Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 28 (11.7.1930)
- Date
- 1930-07-11
- Page
- Seite 390 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9103085-9230141--10985-9223055- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
390 Das Jüdische Echo Nr. 28 Wartet ihr darauf, daß andere euch helfen? Das könnt ihr nur selber. Seid ihr denn blind? Seht ihr nicht, daß nun auch rechts des Rheins eine Dreyfuszeit heraufzieht, daß auch hier der noch nicht entschiedene Kampf zwischen dem Alten und dem Neuen auf eurem Rücken ausgefochten werden wird? Daß ihr also mehr als alle anderen eure Pflicht tun müßt, wollt ihr euch halbwegs heil aus dem Kampf retten? Die französischen Juden haben sie seinerzeit getan. Obwohl sie an Zahl nicht einmal ein Zehntel der eurigen erreichten, haben sie vor keinem Opfer zurückgeschreckt. Und vor allem eine Energie entfaltet, von der auch bei euch auch mit dem Ultramikroskop keine Spur zu entdecken ist. Dabei waren sie nicht einmal so gefährdet. Denn die damals in den Straßen von Paris ,,Mort aux Juifs’ brüllenden Massen waren nur bezahltes Gesindel. In Deutschland wird man zu diesem Zweck Menschenmillionen ganz umsonst zur Verfügung haben, wenn es noch eine Weile wirtschaftlich so weiter geht wie bisher. Es wäre Zeit, daß ihr euch dagegen vorsähet. Aber eure Fanfaren klingen matt. Fast sieht es so aus, als hättet ihr euch in fatalistischer Resignation auch in das Schlimmste ergeben. Dann — aber auch nur dann — wird es bestimmt schlimm enden.“ Gegen die Pogromhetze Massenkundgebung des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten Berlin, 2. Juli. (JTA.) Die Berliner Ortsgruppe des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten veranstaltete am 1. Juli abends in der Stadthalle, Klosterstraße, eine Kundgebung gegen die Pogromhetze, der zahlreiche Vertreter der Behörden beiwohnten. Der große Saal und die Galerien und Seitengänge waren überfüllt. Der Vorsitzende der Ortsguppe Dr. London eröffnete die Kundgebung mit einem Hinweis auf die Überfälle in Wannsee und auf die Pogromhetze des Goebbels-Organs „Der Angriff“. Er begrüßte insbesondere den Vertreter der Preußischen Staatsregierung, Ministerialdirektor Dr. Brecht, und den Vorsitzenden der Berliner Jüdischen Gemeinde Direktor Kareski. Der Bundesvorsitzende Dr. Löwenstein hatte die Kundgebung in einem Schreiben begrüßt. Der erste Redner, der stellvertretende Vorsitzende des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten, D r. E 1 - k e 1 e s , gedachte der Befreiung der Rheinlande und erinnerte an die Leistungen der Juden im Kriege und in der Zeit des politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbaus. Die Versammlung gedachte hierauf stehend der verstorbenen deutschen Führer Egbert, Rathenau und Stresemann und grüßte den Reichspräsidenten Hindenburg. Der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde, Direktor Kareski, führte aus: Wenn Rathenau und Preuß an dem deutschen Wiederaufbau so hervorragenden Anteil genommen haben, so macht schon dies einen sehr großen Prozentsatz jüdischer Leistung aus. Wir haben im Kriege die Grenzen verteidigt, haben am Wiederaufbau mitgewirkl. Die Antwort? Wüsteste Judenhetze. Die jüdische Gemeinde setzt ihre Autorität nur dann ein, wenn wirkliche Not am Mann ist. Mein Erscheinen hier soll dartun, daß die Gemeindeverwaltung der Ansicht ist, wir müßten all unsere Kraft in die Wagschale werfen. Die Gemeinde hat an einem ihrer Heiligtümer (Synagoge Kottbuser Tor) den Angriff zu spüren bekommen. Mil Genugtuung stellen wir fest, daß die Sühne für diesen Angriff so ausgefallen ist, daß sie nicht