Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 27 (4.7.1930)
- Date
- 1930-07-04
- Page
- Seite 382 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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382 Das Jüdische Echo Nr. 27 i agitation kommt der Sonderartikel einer großstädtischen Abendzeitung, der über tolle Zustände in Thüringen berichtet, die in vielen Punkten nicht nur übertrieben, sondern auch tendenziös entstellt sind. Es ist immerhin interessant festzustellen, fährt das „Wochenblatt“ fort, daß der liberal-volksparteilich-nationalistische Erfurter Anzeiger die Stellung der Fremdenverkehrsverbände mit dem Zusatz: „Es ist ein Irrsinn, wenn die Berliner Linkspresse ihren Kampf gegen die Nationalsozialisten auf dem Rücken des Thüringer Fremdenverkehrs auszufechten versucht“, bekanntgibt, anstatt eindeutig von dem frevelhaften Treiben der Nationalsozialisten abzurücken. Der thüringische Staatsrat Maschler wiederholt Sauckels Worte Weimar, 27. Juni. (JTA.) Das demokratische „Jenaer Volksblatt“ bringt in seiner Nummer vom 24. Juni einen Bericht über eine Rede des thüringischen Staatsrats Maschler (Nationalsozilist). Danach soll sich Maschler in einer Versammlung in Aue im Vogtland u. a. geäußert haben: „Die Schulgebete werden nicht zurückgezogen, auch wenn der Staatsgerichthof gegen die Nationalsozialisten entscheiden würde.“ Von der Reichsregierung soll Maschler nach dem Bericht von „Betrügern und Verrätern in Berlin“ gesprochen haben. Die Nationalsozialisten wünschten, sagte Maschler, daß kein Jude wieder, nach Thüringen komme. Ein interessanter Prozeß um Walter Bloem Stettin, 29. Juni. (JTA.) Ein interessanter Beleidigungsprozeß, den der bekannte Schriftsteller Dr. Walter Bloem gegen den Redakteur der „Pommerschen Tagespost“ Paul Niehaus angestrengt hat, beschäftigte die hiesige Strafkammer. In der „Pommerschen Tagespost“ war ein Aufsatz unter dem Titel „Renegaten“ .erschienen, der sich u. a. mit Walter Bloem, insbesondere mit seinem Reisebuch „Weltgesicht“, befaßte. Es war darauf hingewiesen worden, daß Walter Bloems neuester Band Verse eine kolossal lobende Besprechung im „Berliner Tageblatt“ .gefunden hatte. Der Beklagte sah das Renegatentum Bloems darin, daß er in seinem Buch, während er vorher gut vaterländisch gewesen sei, sich als international eingestellter Kosmopolit gebe. In der Verhandlung, in der der Angeklagte durch den Rechtsanwalt Graf von der Goltz verteidigt wurde, wurde auch als charakteristisch für Bloems angeblichen Gesinnungswechsel darauf hingewiesen, daß Walter Bloem für das „Hamburger Israelitische Familienblatt“ geschrieben habe. Dies in Verbindung mit der lobenden Kritik im „Berliner Tageblatt“ zeige auch, daß er nicht mehr den nationalen Standpunkt, den er früher eingenommen habe, vertrete. Deshalb sei die Bezeichnung „Renegat“ durchaus gerechtfertigt. Der Vertreter Dr. Bloems, Rechtsanwalt Dr. Klee (Berlin) führte aus, daß eine gut vaterländische Gesinnung, wie sie Bloem immer gezeigt habe, und noch heute zeige, durchaus vereinbar sei mit der gerechten Würdigung anderer Völker, und daß gerade Bloem diese höhere Form einer nationalen Gesinnung zeige, die sich darin auszeichne, daß er das deutsche Volk in den friedlichen Wettbewerb der Nationen eingereiht sehen wolle. Der Ausdruck „Renegat“ sei unter allen Umständen schwer beleidigend. Er bedeute nach allgemeinem deutschen