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Das jüdische Echo · 1930-06-27 · 26 (27.6.1930) · p. Seite 363

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
26 (27.6.1930)
Date
1930-06-27
Page
Seite 363 (sequence 6)
Language
German
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Nr. 26 Das Jüdische Echo 363 ser der Bezirksversammlung überlassen, statt die Person des künftigen Geistlichen zum Gegenstand •einer oft gehässigen Agitation unter den sämtlichen Gemeindemitgliedern werden zu lassen. — Hierauf zielt ein der Tagung vorgelegter Zusatzantrag Dr. Straus ab; weitere Zusatzanträge von Dr. Straus verfolgen den Zweck zu einer Verständigung in anderen umstrittenen Punkten, z. B. dem des Frauenwahlrechts beizutragen. Est. Kampf um das Wohlfahrtsamt Die ausgezeichnete Arbeit des Wohlfahrtsamtes der Israelitischen Kultusgemeinde München unter der Leitung yon Justizrat Dr. Elias Straus schien sich in den letzten Jahren nicht nur des Beifalls der ganzen Gemeinde, sondern was mehr ist, auch der gesamten gemeindlichen Vertretungskörperschaften zu erfreuen. Hatte doch auch die liberale Fraktion in den Etatberatungen der letzten Jahre anstandslos die für den Sozialetat angesetzten Beträge bewilligt. Leider schien dem nur so, wie sich deutlich genug auf der gemeinsamen Sitzung der gemeindlichen Kollegien und des Sozialen Ausschusses vom Montag, 23. Juni, herausstellte. Zunächst ein kurzer Bericht über den Verlauf der Sitzung. Herr Oberstlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer, der die Verhandlungen leitete, eröffnete sie mit einer herzlichen Beileidskundgebung für Herrn Dr. Ernst Wilmersdörffer, der soeben durch den Tod seiner Frau in tiefe Trauer versetzt worden war. Dann gab Herr Justizrat Dr. Elias Straus als Referent eine Übersicht über die mannigfaltige Tätigkeit des Wohlfahrtsamtes, über seine Einnahmen von Gemeinde, aus Stiftungsmitteln, aus Beiträgen und Spenden, vom Gesamtausschuß der Ostjuden und von öffentlichen Körperschaften in Höhe von insgesamt RM. 123 000.—, über seine Ausgaben in den beiden Abteilungen, der allgemeinen Fürsorge und der bisher von Herrn Hirschinger geleiteten Abteilung. Dabei gab er bekannt, daß Herr Hirschinger um seine Pensionierung gebeten habe, und sprach diesem verdienten Manne, der seit Jahrzehnten in der Münchener Wohlfahrtspflege tätig ist und auf dessen Vorarbeiten das Wohlfahrtsamt aufgebaut wurde, den herzlichen Dank der Gemeinde aus. Die von Herrn Hirschinger bisher ausgeübten Funktionen wurden zum Teil von den Beamten des Wohlfahrtsamtes übernommen; für das überaus schwierige und verantwortungsvolle, notwendige, aber am wenigsten produktive Gebiet der Durchwandererfürsorge wurde vorläufig in Herrn Dr. Ettinger eine Kraft gewonnen, die dieser Arbeit besonderes Verständnis entgegenbringt. Man sei auch in der Hauptstelle für Wanderfürsorge mit der Münchener Arbeit besonders zufrieden. Nach Erläuterungen der vom Wohlfahrtsamt vorgelegten Statistiken über die Zahl der unterstützten Familien, die Höhe der Unterstützungen, die Sprechstundenberatungen und Hausbesuche, aus denen sich ein Bild von der Fülle der geleisteten Arbeit ergab, behandelte Justizrat Dr. Straus eingehend die Tätigkeit der Stellenvermittlung und Berufsberatung. Er beschloß sein Referat, in dem er auch die Frage der ehrenamtlichen Arbeit gestreift und allen amtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitern des Wohlfahrtsamtes für ihre aufopferungsvolle Arbeit gedankt hatte, mit einem Überblick über Personalstand und Ausgaben des Amtes. Auf drei Punkte von prinzipieller Bedeutung hatte er im Laufe