Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 22 (30.5.1930)
- Date
- 1930-05-30
- Page
- Seite 310 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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310 Das Jüdische Echo Nr. 22 mission. Er gibt also ein Bild eines viel zu scharfen nationalen und ökonomischen Gegensatzes zwischen den jüdischen und arabischen Einwohnern Palästinas. Als ich vor fünf Jahren in Palästina war, war mir auffallend nicht der Gegensatz zwischen den zwei Teilen der Bevölkerung, sondern der wunderbare Aufschwung, den das ganze Land genommen hat, und den die Araber mindestens im gleichen Maße wie die Juden genießen. Dieser Aufschwung war zurückzuführen teils auf Einströmen jüdischen Kapitals, teils auf die verbesserte Verwaltung und Gesundheitspflege. Es ist besonders wichtig, daß die arabische Bevölkerung trotz der starken jüdischen Einwanderung in höherem Maße gewachsen ist als die jüdische Bevölkerung. Ich habe gesehen, wie in der Ebene Jezreel, wo vor einigen Jahren fieberbringende Sümpfe waren, überall der junge Weizen grünt; und auch die Araberdörfer sind infolge der verbesserten Verhältnisse von den Bergen wieder in die Ebene gekommen. Natürlich sind Gegensätze immer da und so können auch Unruhen entstehen, wenn verschiedene Anlässe, wie in diesem Fall die Klagemauer, sie hervorrufen. Wenn dann die Regierung nicht die Mittel hat, die Unruhen sofort zu unterdrücken, können sie bedrohlichen Umfang annelimen. Aber in normalen Zeiten leben die zwei Völker zusammen und müssen auch in Zukunft Zusammenleben. Es kann keine Rede davon sein, daß die Araber der jüdischen Aufbauarbeit in Palästina ein gewaltsames Ende machen könnten, ebensowenig wie es möglich ist, daß die Juden die Araber austreiben oder zu einer bedeutungslosen Minorität machen könnten. Die zwei Elemente müssen Zusammenleben und einen gemeinsamen palästinensischen Patriotismus entwickeln, der mit dem Pariotismus für das jüdische Nationalheim durchaus nicht unvereinbar sein muß. Nationalismus in dem Sinne, daß man fanatisch daran glaubt, daß nur eine Sprache und e i n Volkstum in einem bestimmten Staatsrahmen geduldet werden könne, diesen Nationalismus, der schon so viel Unheil über Europa gebracht hat, braucht man nicht in Palästina einzuführen. Leider sind die Keime des Übels schon da. Vielleicht haben sich in den Anfängen einige Vertreter des jüdischen Nationalheims in diesem Sinne geäußert und auch die Araber sind schon stark mit diesem Nationalismus infiziert, besonders seit dem Kriege. Dennoch ist diese Entwicklung noch nicht so weit gekommen, daß man Nationalitätenkämpfe in Palästina haben müßte. Wir haben doch bereits in der Welt Beispiele im entgegengesetzten Sinne wie die Schweiz oder Kanada, wo Völker an ihrer Nationalität festhalten und dennoch einen Patriotismus für das Ganze haben. Ich hoffe, daß eine solche Zeit auch in Palästina kommen wird, und das Judentum, das an dieser Sache interessiert ist, kann in seiner Haltung gegenüber den Arabern sehr viel dazu beitragen; auf dem Juden als der zivilisierteren Nation liegt auch die größere Verantwortung. Freilich muß ich sagen, daß im Augenblick eine Einigung der beiden Völker nicht möglich zu sein scheint. Im Augenblick kann also die Regierung nichts anderes machen, als das Mandat weiterführen und in der Verwaltung unbeirrt fortfahren. Die Forderungen der arabischen Delegation waren ganz unannehmbar, da sie mit den Pflichten der Mandatarmacht