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Das jüdische Echo · 1930-06-27 · 26 (27.6.1930) · p. Seite 364

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
26 (27.6.1930)
Date
1930-06-27
Page
Seite 364 (sequence 7)
Language
German
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364 Das Jüdische Echo Nr. 26 amtes. Herr Lichtenauer trat den Ausführungen Wassermanns entgegen. Dr. Werner versuchte für seine Person den Eindruck der Wassermannschen Kritik zu verwischen und erklärte sich prinzipiell mit der Tätigkeit des Wohlfahrtsausschusses einverstanden. Er brachte Bedenken gegen die geplante, von Dr. Straus erwähnte, Darlehenskasse vor und glaubte schließlich darauf hinweisen zu müssen, daß die schlechte Finanzlage der Gemeinde in Zukunft unter Umständen eine wesentliche Einschränkung der gemeindlichen Wohlfahrtstätigkeit notwendig machen werde. Herr Justizrat Leo Oppenheimer beklagte den mangelnden Familienzusammenhalt unter den Juden, polemisierte gegen die Erklärung von Herrn Justizrat Dr. Straus über die Gleichbehandlung aller Juden durch das Wohlfahrtsamt — wogegen er sich dabei wandte war allerdings nicht recht zu erkennen —, die Ostjuden ließen es an der erfoi derliclien Anerkennung der an ihnen geleisteten Arbeit fehlen; der Betrag von RM. 2400.—, den der Gesamtausschuß der Ostjuden zuschieße, sei ein unzureichendes „Entgelt“. (Als ob in diesem Zusammenhang von Entgelt gesprochen werden dürfte und als ob es irgendeine Verpflichtung zu dieser ganz freiwilligen Sonderleistung des Gesamtausschusses geben könnte!) Schließlich erklärte er eine Abstellung der Klagen des Scliw* binger Krankenhauses über Nichteinhaltung der Besuchsordnung in der jüdischen Abteilung für unbedingt erforderlich. Er habe auch sonst noch vieles auf dem Herzen, aber das wolle er nicht sagen. Nach Bemerkungen von Justizrat Dr. F r ä n k e 1 und Paul Grünbaum gab Justizrat Dr. Straus auf die Diskussionsrede Dr. Wassermanns die verdiente Antwort. Er verwahrte sich gegen dessen ungerechte und geradezu boshafte Kritik, wies ihm nach, daß er die Vorlagen nicht richtig gelesen habe, daß er die Jahresrechnung und die Statistiken nicht auseinandergehalten habe, obwohl er hierüber vor der Sitzung aufgeklärt worden sei; daß die vorgelegte Abrechnung,‘die Arbeit der Beamten, restlos korrekt sei und auch von den Revisoren der Gemeinde geprüft und vollkommen in Ordnung befunden worden sei. Das plötzliche Erstaunen Wassermanns über die hohen Personalausgaben sei unerklärlich. Er habe doch mit seiner Fraktion jeden Pfennig selbst bewilligt. Die Beurteilung der Wohlfahrtsarbeit nach fiskalischen Gesichtspunkten sei verfehlt. Diese Arbeit könne ebensowenig nach kaufmännischen Grundsätzen verstanden und ausgeübt werden, wie etwa die religiöse und kulturelle Arbeit der Gemeinde. Wohlfahrtsarbeit müsse man mit dem Herzen machen, oder man könne sie überhaupt nicht machen. Von sich könne er sagen, daß er mit dieser Arbeit keinerlei politische Vorstellungen oder Absichten verbinde. Er habe deshalb auch nicht nötig, sich ein sozialpolitisches Mäntelchen umzuhängen, dazu fehle ihm schon die Zeit. Was den Kreistag anlange, so habe der Vorstand im vorigen Jahr einstimmig unter Anwesenheit Wassermanns beschlossen, ihn nicht um Unterstützung anzugehen, da man die dort zu erwartende Auseinandersetzung eines unerheblichen Zuschusses wegen habe vermeiden wollen. Die Erklärung über die Gleichbehandlung aller Juden habe er aus wohlerwogenen Gründen abgegeben; es sei doch auch schon einmal anders darum bestellt gewesen, und auch jetzt noch gebe es deshalb zuweilen Angriffe und Vorwürfe. Justizrat Dr. Straus setzte sich