Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1930-06-06 · 23 (6.6.1930) · p. Seite 319

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
23 (6.6.1930)
Date
1930-06-06
Page
Seite 319 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103085-9229998--10900-9222968
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Das Jüdische Echo Nummer 23_6. Juni 17. Jahrgang Zur Tagung des Verbands der jüdischen Jugendvereine Die am 8. und 9. Juni in München stattfindende achte ordentliche Delegiertentagung des Verbands der jüdischen Jugendvereine Deutschlands wird in das sonst etwas abseits liegende München zum ersten Male seit längerer Zeit wieder einen Strom jüdischen Lebens fließen lassen und dafür kann man dem Verband nur dankbar sein. Die Berührung mit den aktuellen Fragen jüdischer Jugend ist auch für die Münchener jüdische Gemeinde und ihre Jugend nur von Vorteil und so braucht kaum gesagt zu werden, daß der Tagung auch unsere besten Wünsche gelten. Mehr als 700 junge Juden werden sich hier versammeln, um über Fragen zu verhandeln und zu beschließen, die nicht nur den Verband und seine Mitgliedervereine, sondern auch in stärkstem Maße die ganze jüdische Öffentlichkeit interessieren. Die von der Tagung zu bewältigende Arbeit ist nicht leicht und es wird der ganzen Kraft und Hingabe junger Menschen bedürfen, um den Verband, der ja bereits eine lange Geschichte hinter sich und manche Wandlungen durchgemacht hat, so zu formen und zu gestalten, daß er die Aufgaben, die vor ihm liegen, wirklich erfüllen kann. Was der Verband selbst von seiner Tagung erwartet, stellt Manfred Vöhl, einer der jungen Führer, an anderer Stelle dieser Nummer dar; hier soll versucht werden, einige allgemeinere Gedankengänge aufzuzeigen, zu denen die Tagung Veranlassung gibt. Die letzte Tagung des Verbandes vor zwei Jahren in Dresden stand unter dem Motto: „Unser Weg in die Wirklichkeit“; die diesmalige ist vor allem einer Auseinandersetzung über die Möglichkeiten organisierter, jugendlicher Selbsthilfe gewidmet. Das Programm der Besprechungen des Sonntags lautet: „Jugend hilft der Jugend“ und in Martin Buber, der am Sonntag einen Vortrag über das Thema „Wie kann Gemeinschaft werden“ hält, hat man sich gewiß den besten Führer auf diesem Wege gewählt. In der Umgrenzung der Verhandlungsgegenstände kennzeichnet sich bereits ein Wandel, der seit der letzten Tagung eingetreten ist — ein Wandel vielleicht nicht so sehr des Vereins, als der jüdischen Situation. Wenn auf der Dresdener Tagung im Vordergrund die Fragen der Stellungnahme zu Gemeinde und Verbänden stand, wenn man sich damals vor allem zu überlegen hatte, wie der Verband seine im wesentlichen nach kulturellen, bildungsmäßigen und mehr noch nach geselligkeitsmäßigen Richtlinien bestimmte Tätigkeit in die einer an allen Fragen jüdischer Wirklichkeit aktiv teilnehmenden strafferen Organisation umwandeln könne, so gilt es heute für den Verband, seinen Angehörigen, die alle unter der über Deutschland, über das deutsche Judentum und seine Jugend im besonderen hereingebrochenen Wirtschaftskatastrophe zu leiden haben, die Möglichkeit zu geben, sich überhaupt noch mit überindividuellen, nichtberuflichen Angelegenheiten zu beschäftigen. Es ist kein Widerspruch, daß dies durch eine Sicherung im Beruf, durch Verbreitung anderer, neuer Auffassungen von Berufsgestaltung, mit einem Wort durch kollektive Selbsthilfe geschehen soll. Dabei kommt es dem Verband zugute, daß seine Leitung die letzten beiden Jahre nicht ungenützt hat verstreichen lassen und daß sie wenigstens klar auch die spezifische wirtschaftliche Seite der Judenfrage erkannt hat, wenn man auch nicht gerade behaupten kann, daß der Weg in die Wirklichkeit schon zu Ende gegangen sei. Eines hat sich nämlich bei den Versuchen, Wirklichkeits-, Gegenwartsarbeit zu leisten, klar herausgestellt: sobald praktische Maßnahmen ergriffen werden sollen, beginnt eine gewisse „Politisierung“, die aber unvermeidbar erscheint, wenn man sich überhaupt an das Gebiet dieser Gegenwartsarbeit heranwagt. Freilich ist spezifische Wohlfahrts- und Hilfstätigkeit auch ohne politische Ausrichtung möglich; ihre Sinngebung erhält letzten Endes jedoch auch sie von politischen Auffassungen und stärker noch als dies wirkt der Zwang, mit gleichgerichteten Bestrebungen zusammenzuarbeiten; was Wunder, daß der Verband jüdischer Jugendvereine, der seinem Wesen nach eine national bedingte Zusammenfassung junger jüdischer Menschen ist, sich auch als solche zu empfinden beginnt. Es kann so keineswegs überraschen, daß ein Antrag auf Statutenänderung eine Fassung der Tendenz des Vereins verlangt, in der es heißt, daß der Verband seine Mitglieder „zu bewußten Angehörigen des jüdischen Volkes“ erziehen will. Dieser Antrag wird wohl kaum eine Mehrheit finden; trotzdem aber und obwohl er nicht nur mit einer negativ gehaltenen Forderung nach Neutralität, sondern auch mit der nach deutsch-staatsbürgerlicher Gesinnung verkoppelt ist, die zwar das Bewußtsein der Angehörigkeit zum jüdischen Volkstum keineswegs ausschließt, bisher aber gerade von denen, die sie mit besonderer Betonung verlangten, dagegen ausgespielt wurde, dürfte er mehr sein als nur eine terminologische Demonstration. Er bringt einen Wandel der Anschauungen zum Ausdruck, der noch stärkere Ausprägung gefunden hat in der Haltung der Verbandsleitung zur Jewish Agency. Bekanntlich waren die Jugendvereine im deutschen Initiativkomitee der Jewish Agency vertreten und eines ihrer führenden Mitglieder wurde in Zürich zum stellvertretenden Mitglied des Councils der Jewish Agency gewählt. Das Vorgehen der Leitung hat in den Vereinen manche Kritik hervorgerufen. Zwar sind die Stimmen sehr vereinzelt, die eine Beteiligung des Verbands an der Jewish Agency der Neutralität halber für nicht zulässig erachten; auch solche sind jedoch vorhanden. Soweit man sich gegnerisch zur Agency verhält, verlangt man meist nur, daß der Beitritt des Verbands dem einzelnen Mitglied keine persönlichen Verpflichtungen auferlegen dürfe. Andere billigen zwar den Eintritt des Verbands, aber nur unter gewissen politischen Voraussetzungen, und verlangen den Wiederaustritt,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.