Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 24 (13.6.1930)
- Date
- 1930-06-13
- Page
- Seite 337 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 Das Jüdische Echo 337 sein Gebiete betätigen soll und wie weit er seine einzelnen Mitglieder verpflichten darf. Gegnern der Agency dürfen, so beschloß man, aus dem Beschluß des Verbands persönliche Verpflichtungen nicht erwachsen und lehnte deshalb auch eine Kopfsteuer für den Keren Häjessod ab; man hätte sich allerdings fragen sollen, ob eine ausgesprochene Gegnerschaft zur Agency sich mit der Verbandszugehörigkeit, die ja gesamt jüdisches Denken fordert, noch vertragen kan'n — aber das wäre wohl schon viel zu politisch gewesen; man sieht, Entschiedenheit kann hier nicht ohne weiteres verlangt werden. Auch da wurde sie nicht herbeigeführt, wo sie vielleicht am ehesten zu erreichen gewesen wäre: in den Fragen der wirtschaftlichen Situation der deutschen Juden, im besonderen der jüdischen Jugend Deutschlands. Man redete viel davon, zu viel eher als zu wenig, aber ohne wirkliches Verständnis für die Seite der Frage, die allein den Verband als einen jüdischen angehen kann und zu der allein er ein eigenes Wort zu sagen hätte. Man erkennt zwar die fortschreitende Proletarisierung, weiß aber nicht, ob man sich aus allen Kräften dagegen stemmen oder sie als Schicksal hinnehmen und etwa durch korporativen Übergang zu gesellschaftsreformierenden Parteien das Beste aus ihr machen soll; noch weniger klar ist man sich darüber, was gegen die spezifisch-jüdische wirtschaftliche Not zu tun sei. Fragen der Berufsgestaltung und Berufsumschichtung werden mit großem Interesse erörtert, aber daß Jugend wirklich der Jugend hilft, wie es die Einladung zur Tagung verkündet, ist leider vorläufig kaum zu erwarten oder nur in sehr beschränktem Maße. Völlig ungeklärt scheint das Verhältnis des Verbands zu seinen Junggruppen; freilich nicht in organisatorischer Hinsicht, in der eine volle Eingliederung erreicht wurde, sondern in geistiger. Zwar gibt es bis heute keine ausgesprochene Junggruppenideologie und so weiß man nicht, worauf sie abzielen; jedenfalls aber scheint es eher wahrscheinlich, daß die Junggruppen dem Verband verloren gehen, als daß sie ihm auf die Dauer in dieser Form erhalten bleiben; vermutlich werden ihre führenden Menschen früher oder später bei den Kommunisten landen, wenn es nicht in der nächsten Zeit noch gelingt, jüdische Kräfte und jüdischen Willen bei dieser Arbeit einzusetzen. So befindet sich der Verband beute in einer krisenhaften Situation, die nur deshalb sein Fortbestehen nicht in Frage zu stellen braucht, weil sie offenbar chronisch ist und weil sie nur dann überwunden werden könnte, wenn seine führenden Männer ihm überhaupt keine außergeselligen Aufgaben mehr setzen oder bewußt und entschieden eine Politisierung herbeiführen würden. Diese ist nicht zu erwarten, weil sie dem Wesen des Verbands widerspricht; eine Verzichterklärung auf jüdische Ziele und Aufgaben noch weniger, weil sich kein selbstbewußter Mensch je dazu verstehen kann und wird. Unter dieser Gespaltenheit seines Wesens wird der Verband leiden, solange er besteht, und zwar um so stärker je besser er ist, je hingehendere Menschen in ihm arbeiten. Immerhin aber kann der Verband dazu beitragen — auch das liegt in seinem Wesen — einem Minimum jüdischer Forderungen zur Anerkennung zu verhelfen, indem er sie aus politischen zu unpolitischen macht. Und dafür muß man ebenso dankbar sein, wie dafür, daß er besonders in kleinen jüdischen Gemeinden eine Art Asyl, das einzige, für die