auch mit den anderen Diskussionsrednern auseinander und bemerkte dabei u. a„ daß in bezug auf den Umfang der an nichtdeutsche Juden geleisteten Unterstützungen merkwürdige Vorstellungen herrschten. In Anbetracht des Umstandes, daß die Kultusgemeinde ja nur ergänzende Fürsorge leiste, die selbstverständlich dem mehr zugute komme, der keinerlei Anrecht an die öffentliche allgemeine Fürsorge habe, in Anbetracht ferner der schlechten wirtschaftlichen Lage der eingewanderten Juden und der Bedrückungen, denen sie ausgesetzt waren und seien, könne die Verhältniszahl der unterstützten ausländischen zu den unterstützten inländischen Personen keineswegs als besonders hoch bezeichnet werden. In der Jugendfürsorge seien beispielsweise 177 ausländische Kinder unter insgesamt 306 befürsorgten Kindern im vergangenen Jahre gewesen. Jedenfalls sei dieser Prozentsatz lange nicht so hoch, wie viele Leute glauben und glauben machen möchten. Von Herrn Justizrat Oppenheimer wäre eine prinzipielle Auseinandersetzung mit der Arbeit des Wohlfahrtsamtes, zu der er seine Gegnerschaft ja sonst nicht verschweige, zu erwarten gewesen. Die gemeinsame Sitzung verfolge gerade den Zweck, eine solche Aussprache und positive Kritik möglich zu machen. Auch Justizrat Oppenheimer habe aber leider keineswegs gezeigt, wie man es besser machen könne. Gegen die ihm zuteil gewordene Abfuhr wandte sich sodann Dr. Wassermann mit solch maßloser Gereiztheit und solchen persönlichen Angriffen, wie man sie in diesem Saal selten gehört haben dürfte. Der Vorsitzende war verschiedentlich genötigt, ihn zu unterbrechen und zurechtzuweisen. Wassermann scheute sich nicht einmal die Beamten des Wohlfahrtsamtes zu beleidigen und ihnen vorzuwerfen, sie säßen mit „süffisanten“ Gesichtern in der Ecke; er sprach davon, daß man von ihnen, wenn es nötig sei, auch ordentliche Arbeit erzwingen werde. Herrn Dr. Straus warf er vor, daß er Wahltaktik treibe, sich zu „Machinationen“ herbeilasse, statt Zahlen und Unterlagen zu geben, demagogische Reden halte. Man habe die Phrasen nun aber gründlich satt. Dr. Straus antwortete wiederum; zum Schlüsse bemühte sich Oberstlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer, eine versöhnliche Stimmung herbeizuführen. Es erhebt sich die Frage, ob ihm dies gelungen ist, ob es ihm gelingen kann. Und da muß klipp und klar erklärt werden: Nein, solange Dr. Wassermann sich anmaßen kann, im Namen der liberalen Fraktion nicht nur verständnislos und hartherzig, lediglich von fiskalischen Gesichtspunkten aus — dies könnte man seiner Persönlichkeit gerade noch zugute halten —, sondern auch bos-. haft und in den Vorwürfen gegen die Beamten geradezu brutal gegen die an sich wirklich unpolitische Wohlfahrtsarbeit aufzutreten und diesen wichtigen und wertvollen Teil der gemeindlichen Arbeit herabzusetzen und zu diskreditieren. Seine Anwürfe gegen Dr. Straus richten sich von selbst und brauchen nicht widerlegt zu werden. Wir haben es nicht nötig, Dr. Straus gegen Dr. Wassermann in Schutz zu nehmen. Allerdings hätte man wohl erwarten dürfen, daß wenigstens ein Mitglied der liberalen Fraktion erklären würde, Dr. Wassermann spreche nur für sich selbst. Daß dies nicht geschehen ist, muß immerhin festgestellt werden. Wassermanns Anwürfe aber gegen die Beamten des Wohlfahrtsamtes sollten unbedingt die Gemeindevertretung und den Vorstand veranlassen, gegen solch unangebrachte Chefmanieren Verwahrung einzulegen. Man sollte einer israelitischen Kultusgemeinde nicht nachsagen können, daß sie ihre Beamten so behandeln läßt. Auf die Dauer wird es sich eben als unmöglich heraus-

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