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Das jüdische Echo · 1930-06-06 · 23 (6.6.1930) · p. Seite 320

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
23 (6.6.1930)
Date
1930-06-06
Page
Seite 320 (sequence 4)
Language
German
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320 Das Jüdische Echo Nr. 23 wenn Minimalforderungen nicht befriedigt würden. Eine andere starke Richtung innerhalb des Vereins übt jedoch an der Leitung Kritik, nicht weil sie der Agency beigetreten ist, sondern weil sie bisher noch nichts getan habe, irgendeine Arbeit in der und für die Agency durchzuführen. Diese Richtung verlangt nicht nur, daß auf dieser Delegiertentagung die Entrichtung eines monatlichen Kopfbeitrages für den Keren Hajessod beschlossen wird, sondern im Zusammenhang damit auch, daß der Delegiertentag die Unterzeichnung der Erklärung deutscher Juden durch Mitglieder des Verbandes, mißbillige — wie man zugeben wird, eine nicht mehr als konsequente Forderung. Was man nun auch in dieser Hinsicht beschließen wird, es ist sicher, daß „gesamtjüdisches Denken und Wollen“ — dies verlangt die Tendenz des Vereins — heute im größten Teil des Verbands und bei seinen führenden Menschen sich durchgesetzt hat, was wiederum bedeutet, daß man beginnt, das wahre Wesen der jüdischen Frage als einer nationalen und als einer auf politischem Wege durch Selbsthilfe zu lösenden zu erkennen und nach diesen Erkenntnissen zu handeln. Wohin diese Entwicklung den Verband führen wird, ist heute ungewiß. Vielleicht werden sich nun im Gesamtverband ähnliche Erscheinungen wiederholen wie diejenigen, die vor Jahren schließlich aus seinen Jugendgruppen den radikal zionistischen, chaluzischen und sozialistischen Jung- Jüdischen Wanderbund gemacht haben; jedenfalls sind auch heute wieder Junggruppen des Verbands vorhanden, die auf eine gewisse Radikalisierung in jeder Hinsicht drängen. Vielleicht aber auch wird man sich scheuen, konsequent Methoden einzuschlagen, die, wenn sie die Neutralität des Verbands nicht geradezu aufheben, so doch ihr einen wesentlich anderen Charakter als den bisher gewohnten verleihen müssen. Den außerordentlich schwierigen Problemen, vor die man sich gestellt sieht, ist auf die Dauer mit absoluter Neutralität nicht beizukommen, wenn man sich nicht nur mit unverbindlichen Erörterungen begnügen will Daraus folgt nun nicht etwa, daß sich die Jugendvereine als solche in den Dienst irgendeiner der jüdischen Parteien zu stellen hätten — es ist gut, wenn sie nach wie vor Sammelpunkte für die Masse der jüdischen Jugend darstellen und auch gesellschaftliche Funktionen ausüben können; für ein Mindestmaß politischer Betätigung ihrer Angehörigen und eine Anerkennung minimaler und nicht nur religiöser jüdischer Voraussetzungen werden sie ohnedies sorgen müssen, wenn sie überhaupt an gemeinsame Aktionen denken. Die Münchener Delegiertentagung steht so vielleicht an einem Scheidewege — wenn im Verband wirklich jugendlicher Wille lebendig ist, kann die Entscheidung trotz mancher organisatorischer und sachlicher Schwierigkeiten kaum zweifelhaft sein und so braucht man der Tagung nur zu wünschen, daß sie ihre eigenen Kräfte erkennt und an der richtigen Stelle einsetzt, dann wird auch der Erfolg für den Verband und das ganze Judentum nicht ausbleiben. I. E. Was erwarten wir von der Münchener Tagung? Von Manfred Vöhl (Düsseldorf) Der Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands hat Pfingsten seine große Tagung in München. Meqschen von 150 Bünden aus allen Teilen