jüdische Jugend darstellt. Und so ist er, trotz allem, eine jüdische Notwendigkeit. I. F. * * * Die Tagung des Verbands, an der etwa 300 stimmberechtigte Delegierte und Vorstandsmitglieder sowie etwa 000 Gäste teilnahmen, begann am Sonntag vormittag in der Tonhalle mit dem Vortrag des ersten Kapitels der Bibel in der Buber-Rosenzweigschen Übersetzung durch den Sprechchor des Jüdischen Jugendvereins Düsseldorf. Darauf hielt Herr Rabbiner Dr. Hahn die Eröffnungsrede, Begrüßungen überb rächten Rabbiner Dr. Baerwald, Oberstlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer, Dr. Benno Walter, Lehrer Riilf und Dr. Siegfr. Keßler. Von starkem Beifall empfangen, erstattete Martin Buber ein Referat über das Thema: „Wie kann Gemeinschaft werden?“ Die Debatte darüber förderte weder das Verständnis des Buberschen Referates, noch nützte sie den Aufgaben der Tagung; sie enttäuschte durch eine merkwürdige Uneinheitlichkeit und Riclitungslosigkeit. Am Montag wurde über die von den sogenannten Arbeitsgemeinschaften über Berufsfragen usw. aufgestellten Thesen berichtet; auf den Geschäftsbericht des Vorsitzenden Dr. Hahn folgte eine lange, zum Teil sehr erregte Generalaussprache, die den Rest des Vormittags und den ganzen Nachmittag in Anspruch nahm. Satzungsänderungen und Anträge mußten im Hetztempo erledigt werden. Nach mancherlei Schwierigkeiten wurde schließlich eine aus Herbert Felsenthal (Düsseldorf) als 1. Vorsitzenden und Erich Altmann (Hamborn) und Erwin Segall (Stettin) als stellvertretenden Vorsitzenden bestehende neue Leitung gewählt. Am Sonntag abend fand in Anwesenheit des Dichters eine mit großem Beifall aufgenommene Aufführung von fünf Bildern aus „Jeremias“ von Stefan Zweig durch den Sprechchor des Jüdischen Jugendvereins Düsseldorf statt. Franz Rosenzweig über Leben und Werk Franz Rosenzweigs, des großen Menschen und jüdischen Denkers, ist seit seinem Tode viel gesagt und geschrieben worden. Gleich wob I bot der Abend, den Ernst Simon im Auftrag des Jugendheims dem Frühvollendeten widmete, ein besonderes Erlebnis. Hier sprach nicht nur ein Freund des Verstorbenen, der ihm im Leben nahe und innerlich verbunden war, hier sprach einer, dessen eigene Entwicklung eine Parallele bildet zu Rosenzweigs geistigem Weg. Wie Rosenzweig kommt Simon von Hegel zur deutschen Kulturphilosophie, wie jener tritt er von der Assimilation her als ein Heimgekehrter an die Quellen des Judentums heran. Das ergab eine Einheit des Redners mit seinem Stoff, aus der als ein Ganzes das Kunstwerk dieses vollendeten Lebens hervorging. Zunächst zeigte Simon den Ausgangspunkt von Rosenzweigs geistigem Weg. Er ist bestimmt von der Entwicklung der deutschen Philosophie und des deutschen Judentums im 19. Jahrhundert. Beide sind im Weltkrieg an einem toten Punkt angekommen. Die idealistische Philosophie hatte in Hermann Cohen, dem Lehrer Rosenzweigs, ihren Vollender, aber auch ihren Abschluß gefunden. Im Erlebnis des Weltkriegs zerbrach unserer Generation dieses Denksvstem. Im Angesicht des Todes brach Rosenzweig einem neuen Denken Bahn: Nicht mehr Idealismus, nicht mehr Gott und Welt als Denkfunktionen des Ich, sondern was vor allem Denken lag, die lebendige Erfahrung: Gott, Well, Mensch als die Urgegebenheilen, eine nicht aus der anderen zu folgern, aber in Funktion zueinander durch die Beziehungen der Schöpfung, Offenbarung und Erlösung, welche die hin- und widerführende Bahn des Davidsternes darstellen. So ward „der Stern der Erlösung“, im Schützengraben entstanden, ein Nachkriegsbuch, die erste Erneuerung nach dem großen Sterben.