Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 24 (13.6.1930)
- Date
- 1930-06-13
- Page
- Seite 338 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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338 Das Jüdische Echo Nr 24 Und das deutsche Juden!um? Die Emanzipation hatte seine Geschichte im 19. Jahrhundert geschrieben. Liberalismus-, Hirschs Neuorthodoxie und Herzls Zionismus sind für Simon nur der verschiedene Ausschlag des gleichen Pendels, eben der Emanzipation. Rosenzweig kam von der vollendeten Emanzipation her, aus dem Großbürgertum, dem keine Eierschalen der widerspruchsvollen Befreiung mehr anbafteten, den kein Gbettosebatlen mehr begleitete. Das machte ihn so souverän, wurzelhaft in der deutschen Kultur und ganz frei gegenüber dem Judentum, zu dessen Religion er — tragischer Umweg — durch die Berührung mit der christlichen kam. Nehemia Nobel, der verewigte Frankfurter Rabbiner, wurde ihm — so wie er es für Simon war — Führer zu den Quellen des Judentums. Und Rosenzweig ist ganz heimgekehrt und gibt im „Stern der Erlösung“ Rechtfertigung und tiefsinnige Deutung des jüdischen Gesetzes. Mit diesem Werk hatte Rosenzweig seine Lebensarbeit getan. Was noch kam waren neben den Aufsätzen im „Zweistromland“ und der Gründung des Freien jüdischen Lehrhauses in Frankfurt die Übersetzungen: die Hymnen Jehude Halevis und die Bibel. Auch hier brach er Neubruch. Ein neues Übersetzungsideal schwebte vor: Nicht die Bibel sollte der deutschen Sprache angepaßt, vielmehr das Deutsche zur Aufnahme der Heiligen Schrift umgeschmolzen werden. Voraussetzung war dafür der Glaube an die Urverwandtschaft aller Sprachen mit dem Hebräischen, dem in jeder von ihnen eine „Provinz“ Vorbehalten bleibt. Unumstößlicher Glaube war ihm der Offenbarungscharakter der Schrift, wiewohl er der Bibelkritik mäßigen Spielraum zugestand. Ähnlich erweist sich nach Simon Rosenzweigs Einstellung zu den Gesetzen des Judentums. Prinzipiell ein Eklektiker, deckte sich doch die Auswahl, die er für sein privates Leben traf, fast mit dem ganzen Komplex des jüdischen Rituals. Simon sieht darin „ein Zeichen“, die Bürgschaft für eine letzte Einheit von menschlichem Erkennen und göttlicher Forderung, so wie ihm auch Rosenzweig, der Gelähmte, Verstummte einer in der Reihe von Gottes Sprechern war, einer seiner Boten der „schweren Zunge“. * * * Der Titel des zweiten Vortrages, den Ernst Simon im gleichen Rahmen hielt, war: „Traditionelles Judentum und moderne Erziehungsfragen.“ Das Problemhafte, welches das Thema erwarten ließ, schied der Redner aus. Er gab keine Auseinandersetzung zwischen traditionstreuer und moderner Erziehung, er stellte nur nebeneinander die modernen Unterrichtstypen von der Arbeitsschule bis zur extremen Schulgemeinde und die Formen des Unterrichts, welche das religiöse Judentum für seine Talmuderziehung geprägt, wie sie uns in Cheder und der Jeschiwa des Ostens begegnen. Man kann natürlich über den pädagogischen Wert des Cheder geteilter Meinung sein, interessant war jedenfalls, wie Simon fast alle Elemente des modernen Unterrichts in diesen Lehrmethoden aufzufinden wußte. Besonders tief und schön sprach er vom Studium des Talmud, das den heute Lernenden in den Kreis der Generationen aufnimmt und ihn mitschaffen läßt an dem Werk, das zwei Jahrtausende überspannt. B.F. Antonius-Wäscherei Sommerstraße 6o Lindwurmstraße gj Telefon 44438 Aus der jüdischen Welt 10 Jahre jüdische Volkspartei in Berlin Tee-Abend in der „Alhambra“ Berlin, 5. Juni. (JTA.) Die Jüdische Volkspartei versammelte einen weiten Kreis ihrer Freunde am 4. Juni zu einem Tee-Abend auf den Dachgarten des Hotels „Alhambra“ zu Berlin, um ihr lOjähriges Arbeitsjubiläum festlich zu begehen. Es hatten sich die führenden Persönlichkeiten der Volkspartei mit ihren Damen in großer Zahl eingefunden, so daß der Raum stark überfüllt war. Nach einleitenden Worten von Herrn Philipp Grünbaum spielte die Kammermusik-Vereinigung des Bar-Kochba einen Satz aus einem Schubertschen Streichquartett. Dr. Alfred Klee, der Vorsitzende der Volkspartei, schilderte Weg und Arbeit der Volkspartei und wies auf die Erfolge in der bisherigen Arbeit hin. Direktor Georg Kareski, der Vorsitzende der Gemeinde, wies auf die kommenden Wahlen hin, bei denen es sich zeigen wird, ob die Juden für die Aufbauarbeit der Volkspartei eintreten. Oberkantor Alter (Hannover) sang einige jüdische Volkslieder und einen eigens für die Feier improvisierten „Mascheberach“. Ministerialrat Hans Goslar verlangte Heranziehung der Jugend zu der Gemeinde. Der Kampf um die jüdische Schule wird in der Zukunft das Hauptwerk für die Volkspartei sein. Zum Schluß las Samy Gronemann aus einem unveröffentlichten, im Entstehen begriffenen Roman ein Kapitel vor, welches die Gründungsversammlung eines der Assimilierung eingewanderter Ostjuden dienenden Vereins in humorvoller Weise schilderte. Lehrgänge für jüdisch-soziale Ausbildung und Fortbildung Berlin, 8. Juni. (JTA.) Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden und die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums veranstalten Lehrgänge zum Zwecke einer ergänzenden jüdischsozialen Ausbildung und Fortbildung für in der sozialen Arbeit und Ausbildung stehende Personen sowie für Rabbiner und Lehrer und in der Ausbildung zu diesen Berufen Stehende. Der erste Lehrgang findet in der Zeit vom 19. Juni bis Ende Juli 1930 statt. Dr. Baeck liest über „Jüdische Wohlfahrtspflege und jüdische Lehre“, S. Wronsky über „Soziologische und sozialpsychologische Grundlagen der jüdischen Wohlfahrtspflege“, Dr. Kreutzberger über „Grundfragen der jüdischen Sozialpolitik“, Dr. Lubinski, Edith Cohn und Dr. Kreutzberger behandeln das Thema: Arbeitsgemeinschaft mit der „Schule der jüdischen Jugend“ über Durchführung der Reformgedanken in der Praxis der jüdischen Wohlfahrtsarbeit. Anmeldungen werden bis Dienstag, den 17, Juni 1930, erbeten an die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden (Berlin-Charlottenburg 2, Kantstraße 158.) Berliner Haushaltsausschuß lehnt den Schächtverbotsantrag ab Berlin, 4. Juni. (JTA.) In der gestrigen Sitzung des Haushaltsausschusses der Stadt Berlin kam ein Antrag der Nationalsozialisten zur Abstimmung, der eine Einführung des Schächtverbots für Berlin forderte. Für den Antrag stimmten nicht nur die Nationalsozialisten und die Deutschnationalen, sondern auch die Deutsche Volkspartei und die Wirtschaftspartei. Der Antrag wurde jedoch mit den Stimmen des Zentrums, der Demokraten, Sozialdemokraten und Kommunisten abgelehnt.