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Das jüdische Echo · 1930-07-11 · 28 (11.7.1930) · p. Seite 389

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
28 (11.7.1930)
Date
1930-07-11
Page
Seite 389 (sequence 4)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 28_ 11. Juli 17. Jahrgang Ein offener Brief an In der von Reichskanzler a. D. Dr. Joseph Wirth und Prof. Friedrich Dessauer herausgegebenen Wochenschrift „Deutsche Republik“ findet sich ein mit G. H. gezeichneter „Offener Brief an die deutschen Juden“, der zweifellos große Aufmerksamkeit verdient. Es heißt darin: „Die sächsischen Landtagswahlen haben mit einem geradezu überwältigenden Sieg der Hakenkreuzler geendet. Damit ist die Möglichkeit in greifbare Nähe gerückt, daß auch größere Länder als Thüringen eine von den Nationalsozialisten beherrschte Regierung erhalten. Die Zeche wird abgesehen von einigen vom Schauplatz gedrängten Parteibonzen vornehmlich von euch getragen werden. Denn wenn ihr die Hitlermützen lüftet, findet ihr darunter kaum etwas Greifbares als einen fanatischen Antisemitismus. Jedenfalls nichts, womit sie sonst die hochgepeitschten Erwartungen ihrer Anhänger befriedigen könnten. Es könnte deshalb schon sein, daß sie so mit der Zeit zu Schritten gegen euch gedrängt werden, an die sie heute selber noch nicht im Ernst denken. Und sie denken ohnedies schon an allerhand. Es ist nicht zum wenigsten eure eigene Schuld, daß es soweit gekommen ist. Ihr wißt doch aus eurer jammervollen Geschichte, daß sich Antisemitismus und Wirtschaftsnot jederzeit umgekehrt wie das Gesetz der kommunizierenden Röhren verhalten, also parallel steigen und fallen. Hättet deshalb die jetzt hereingebrochene Wirtschaftskrise voraussehen müssen kraft jener überlegenen Witterung, die euch zugeschrieben wird, und an die ihr selber vielfach glaubt. ...Was habt ihr denn in kluger Voraussicht der langsam aber sicher näherrückenden Gefahr bisher getan? Nichts, rein gar nichts. Ihr habt so ziemlich alles der von euren Gegnern sogenannten ,Judenpresse4 überlassen, die ja so bequem schon aus der Vorkriegszeit her zur Hand war. Und dabei übersehen, daß diese längst gar nicht mehr so jüdisch ist — wenn sie es je war —, wie ein Blick auf ihre Stäbe zeigt. Vor allem auch, daß sie bei ihren so weitschichtigen andersartigen Interessen die eurigen nicht allein so wahren kann, wie es wohl notwendig wäre. Fast sieht es so aus, als ob die oft beobachtete Erfahrung, der Jude nehme sehr bald die Vorzüge und Fehler seines Wirtsvolkes an, sich auch bei euch bewahrheitet habe. Zum mindesten für den größten deutschen Fehler: die politische Instinktlosigkeit. Ihr verteidigt euch kümmerlich mit einigen kläglichen ,Abwehrvereinen4. Fallt also in jene fluchwürdige Verwechslung von Politik und Vereinsmeierei, die den tüchtigsten deutschen Parteien jeden Schwung nimmt, die das deutsche Volk als Ganzes trotz erstklassiger Leistung immer nur einen ganz bescheidenen Bruchteil der Früchte seines Fleißes und seiner Begabung ernten ließ. Der Rest ist jenes ,Geschäft4, über dem auch das Vorkriegsdeutschland seine politischen Pflichten vergaß. Der eine oder der andere der in jüdischen Händen befindlichen Presseverlage hätte es z. B. weit bequemer gehabt als Herr Hugenberg, in der Infiationsdie deutschen Juden zeit einen gewaltigen, die ganze deutsche Provinz umspannenden Pressetrust aufzubauen, und manches wäre heute anders. Keiner hat auch nur daran gedacht, weil es in die enge Kalkulation vorsichtiger kaufmännischer Geschäftsgebarung nicht ganz hineinpaßte. Wie jene karthagischen Großkaufleute, die mit Pfennigen knauserten, als ihre Feldherren vor den Toren Roms standen. Und da zeihen euch eure Gegner eines systematischen Herrschaftsaufbaus über Deutschland. Spotten ihrer selbst und wissen nicht wie. Verlaßt ihr euch darauf? Ihr werdet irren. Muß man es euch 150 Jahre nach Rousseau noch ausdrücklich sagen, daß die Menschen sich von ihrem Gefühl, nicht von ihrem Verstand leiten lassen? Ihr seid mehr als der Durchschnitt wirtschaftlich geschult. Wißt also genau, daß die völkische Unterscheidung zwischen schaffendem4 und »raffendem4 Kapital Blödsinn ist, indem beide aus genau denselben Hypotheken, Aktien und sonstigen Eigentumsrechten bestehen. Aber glaubt ihr wirklich, daß verhungernde und verzweifelte Millionen gegebenenfalls darüber tiefsinnig grübeln werden? Seht ihr nicht, wie sie in Massen zu den Quacksalbern laufen und die Schulmedizin stehen lassen, obschon diese immerhin eine Reihe Seuchen aus der Welt geschafft, den Sterblichkeitskoeffizienten auf eine nie erschaut niedrige Ziffer heruntergeschraubt hat, und trotz Calmette immer noch soviel Garantie gegen eine Fehldiagnose bietet wie ein unwissender Schuster? Ihr verteidigt euch mit den „Leistungen“ eines Einstein oder Haber? Schon die individualistische Zeit pflegte die Ermittlung der objektiven Wahrheit nur zu gern auf bessere Zeiten zu vertagen. Meint ihr, daß das nun immer modischer werdende „Kollektiv“ sich mehr dafür interessieren wird? Wir wissen nach all dem Gerede so gut wie nichts von den Gesetzen der Massenseele. Nur daß sie sich so zu benehmen pflegt wie ein der Großhirnrinde beraubtes Tier. Das klingt sehr tröstlich für solchen Wahn. Auf was wartet ihr noch? Auf das Jahr 1940, wenn die jetzt- bis zur Bewußtlosigkeit verhetzte Jugend im Amt sein wird? Auf eine Besserung der Wirtschaftslage, wie sie 1924 die bereits auf 34 gestiegenen völkischen Reichstagsmandate wieder auf ein halbes Dutzend zusammenschrumpfen ließ? Welche Gewähr habt ihr dafür, daß Wall Street noch einmal einen derartigen Milliardensegen herüberschickt? Eher sieht es nach dem Gegenteil aus. Nach einer jahrzehntelangen Weltkrise, genau wie sie vor 100 Jahren bald nach den napoleonischen Kriegen eintrat. Auch auf finanziellem Gebiet scheinen wir ein neues Biedermeier zu bekommen. Was soll aus euch werden, wenn das herrschende System die heute schon verelendeten Millionen zuletzt gar nicht mehr ernähren kann? Ihr werdet die ersten Opfer sein. Man wird euch nicht gerade totschlagen? Kommt es nicht auf dasselbe heraus, wenn kein Mensch mehr in eure Kontore, Läden, Sprechzimmer kommt? Ein solcher von den Hakenkreuzlern für den Fall ihres Sieges bereits angekündigter Boykott ließe sich erzwingen.

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