Deutschlands, viele Gäste, der Sprechchor des jüdischen Jugendvereins Düsseldorf mit allein 50 Menschen werden in diesen Tagen in München sein, um ein deutliches Zeichen seiner Existenz und Arbeit zu geben. Die Tagung, die von großer, entscheidender Bedeutung für die künftige Arbeit des Verbandes ist, wird sich mit wesentlichen Fragen beschäftigen, Fragen, die sich mit der Ausgestaltung der Arbeit im Verbände und seinen Bünden und Junggruppen befassen, also interner Natur sind; sie wird aber auch Probleme diskutieren und daraus sich ergebende Richtlinien für die zukünftige Arbeit schaffen, die für die jüdische Öffentlichkeit von größtem Interesse sind. Es handelt sich dabei um zwei große Gebiete: das Berufsproblem des jungen Juden und die Jewish Agency. Die große Wirtschaftskrise und die gewaltigen Verschiebungen innerhalb der Wirtschaftskörper, die Konzernierung und Kartellierung der Betriebe, das schnelle Emporwachsen von Warenhäusern und Konsumvereinen haben eine Gesellschaftsschicht, den Mittelstand, in ein Stadium geführt, aus dem er sich nicht mehr wird erholen können. Die Juden gehören dieser Schicht zum größten Teile an, sie sind selbständige Kaufleute, sie sind Akademiker, sie sind nicht — natürlich mit kleinen Ausnahmen —, Handwerker oder Arbeiter oder Großindustrielle. Für den jungen Juden gibt es kaum eine Möglichkeit, selbständiger Kaufmann zu werden, ihm fehlt das Kapital. Er ist also gezwungen, in einem großen Betriebe als Angestellter niederer oder höherer Art sich 'anstellen zu lassen. Dazu kommen aber als erschwerende Momente die große Arbeitslosigkeit und der Antisemitismus. Das sehen viele jüdische Arbeitgeber noch nicht ein, sie sehen noch nicht die Not, in der sich viele Juden befinden. Der jüdische Arbeitgeber, der sehr oft vom jüdischen Angestellten nichts wissen will, muß auf diesen Zustand planmäßig hingewiesen werden, er muß an die Pflicht, als Jude seine Solidarität zu zeigen, erinnert werden. Der Verband befaßt sich schon seit langem mit diesem Problem, in allen Bünden wurde darüber gesprochen, das Winterthema des Verbandes lautete: Wirtschaftskampf und Lebensgestaltung. In München soll nun ein Abschluß dieses Themas gegeben werden durch Arbeitsgemeinschaften, die sich mit der Frage der Lebensgestaltung befassen. Man wird weiter darüber sprechen, wie die Menschen den Berufen zugeführt werden können, man wird ein besonderes Dezernat schaffen, das diese Angelegenheiten planmäßig bearbeiten wird. Das zweite Problem, die Jewish Agency, wird im Brennpunkte des Interesses stehen. Bekanntlich hat im vergangenen Jahre die Verbandsleitung erklärt, in der Jewish Agency mitzuarbeiten. Sie hat drei ihrer Mitglieder in das Initiativkomitee zur Gründung der Jewish Agency entsandt; eins dieser Mitglieder, der jetzige Vorsitzende, Rabbiner Dr. Hahn in Essen, wurde von diesem Komitee als stellvertretendes Mitglied nach Zürich geschickt. Der Beschluß ist von Verbandsmitgliedern angegriffen worden, weil der Beschluß gegen die Neutralität des Verbandes verstoße. Die Auffassung der Verbandsleitung und des wahrscheinlich weit größeren Teils der Verbandsmitglieder ist jedoch, daß Mitarbeit in der Jewish Agency der gesamtjüdischen Haltung des Verbandes entspreche, einer Haltung, die sich für alles, was zu einer Einheit innerhalb des Judentums führe, einsetzen muß, die alles, was für die Zukunft des Judentums neugestaltend und belebend ist, zu unterstützen hat. Aus diesem Grunde wird die Münchener Tagung den Be-

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