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Das jüdische Echo · 1930-06-20 · 25 (20.6.1930) · p. Seite 349

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
25 (20.6.1930)
Date
1930-06-20
Page
Seite 349 (sequence 5)
Language
German
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Nr 25 Das Jüdische Echo 349 verstärkt durch wirtschaftlichen Antisemitismus, äußert. Aus diesen Gründen hat man in Deutschland einem Ereignis, wenigstens außerhalb Berlins, nicht jene Aufmerksamkeit geschenkt, die es verdient. In diesen Tagen beging nämlich die Jüdische Volkspartei Berlins, welche in den letzten drei Jahren einen ausschlaggebenden Einfluß auf die Verwaltung der Berliner Jüdischen Gemeinde besaß, die Feier ihres zehnjährigen Bestandes. Vor einem Dezennium zogen zum erstenmal in die Berliner Gemeinderepräsentanz Vertreter dieser Richtung ein und stellten zunächst ein an Zahl so geringes Häuflein dar, daß niemand voraussehen konnte, in wie kurzer Zeit diese Gruppe zu ausschlaggebender Bedeutung im Gemeindeleben gelangen werde. An dieser Partei bewahrheitete sich aber ein altes Wort: Ein Mann und die Wahrheit sind immer in der Majorität. Da diese Richtung mit den Entwicklungstendenzen im jüdischen Leben parallel ging, konnte sie in einer verhältnismäßig kurzen Zeit Einfluß und Anhang gewinnen und in den letzten drei Jahren durch die Tat beweisen, daß sie nicht nur zu kritisieren und aufzuputschen vermag, sondern daß sie auch den ernsten Willen und die Eignung besitzt, segensreiche Reformen durchzuführen. Drei Momente haben den beispiellosen Aufstieg der Jüdischen Volkspartei bestimmt. Dieser Aufstieg ist durch die Tatsache gekennzeichnet, daß der erste Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde der Zionist Georg Kareski ist. Die ausschlaggebenden drei Momente können folgendermaßen Umrissen werden: Erstens hätte sich die liberale Richtung überlebt, da sie es nicht verstand, mit dem Zeitgeiste in Einklang zu bleiben. Jüdischer Liberalismus ist nicht mehr Zentralinteresse jüdischer Menschen, um welche sich alle anderen jüdischen und menschlichen Interessen gruppieren. Die liberale Richtung, die religiös sein und sich nur darauf beschränken sollte, wurde eine weltlich-politische Partei, die den in der ganzen Judenheit abgefeimten Gedanken der restlosen Assimilation und der Aufgabe jüdischer Eigenart und jüdischer Lebensformen vertritt. Da die Entwicklung des Judentums fast überall die Tendenz zu bewußter Assimilation überwunden hat, verlor der jüdische Liberalismus an Anhang unter der jüdischen Bevölkerung und seine Ideologie, die mit dem tatsächlichen Leben der liberalen Partei nicht mehr im Einklang stand, wird als überlebt empfunden. Das zweite Moment war die Durchsetzung der Erkenntnis von der jüdischen Verbundenheit in der ganzen Welt. Und da die Weltjudenheit bewußt an die Lösung gesamtjüdischer Aufgaben herantritt, die weit über das Religiöse hinausgehen, so mußten Richtungen, die die echte Betätigung jüdischer Verbundenheit ablehnen, an Kredit verlieren und Richtungen Platz machen, denen das Wort vom jüdischen Klal nicht nur Phrase, sondern lebendiger Inhalt ist. Die Nationalisierung der Weltjudenheit machte auch vor den Berliner Juden nicht Halt. Die siegreiche Ideologie des Zionismus setzte sich auch bei den deutschen Juden durch und diejenigen jüdischen Schichten, die jüdisch noch interessiert sind, fühlten sich von dem neuen jüdischen Energiezentrum, der zionistischen Weltorganisation, unwiderstehlich angezogen, mochten sie auch formell dieser Organisation nicht beitreten. Das dritte ausschlaggebende Moment für den Aufstieg der Volks- Partei war die immer stärker in Erscheinung tretende Bedeutung der in den