Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 29 (18.7.1930)
- Date
- 1930-07-18
- Page
- Seite 403 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 29 18. Juli 17. Jahrgang Schwebezustand Man hatte erwartet, daß die große politische Aussprache im englischen Unterhaus über das Palästinaproblem und die zukünftige Politik Englands in Palästina noch vor den Ferien stattfinden wird. Bisher ist in der Haltung der Mandatarmacht seit dem Erscheinen des Weißbuches vor der Sitzung der Mandatskommission in Genf keinerlei entschiedene Stellungnahme erfolgt. Das Weißbuch enthielt eigentlich nur negative Feststellungen. Einmal, daß jüdische Einwanderung und jüdischer Bodenerwerb vorläufig Gegenstand der Untersuchung sein sollen, d. h. daß die Einwanderung praktisch unterbunden wird, zweitens aber, daß die arabischen Forderungen nach einer Verfassungsänderung im Sinne der Selbstverwaltung von der englischen Regierung nicht akzeptiert werden können. Das Weißbuch stellte also weder die Juden noch die Araber zufrieden und dieser Zustand der Opposition der Mandatarmacht gegenüber beiden Bevölkerungsteilen des Landes dauert an. Ein oberflächlicher Beurteiler könnte aus der Tatsache, daß sowohl Juden wie Araber mit den Engländern unzufrieden sind, den voreiligen Schluß ziehen, daß die Engländer in staatsmännischer Klugheit eine mittlere Linie einhalten und bemüht sind, die widerstreitenden Forderungen gegeneinander abzuwägen, wodurch sie sich das Mißfallen beider Parteien zugezogen haben. In Wirklichkeit aber ist diese Haltung keineswegs objektiv-neutral und im Grunde genommen beiden Parteien gegenüber wohlwollend. Wäre das der Fall, so hätte England schon längst den Weg beschritten, der allein zu einem ErfoDe zu führen vermag, den Weg des ehrlichen Maklers zwischen beiden Parteien, der, mit der Autorität ungeheurer Macht und großer politischer Erfahrung ausgestattet, die streitenden Teile zu einer gemeinsamen Beratung bringt. Es ist sicher, daß eine derartige Beratung im ersten Anhieb noch zu keinem Erfolge zu führen vermag, aber der Anfang muß einmal gemacht werden und diesen Anfang hat England niemals ernstlich herbeizuführen versucht. Mittlerweile dauert die Empörung innerhalb der Weltjudenheit gegenüber der Haltung der englischen Regierung an. Es ist kein Zweifel, daß die Protestbewegung in allen Ländern jüdischer Siedlung auf die Mandatarmacht ihren Eindruck nicht verfehlt hat. Aber die Bürokratie in allen Ländern und auch in England ist niemals geneigt zuzugeben, daß sie einen Fehler begangen hat und lieber häuft sie neue Unvernunft auf alten Irrtum, als daß sie sich zu einer Selbstkritik und zu einer Änderung ihrer falschen Linie entschließen könnte. In der gleichen Lage befinden sich die Juden mit ihrer Forderung der Aufhebung der Einwanderersperre gegenüber dem Kolonialamte in London. Dieses ist froh, die Ausrede zu haben, daß der Sachverständige Englands, Sir John Hope Simpson, mit seinem Berichte noch nicht fertig ist, weswegen das Colonial Office also keine Entscheidung zu treffen vermag. Das letzte Wort über die zukünftige Politik der britischen Regierung in Palästina, aber auch über die Maßnahmen der Jewish Agency ist noch lange nicht gesprochen. Die Debatte im englischen Unterhaus über die Palästinafrage soll im Herbst stattfinden und das Unterhaus soll einen vollen Tag dieser Aussprache widmen. Ende August werden in Berlin das Aktionskomitee der Zionistischen Organisation und das Administrativkomitee der Jewish Agency zusammentreten. Auf diesen Tagungen sollen nach dem Beschluß der Exekutive Datum und Tagungsort des 17. Zionistenkongresses bestimmt werden. Wie die Dinge liegen, scheint es daher, daß der Schwebezustand, in dem sich die jüdische und zionistische Welt hinsichtlich der sie bewegenden Fragen befinden, in den nächsten Wochen kaum ändern wird. Dieses Gefühl der Ungewißheit und Unsicherheit drückt sich in der unverminderten Proteststimmung der Juden aus. Trotz der Ferien werden allenthalben Versammlungen abgehalten und Kundgebungen erlassen, in denen das Recht der Juden auf die Schaffung ihres jüdischen Nationalheims in Palästina zum Ausdruck kommt. Wichtige Konferenz zwischen Dr. Weizmann und Lord Paßfield London, 8. Juli. (JTA.) Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency, Chaim Weizmann, besuchte am 7. Juli morgens auf Einladung des Kolonialministers Lord Paßfield das britische Kolonialamt, wo er durch den Kolonialminister empfangen wurde. ■ Präsident Weizmann besprach mit Lord Paßfield eine Reihe wichtiger Fragen der englischen Politik in Palästina. Über den Verlauf der Konferenz ist ein Kommunique nicht veröffentlicht worden. In Londoner politischen Kreisen wird diesem Besuch des Präsidenten der Jewish Agency beim Kolonialminister (Dr. Weizmann und Lord Paßfield hatten sich seit sechs Wochen nicht gesehen) große Bedeutung beigemessen. London, 9. Juli. (JTA.) Die seit der Suspendierung der Arbeiterzertifikate durch die Londoner Regierung seitens der Zionistischen Exekutive abgebrochenen offiziellen Beziehungen zum Colonial Office sind, wie die Jüdische Telegraphen-Agentur aus autoritativer Quelle erfährt, wieder aufgenommen worden. Es sind Verhandlungen über die schwebenden Fragen im Gange, die aber kein endgültiges Ergebnis haben können, solange der Bericht Sir John Hope Simpsons über seine in Palästina angestellten Untersuchungen nicht vorliegt. Der Bericht soll, wie wiederholt angekündigt wurde, Ende Juli abgeschlossen vorliegen. L o n d o n , 9. Juli. (JTA.) Der High Commissioner für Palästina, Sir John Chancellor, der in der vorigen Woche seinen Urlaub angetreten hat, ist am 7. Juli in London eingetroffen. Es verlautet, daß die Regierung mit ihm während seines Londoner Aufenthaltes über die Frage der zukünftigen Politik in Palästina beraten wird.