Sprachgebrauch einen Gesinnungswechsel aus Charakterlosigkeit oder unlauteren Beweggründen. Das Gericht schloß sich diesen Ausführungen an. Es erklärte, daß der Ausdruck „Renegat“ beleidigend sei, und daß die Absicht dieser Beleidigung auch aus der im allgemeinen kränkenden Form des Aufsatzes deutlich erhelle. Der Beleidiger wurde zu 100 RM. Geldstrafe verurteilt. Beginn der Makkabiade in Antwerpen Antwerpen, 27. Juni. (JTA.) An der großen Makkabi-Tagung die in Antwerpen stattfinden wird, und zu der Teilnehmer aus Amerika, Belgien, Bulgarien, Deutschland, England, Erez Israel, Estland, Finnland, Frankreich, Jugoslavien, Lettland, Litauen, Österreich, Polen, Rumänien, Schweiz, Südafrika, Tschechoslowakei und Ungarn erwartet werden, wird auch die Zionistische Organisation beteiligt sein, Das Mitglied der Exekutive, Lazarus Barth, wird in der großen Propaganda- Versammlung, die am Sonnabend, dem 5. Juli, nach dem gemeinsamen Besuch der Weltausstellung geplant ist, das Wort ergreifen. Außerdem sind als Redner für diese Versammlung von führenden jüdischen Persönlichkeiten in Aussicht genommen der Präsident des Zionistischen Aktions-Komitees Leo Motzkin, Paris, aus Berlin die Herren Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Berlin, Direktor Georg Kareski, sowie der Präsident des Makkabi-Weltverbandes, Dr. Hermann Leiewer. Die Tagung dauert von Donnerstag, den 26. Juni an bis Montag, den 7. Juli. Von besonderer Bedeutung ist, abgesehen von den turnerischen und sportlichen Veranstaltungen, die Erörterung der Frage der 1932 für Palästina in Aussicht genommenen Makkabiade. Die Wiener Israelitische Kultusgemeinde protestiert Wien, 25. Juni. (JTA.) Die letzte Plenarsitzung der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde war zu einem großen Teil der Suspendierung der Chaluz- Alijah durch die englische Regierung gewidmet. Der Präsident der Gemeinde verlas ein Protestmemorandum, in welchem die Wiener Judenheit ohne Unterschied der Partei an die englische Mandatarmacht sowie an den Völkerbund als den Unterzeichner des Mandates appelliert, die historischen jüdischen Rechte auf Palästina, die neuerdings durch die internationale Welt verbürgt worden sind, in Geltung zu bringen. Kopien des Memorandums wurden an die britische Regierung und an die internationalen Körperschaften gesandt. Fortsetzung und Ende des Parteitages der Zionisten Österreichs W i e n , 29. Juni. (JTA.) Der vor einiger Zeit begonnene, aber in der Mitte abgebrochene Parteitag der Zionisten Österreichs wurde wieder aufgenommen und friedlich zu Ende geführt. Zum Präsidenten des zionistischen Landeskomitees wurde der bisherige Vorsitzende des „Rings des Alte-Herren- Verbandes“, Dr. Oskar Grünbaum, gewählt. Es wurde beschlossen, zu Beginn des Herbstes 1930 einen außerordentlichen. Parteitag abzuhalten, der darüber die Entscheidung treffen soll, ob die Zionistische Organisation Österreichs sich auch in der Landespolitik betätige oder nur Arbeit für Palästina leisten solle. Die neue Leitung ist nur aus allgemeinen Zionisten und Vertretern der Hitachduth zusammengesetzt, man hofft aber, daß nach dem außerordentlichen Parteitag im Herbst auch Radikale und Revisionisten in die Leitung eintreten werden. Die Wünsche der Mehrheit gehen dahin, die landespolitische Arbeit einer neu zu schaffenden nationalen Organisation, wie sie z. B. in Kongreßpolen besteht, zu überlassen.