Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1930-07-18 · 29 (18.7.1930) · p. Seite 404

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
29 (18.7.1930)
Date
1930-07-18
Page
Seite 404 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/9072829-9103085-9237988--11002-9223071
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

404 Das Jüdische Echo Nr. 29 Board of Deputies verlangt Freigabe der Einwanderungszertifikate London, 12. Juli. (JTA.) Für den Board of Deputies der britischen Juden erschienen dieser Tage beim Staatssekretär für die Kolonien, Lord Paßfield, 0. E. d’Avigdor Goldsmid, Lord Rothschild, B. S. Straus und J. M. Rieh, um ihm als gewählte Vertreter der Juden des britischen Empire die Ansichten des Board über die Suspendierung der 2300 Arbeiterzertifikate vorzutragen. Die Deputation legte Lord Paßfield dar, daß der Board in Großbritannien mit Wissen und Unterstützung des Colonial Office die Initiative innerhalb der Bewegung ergriffen hat, (Jie 1929 zur Kooperation aller Teile der jüdischen öffentlichen Meinung in der erweiterten Jewish Agency für Palästina geführt hat. Daher ist der Board, ohne eine zionistische Körperschaft zu sein, an der Verwaltung des Mandats lebhaft interessiert. Er sieht sich zu der Annahme gezwungen, daß die Einwanderungszertifikate von der Regierung aus politischen Gründen suspendiert worden sind, da die ökonomischen Faktoren von der palästinensischen Administration gründlich geprüft worden sind, bevor sie am 12. Mai die Herausgabe der Zertifikate sanktionierte. Die Maßnahme der Regierung hat die Tätigkeit der Jewish Agency geschädigt und den Eindruck erweckt, daß die Regierung zu der Ansicht gekommen ist, die jüdische Einwanderung müsse gesperrt werden. Die Jewish Agency ist ausschließlich auf freiwillige Beiträge angewiesen und die Suspendierung der Zertifikate hatte eine ernste Schädigung des Einkommens der Agency zur Folge. Die Regierungspolitik hat in Palästina keine loyale und zufriedene Bevölkerung geschaffen, und in den Beziehungen des Landes zur Außenwelt sind Rückschläge festzustellen. Die Juden haben jahrhundertelang Ungerechtigkeiten von der Hand anderer ertragen und sind die letzten, die wünschen würden, daß den Arabern Unrecht geschieht. Die Deputation übermittelte der Regierung die Bitte, die Zertifikate freizugeben und ihre Absicht, Palästina im Geiste des Mandats zu verwalten, zu demonstrieren. Lord Paßfield sagte: Die Proteste der Juden scheinen auf einem Mißverständnis zu beruhen. Die Politik der Regierung hat keine Änderung erfahren und die Ausführung des Mandats ist nicht ungewiß geworden. Aber das Mandat hat keinen Judenstaat vorgesehen, sondern ein jüdisches Nationalheim in Palästina in Einheit mit der Wahrung von Stellung und Rechten der arabischen Bevölkerung. Der jüdischen Einwanderung sind durch die Aufnahmefähigkeit des Landes Grenzen gesetzt. Die Einwanderung ist nicht gesperrt worden. 950 für das gegenwärtige Halbjahr im voraus bestätigte Arbeiterzertifikate sind nicht suspendiert worden. Die Shaw-Kommission berichtet, daß im Ergebnis der jüdischen Landkäufe eine bestimmte Zahl von Arabern ökonomisch geschädigt wurde, obwohl anerkannt worden ist, daß die Jewish Agency in liberaler Weise Geldentschädigungen gezahlt hat. Die Regierung hält es für notwendig, die Behauptungen auf ihre Wahrheit zu prüfen und hat zu diesem Zweck den besten zur Verfügung stehenden Sachverständigen mit der Durchführung einer Untersuchung betraut. Die Untersuchung ist gegenwärtig im Gange und es kann, obwohl jede Verzögerung