt des rumänischen Staates und mit seiner Modernisierung und Entbalkanisierung die Voraussetzungen für eine Sicherung der jüdischen Position gegeben sein müßten. In Wirklichkeit ist wohl der politische Status der Juden besser geworden, die Grundlagen der wirtschaftlichen Existenz der Juden aber haben sich außerordentlich verschlimmert. Es stellte sich nämlich heraus, was übrigens für die Judenheiten in der ganzen Welt zutrifft, daß die Judenfrage nicht nur eine politische und kulturelle, sondern daß sie vor allem eine spezifisch wirtschaftliche ist, und zwar nicht nur wirtschaftlich im Sinne der Staats- oder Weltwirtschaft, sondern jüdisch-wirtschaftlich. Da die Juden in Rumänien genau so wie in allen Ländern der Welt hauptsächlich dem Mittelstände angehören und die Tendenz in der ganzen Welt zu einer Einengung der wirtschaftlichen Basis des Mittelstandes führt, so sind sie in Rumänien von der Entwicklung im Lande stärker betroffen als andere Schichten der Bevölkerung. Überdies sind sie Gegenstand schärfster Konkurrenz seitens des nichtjüdischen Mittelstandes, der sich rapid entwickelt. Sie haben also doppelt zu leiden: als Mittelständler und als jüdische Mittelständler. Außerdem kommt in Rumänien noch ein Faktor hinzu. Rumänien ist ein Agrarland, und die Regierung muß selbstverständlich in erster Linie auf die Bauernschaft Rücksicht nehmen. Ähnlich wie in Polen ist in Rumänien der allgemeine Regierungskurs in der Steuergesetzgebung und in der wirtschaftlichen Förderung gegen die Stadt gerichtet. In Rumänien bedeutet jedoch Stadt, wie in Polen und in Litauen, nichts anderes als Juden. Also ist die Regierungspolitik, mag sie auch hundertmal erklären, daß sie nicht antijüdisch ist und nicht antijüdisch sein will, in ihren Auswirkungen scharf gegen die Juden gerichtet. Das zeigte sich in Rumänien in den letzten zwei Jahren besonders kraß. Die Regierung förderte sehr stark das bäuerliche Genossenschaftswesen durch Schaffung von bäuerlichen Zentralbanken, die die Aufgaben haben, die landwirtschaftlichen Verkaufs- und Einkaufsgenossenschaften finanziell zu unterstützen. Dadurch wurden automatisch die vielen tausenden jüdischen Händler und Krämer, die einerseits als Aufkäufer landwirtschaftlicher Produkte, anderseits als Verkäufer landwirtschaftlicher Bedarfsartikel ihre Existenz fanden, brotlos. Hinzu kam der furchtbare Preissturz auf dem Weltmärkte für alle Arten von Getreide. Hinsichtlich der Waren fand eine ähnliche Preisreduktion nicht statt. Der rumänische Bauer erzielte infolge der gesunkenen Getreideprei'se für seine Ernte nur den dritten Teil dessen, was er sonst für sie bekam. Außerdem bedeutete die Bevorschussung seiner Ernte durch die Genossenschaften für ihn einen Anreiz, mit dem Verkaufe seiner Produkte zu warten. Dadurch wurden diese noch mehr entwertet und ihr Ertrag reicht kaum hin, um den Vorschuß der Genossenschaften samt den angelaufenen Zinsen zu bezahlen. Der Bauer ist in einer argen Notlage. Wenn er nun in die Stadt kommt und eine notwendige Ware kaufen will, muß er für sie einen Betrag bezahlen, der der dreifachen Getreidemenge entspricht, die er vor zwei Jahren verkaufen mußte, um sich in den Besitz dieser Ware zu setzen. Warenbesitzer sind die Juden. Und die ganze Empörung, die der Bauer gegen Obrigkeit und wirtschaftliche Lage empfindet, wendet sich gegen den verhaßten jüdischen Krämer, dem der Bauer, der die Zusammenhänge nicht zu unterscheiden vermag, den Vorwurf macht, daß er die Bevölkerung auswuchere. Der nichtjüdische Mittelständler ist natürlich in gleicher Weise von der Ungunst der wirtschaftlichen Verhältnisse betroffen wie alle anderen Teile der Bevölkerung. Auch er übersieht die Zusammen-