unvereinbar sind. Im Augenblick ist daher die Hauptsache, streng und gerecht zu regieren und mit der Mandatspolitik fortzufahren. Ich weiß, daß die Befürchtung im jüdischen Lager besteht, die Entsendung Sir John Simpsons bedeute ein Zurückweichen von dem Kurs dieser Politik. Dies ist nicht der Fall. In Wahrheit war es doch nur eine Frage, die wirklich durch den Shaw-Bericht in Zweifel gestellt wurde, nämlich, ob es wahr ist, daß nicht genügend Land für die jüdische Einwanderung vorhanden ist, und daß die bereits' stattgefundene Einwanderung eine Klasse von landlosen und arbeitslosen Arabern erzeugt hat. Diese Frage soll Simpson untersuchen und dafür hat er besondere fachmännische Befähigung. Ich glaube, daß sein Bericht ein unparteiisches und hilfreiches Dokument sein wird. Mittlerweise sind, wie ich heute hörte, die Einwanderungszertifikate suspendiert worden. Über diesen Beschluß will ich mich nicht äußern, aber ich kann nur sagen, daß nach meiner Meinung wir in der Vergangenheit vom ökonomischen Gesichtspunkt etwas zu schnell vorgegangen sind. Ich sagte dies schon 1925, als ich Tel-Awiw sah und die damalige große Einwanderung. Denn die Hauptsache ist nach meiner Meinung, daß wir sicher bauen. Das jüdische Nationalheim wird nach 1800 Jahren wieder aufgebaut, und es ist nicht mehr wichtig, ob dieser Aufbau 20 oder 50 oder sogar 100 Jahre dauern wird, dagegen ist es wichtig, daß gut und solide gebaut wird und die Fundamente so fest stehen, daß sie auch in späterer Zeit nicht erschüttert werden können. Dieser Gedanke, daß es vor allem darauf ankommt, sicher zu bauen, hat mich geleitet, solange ich verantwortlich war. Ich bedauere, daß in den letzten Monaten ein empfindlicher Rückschlag der Palästinasache stattgefunden hat. Aber Sie dürfen nicht denken, daß ihr ein dauernder Schaden zugefügt worden ist. Wie ich höre, ist in Palästina selbst das Leben wieder normal. Zehntausende neuer Orangenbäume z. B. sind gepflanzt und wachsen in aller Stille weiter. Sie werden in einigen Jahren Früchte tragen und das wird eine verstärkte ökonomische Grundlage der jüdischen Siedlung sein, die nicht angetastet werden kann. Ich habe bereits erklärt, daß im Prinzip keine Änderung in der Haltung der englischen Regierung eintreten wird. Ob nach dem Bericht Simpsons vielleicht die Einwanderung für einige Zeit etwas begrenzt wird, ob vielleicht irgendein Anfang einer Repräsentation mit offizieller Mehrheit gemacht wird, kann ich nicht sagen. Wir haben eine solche Repräsentation schon 1922 den Arabern angeboten, sie haben es abgelehnt, es scheint, daß sie es auch jetzt zurückweisen würden. Aber wir werden ruhig Weiterarbeiten, und ich glaube fest, daß wir in diesem Sinne auch die Mitwirkung, und zwar, wie ich hinzufügen möchte, die geduldige Mitwirkung des Judentums haben werden. Ich möchte noch ein paar Worte bei dieser Gelegenheit über Dr. Weizmann sagen. Viele Jahre habe ich mit Weizmann zu verhandeln gehabt. Er ist ein Mann, der in sich zwei Gaben vereinigt: Er ist ein Enthusiast, ja ein Fanatiker der Idee, und er ist, was damit selten vereinigt ist, ein Staatsmann, der auch die praktischen Schwierigkeiten der anderen versteht und sich gedulden kann. Ich habe immer gefunden, daß Weizmann unsere Schwierigkeiten verstanden hat und daß er, wenn er etwas versprochen hat, sein Wort gehalten hat. Er ist ein Mann, dem gegenüber ich immer größeren Respekt gewonnen habe. Es ist mir ein Bedürfnis, das auch in Ihrem Kreise auszusprechen.