seiner Ausführungen mit besonderem Nachdruck hingewiesen: auf die jeder Wohlfahrtsarbeit innewohnende Tragik, daß sie nur selten entscheidend helfen könne, daß sie fast immer die Menschen in der Not belassen müsse und nur augenblickliche notwendigste Bedürfnisse befriedigen könne; ferner, daß oberster Grundsatz jüdischer Wohlfahrtsarbeit der sein müsse, jeden Juden gleich zu behandeln und nicht nach Herkunft und Staatsangehörigkeit, sondern nur nach Hilfsbedürftigkeit und Hilfswürdigkeit zu fragen; schließlich, daß zu der heute notwendigsten und auch produktivsten Wohlfahrtsarbeit, der Arbeitsvermittlung für den unter der derzeitigen schlechten Konjunktur, unter der antisemitischen Einstellung weitester Kreise und ganzer Branchen und auch unter dem unbegründeten Mißtrauen jüdischer Arbeitgeber besonders leidenden jüdischen Angestellten, einträchtige Anstrengungen aller Juden, vor allem der jüdischen Arbeitgeber notwendig seien, an die er in diesem Zusammenhang einen ernsten Appell und eine Mahnung richtete. Ein Referat von Frl. Dr. Emmy Strauß über die Fragen der Arbeitsvermittlung und Berufsberatung ließ die Notwendigkeit spezifisch jüdischer Arbeitsvermittlung mit aller Schärfe hervortreten. Frl. Dr. Strauß beschäftigte sich auch mit den durch die Eingliederung dieser Arbeit in den Rahmen der Wohlfahrtsarbeit akut gewordenen Problemen; sie kam zu dem Schlüsse, daß die Tätigkeit auf diesem Gebiete noch intensiver werden könne und müsse. Darauf begann die Aussprache. Herr Kommerzienrat Dr. Wassermann, der sie ünleitete, beschäftigte sich mit der vorliegenden Rechnung, den Aufstellungen und den Referaten zunächst vom fiskalischen Standpunkt aus — woraus man ermessen kann, wie wichtig ihm die Wohlfahrtsarbeit selbst ist. Er bemängelte die vorgelegte Abrechnung als unkorrekt, rügte, daß über den Personalaufwand ungenügende, über den Sachaufwand gar keine Angaben gemacht seien, kritisierte sehr heftig die Höhe des Personalaufwands, erklärte, daß er sich dem Dank an das Personal nicht anschließen und vom fiskalischen Standpunkt aus keineswegs mit dem Etat zufrieden sein könne. Sachlich bemerkte er, daß die Erklärung von Justizrat Dr. Straus über die gleichmäßige Behandlung deutscher und ausländischer Juden durch das Wohlfahrtsamt überflüssig gewesen sei; außerdem stimme sie nicht, da ja ausländische Juden besser behandelt werden müßten, weil sie von den deutschen öffentlichen Fürsorgestellen nichts bekämen. Aus der „deklamatorischen“ Behandlung dieser Frage durch Dr. Straus ergebe sich, wie überhaupt aus seiner ganzen Art, daß er die Wohlfahrtsarbeit als ein Monopol seiner Partei hinstellen wolle, man hänge sich jedoch nur ein sozialpolitisches Mäntelchen um und verfolge dabei in Wirklichkeit das -Ziel, die Gemeinde zu einer Volksgemeinde umzugestalten. Mit der sozialpolitischen Tätigkeit sei er schon gar nicht einverstanden; es werde in Deutschland ohnehin viel zu viel Sozialpolitik getrieben. Die Gemeinde habe sich darum nicht zu kümmern und sich auf ihre eigentlichen Arbeiten zu beschränken; im besonderen sei das „eigene Bankgeschäft“ des Wohlfahrtsamtes höchst überflüssig. Auch müsse er feststellen, daß man seiner Anregung, sich um Unterstützung an den Kreistag zu wenden, wiederum nicht nachgekommen sei. So müsse , er über eine ganze Reihe von Angelegenheiten Aufklärung im engeren Vorstand verlangen und vor allem die Vorlegung eines odnungsgemäßen Etats fordern. In der weiteren Aussprache wandte sich Herr Rechtsanwalt Dr. Albert Oppenheimer gegen die Arbeitsvermittlungstätigkeit des Wohlfahrts-

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