vermieden wird, kein Versprechen abgegeben werden, zu welchem Zeitpunkt die Entscheidung wird gefällt werden können. * * * Lord Paßfield beklagt sich über das Mißtrauen der Juden Neuyork, 11. Juli. (JTA.) Die in Neuyork in jiddischer Sprache erscheinende große sozialistische Tageszeitung „Vorwärts“ veröffentlicht eine Erklärung des englischen Kolonialministers Lord Paßfield (Sidney Webb) über die Palästinapolitik der Arbeiterregierung und über den Konflikt zwischen Colonial Office und Zionistischer Organisation. Es heißt darin: Es ist nicht richtig, daß die Arbeiterregierung gegen die Politik des jüdischen Nationalheims ist. Die jüdische Einwanderung nach Palästina ist nicht gesperrt, sondern bloß für eine gewisse Zeit unterbrochen worden. Großbritannien hält an seiner Absicht, die Bestimmungen des Palästinamandates durchzuführen, fest. Die Regierung hält aber eine Masseneinwanderung im gegenwärtigen Augenblick für nicht vorteilhaft, und zwar gerade für die Juden und Zionisten. Diese Haltung der Regierung ist diktiert von der politischen und wirtschaftlichen Situation Palästinas, die wohl eine Infiltration, nicht aber einen breiten Strom jüdischer Einwanderung zuläßt. Kann man von einer Sperre der Einwanderung sprechen, wo doch keine einzige bereits erteilte Einwanderungserlaubnis zurückgezogen worden ist? Besteht ein zureichender Grund dafür, daß von Panik ergriffene Juden in aller Welt verkünden, die Arbeiterregierung habe sie verraten? Durch Verbreitung solcher grundloser Gerüchte über die Arbeiterregierung liefert man deren inneren und äußeren Feinden^Waffen in die Hand. Von Panik ergriffen, haben die Juden allen Sinn für Proportionen verloren. Lord Paßfield greift auch den Präsidenten der Jewish Agency, Professor Chaim Weizmann, an und erklärt wörtlich: „Ich kenne Weizmann seit zehn Jahren, aber ich habe ihn noch nie so nervös gesehen wie in diesen Tagen. Er hat es zugelassen, daß gewisse unverantwortliche Gerüchte über mich als Kolonialminister und über die Regierung verbreitet worden sind. Ich will nicht sagen, daß er selbst diese Gerüchte ausgestreut hat, was ich aber unterstreichen will ist, daß er sie hätte dementieren oder der Wahrheit gemäß berichtigen sollen.“ Lord Paßfield tritt dann der Version entgegen, er habe Weizmann vorsätzlich irregeführt, indem er eine Besprechung zwischen Weizmann und Simpson vor Simpsons Abreise nach Palästina zugesagt und die Zusage nicht gehalten hat. Er schreibt: „Ich habe Weizmann kein ausdrückliches Versprechen gegeben. Ich habe lediglich gesagt, daß ich die Besprechung für zulässig halte. Kann ich dafür verantwortlich gemacht werden, wenn Simpson seine persönlichen Pläne umgestoßen hat? Wie konnte die unrichtige Mitteilung verbreitet werden, ich hätte Weizmann irregeführt? Wer ist für diese Mitteilung verantwortlich und welche Absicht steckt dahinter?“ Das Mandat, fährt Paßfield fort, garantiert den Juden eine Heimstätte (Home Land), und nicht einen Staat. England kann keinen Judenstaat schaffen. Die Juden werden doch nicht erwarten, daß in in der Heimstätte 12 oder 14 Millionen Juden angesiedelt werden. Die zionistische Bewegung erschwert die in Angriff genommene Aufgabe, indem sie unter den Juden Mißtrauen gegen die Regierung sät. Lord Paßfiesld bestreitet, daß die Regierung die Bodenkäufe der katholischen Kirche erleichtert habe. Gegenstand der Mission Simpsons, schließt Paßfield, ist nicht ein verpflichtender Bericht, sondern Information. Die Regierung wird seine Informa-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.