letzten Jahren nach Berlin eingewanderten ostjüdischen Elemente. Der jüdische Liberalismus hatte den folgenschweren Fehler begangen, diese Neuankömmlinge mit Mißtrauen zu behandeln und ihnen keine Gleichberechtigung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft zuzugestehen. Die Jüdische Volkspartei aber, deren Ideologie auf dem Gedanken der gesamtjüdischen Verbundenheit basiert, machte sich sofort zum Sachwalter der Ostjuden und bemühte sich, diesen Elementen Heimatsrecht und Heimatsgefühl innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Berlin zu verschaffen. Dadurch erlangte sie neben der Rolle, Vertreterin aller bewußt jüdischen Elemente zu sein, auch die Position der legitimen Sachwalterin des Ostjudentums. Der große politische Erfolg der jüdischen Volkspartei in den letzten zehn Jahren wäre wohl aber kaum ein Anlaß für besondere Feiern gewesen, denn die Zeiten sind nicht danach, daß man gegenwärtig innerhalb der Judenheit Jubiläen feiern sollte. Da jedoch in den nächsten Monaten in Berlin Neuwahlen in die Jüdische Gemeinde wie auch in den Preußischen Landesverband Jüdischer Gemeinden'stattfinden sollen^ so nahm man den zehnjährigen Bestand der Jüdischen Volkspartei zum Anlaß, um durch die veranstalteten Feiern die Wahlvorbereitungen einzuleiten. Wie stark das neu erwachte Interesse der Berliner jüdischen Bevölkerung am Gemeindeleben ist, bewies eine Versammlung, welche von der Jüdischen Volkspartei in einem der größten Säle Berlins einberufen wurde. Diese Versammlung fand einen Tag nach der großen vieltausendköpfigen Protestversammlung statt, welche von den Berliner Zionisten gegen die Suspendierung der Chaluz-Zertifikate durch die britische Verwaltung einberufen worden war. Trotzdem und trotz der drückenden Hitze fanden sich wieder Tausende von Juden zusammen, um die Ansprachen der Führer der Jüdischen Volkspartei zu hören. In dieser Versammlung konnten der erste Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde, Direktor Georg Kareski und der Führer der Jüdischen Volkspartei, Dr. Alfred Klee, eine $tolze Liste von Leistungen aufzählen, die in den letzten drei Jahren von den neuen Männern in der Berliner Gemeinde vollbracht wurden. Wenn man bedenkt, daß diese Arbeiten geleistet werden konnten, ohne daß die Volkspartei allein die Mehrheit besaß und darum stets gezwungen war, Rücksicht nicht nur auf ihre Verbündeten, sondern auch auf die Liberalen in der Gemeinde zu nehmen, so muß man der Tatkraft und auch dem politischen Geschick der leitenden Männer der Jüdischen Volkspartei alle Anerkennung zollen. Die Berichte der Volksparteiführer gipfelten alle in der Frage, ob die Berliner jüdische Bevölkerung den Wunsch hege, daß die von der Volkspartei mit so großen sichtbaren Erfolgen eingeleitete Arbeit in der Zukunft in gleichem Geiste fortgeführt werden solle. Die Antwort auf diese Frage war jubelnder Beifall. Seit dieser großen Versammlung sind eine Reihe kleinerer Versammlungen und Besprechungen abgehalten worden. Die Tendenz des •nun einsetzenden Wahlkampfes geht dahin, die Mehrheit in der Berliner Repräsentanten-Versammlung zu erlangen. Nicht etwa zu dem Zwecke, um andere Richtungen von der Mitarbeit auszuschließen, sondern um den eingeleiteten Arbeitskurs .festzuhalten. Kenner des Berliner jüdischen Lebens neigen der Ansicht zu, daß es der Jüdischen Volkspartei gelingen wird, das Ziel zu erreichen, allein die Mehrheit in der Repräsentantenversammlung zu stellen! Sicherlich wird zu diesem Zwecke eine außerordentlich rührige Wahlarbeit geleistet werden müssen. Da der Jüdischen Volkspartei aber Tausende von freiwilligen Helfern, vor allem in der jüdischen Jugend

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