als Prämie für weitere Untaten gellen kann. Auf das Mainzer Gerichtsurteil gegen den Nationalsozialisten Rebhan, der den jungen Richard Kahn in Alzay erschoßen hat, hindeutend, erklärte Kareski: Wir hoffen, daß die Zeit bald hinter uns liegen wird, in der ein jüdisches Menschenleben nur vier Monate Gefängnis wert ist! Unsagbares Elend haben die letzten Jahre über uns gebracht. Der jüdische Mittelstand kämpft einen verzweifelten Kajnpf, die jüdischen Angesielten und Arbeiter pochen vergebens an die Türen der Arbeitgeber. Abgesehen davon, daß unser Mittelstand zusammengebrochen ist, hat ein Ausscheidungsprozeß in der Wirtschaft gegen die Juden eingesetzt. Auch in unseren eigenen Kreisen wird der Ernst der Situation noch nicht voll gewürdigt. Diejenigen von uns, die noch auf der Sonnenseite des Lebens stehen, sollten ihre Pflichten gegenüber der Gesamtheit erkennen. Wir als Gemeinde treten nicht wegen der neuen antisemitischen Welle in Aktion, sondern weil wir bei den nichtanlisemitischen Parteien deren Mangel an Widerstand gegen diese Welle sehen. Der Fall Bern Meyer ist für die Sozialdemokratie und ihr Zurückweichen vor dem Antisemitismus charakteristisch. Wir haben es satt, unsere führe herabsetzen und uns als Staatsbürger zweiter Klasse behandeln zu lassen. Dabei wollen wir uns nicht einem Pessimismus hingeben. Auch Frick und Goebbels werden nicht das fertig bekommen, was ihre Geistesverwandten in früheren Jahrhunderten nicht vermochten. Mul, Zähigkeit und Freiheitsdrang der Juden haben die Anschläge der Gegner überwunden. Einigkeit und Recht und Freiheit verlangen wir auch für uns. Sinn des Weltkrieges kann nur das Entstehen einer besseren Volksgemeinschaft sein. Daher stehen wir zur deutschen Republik. Ministerialdirektor D r. Brecht sprach als Vertreter der Preußischen Staatsregierung: Der häßliche Schatten, den der Antisemitismus über Deutschland wirft, sieht wieder einmal etwas rötlich aus. Man droht auf die infamste Weise, schafft eine Atmosphäre, durch die all die beklagenswerten Ereignisse möglich werden. Wie ist es möglich, daß so etwas nach allen unseren Erlebnissen, nach dem Tode Rathenaus, noch geschieht? Ihn traf der Schuß aus dieser Atmosphäre heraus, heule aber wagt niemand mehr zu behaupten, daß er ihn verdient hatte. Als Vertreter der Slaatsregierung danke ich Ihnen als Frontkämpfer für all die Leiden, die Sie auf sich genommen haben. Die Pre u ß i s c h e S laalsr e g i e r u n g wir d m it allen Mitteln d e p Versuch eines Terror s b e k ä m p f e n. S i e wird vor keine m Machtmittel z u - r ii c k s c h r e c k e n. Jeder, der mit diesem Gedanken spielt, ächtet sich selbst und verwirkt den Namen Deutscher. Als Letzter sprach Professor Dr, Georg Bernhard, M. d. R.: Der Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten ist als ein Abwehrbund und zur Selbsthilfe gegründet worden. Die antisemitische Hetze ist kaltblütig schon während des Krieges, sobald man eine Witterung von dem bösen Kriegsausgang bekam, vorbereitet worden. Man wollte die Schuld auf die Juden abschieben. Das ist das Schicksal der Juden in ihrer ganzen Exilgeschichte. Wirlh und Rathenau haben die Erfüllungspolitik durchgeführl als die Forderung der Demokratie für ganz Europa. Sie halten den Mut zur politischen Tat. Die Hetze gegen diese Politik wird am heutigen Tage durch die Befreiung des Rhyines ad absurdum geführt. In diesem Augenblick beginnt man zur Ablenkung mit einer Pogromhetze, obwohl die Wiege des deutschen Judentums das Rheinland ist, wo die Juden an Anfängen deutscher Kultur beteiligt sind. Rhein-Juden, aus ihrem Vaterlande geflüchtet, waren die Vorfall-