Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 22 (30.5.1930)
- Date
- 1930-05-30
- Page
- Seite 308 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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308 Das Jüdische Echo Nr. 22 Zum ewigen Gedächtnis Von Dr. Fritz Löwenstein (Jerusalem) Die Krise, in der sich unser Aufbauwerk seit den Augustunruhen befindet, ist nicht zum mindesten eine Krise unseres Vertrauens gegenüber England. Der Glaube daran, daß gerade England berufen sein könne, die Freiheitsbewegung des jüdischen Volkes zu verstehen und an ihrer Verwirklichung mitzuarbeiten, lebte seit den Zeiten Herzls in der zionistischen Bewegung, bis er dann im Kriege seine Verwirklichung fand. Aber zwölf Jahre britischer Mandatsverwaltung in Palästina haben diesen Glauben langsam und schrittweise unterhöhlt, bis dann die Jetzten Monate die Diskrepanz zwischen den Versprechungen und internationalen Verpflichtungen Großbritanniens einerseits, den Realitäten der britischen Palästinapolitik anderseits vor alle Augen klar enthüllt haben. In diesen Monaten ist der Mann von uns gegangen, dessen Name uns zum Symbol jenes England geworden ist, an das wir geglaubt haben und an das wir noch heute glauben, so schwer uns dies auch die Vertreter Englands im gegenwärtigen Augenblick machen. Das jüdische Volk hat in seiner langen Geschichte nur sehr selten wirkliche Freunde gefunden; die man so nannte, waren gewöhnlich Menschen, die aus Humanität und Gerechtigkeitsgefühl offene Judenverfolgungen verwarfen. Noch seltener als Judenfreunde aber gab es Menschen, die den Sinn der ganzen jüdischen Geschichte, die innere Bedeutung unserer Palästinahoffnung so verstanden wie Balfour, die so sehr fühlten, daß die Welt den Juden nach Jahrhunderten der Unterdrückung eine Wiedergutmachung schuldig ist und daß ein jüdisches Palästina von einer kaum abzuschätzenden Bedeutung für die Kulturmenschheit werden könnte. Der Wunsch, die Erinnerung an den dahingegangenen, besten Freund unserer Sache, mit eben dieser Sache zu verbinden, Balfour für alle Ewigkeit mit dem palästinensischen Aufbauwerk zu verbinden, lebt elementar im Herzen von uns allen. Bis in seine letzten Tage hat der greise Balfour nicht aufgehört, an unserer Sache Anteil zu nehmen und seinen Einfluß zu unseren Gunsten in die Wagschale zu werfen. Es ist deshalb nur natürlich, daß wir gerade in diesem Augenblick, wo unser Werk auf ernsthafte Schwierigkeiten stößt, gewissermaßen den Namen Balfours als den unseres guten Geistes anrufen, um Widerstände und Feindschaften zu zerstreuen, die sich gegen unser Werk verbünden. Um den Boden Palästinas entspinnt sich der Kampf: Mit dem Boden Palästinas wollen wir die Erinnerung an Balfour für alle Ewigkeit verknüpfen. Der Keren Kajemeth hatte bei Friedensschluß nur etwa 25 000 Dunam in Palästina erworben; heute hat er fast 300 000 Dunam in seinem Besitz und der gesamte jüdische Bodenbesitz in Palästina beträgt mehr als eine Million Dunam, was etwas mehr als ein Zehntel des bebauten Bodens Palästinas bedeutet. Der Fortschritt des letzten Jahrzehnts ist also augenfällig, aber berücksichtigt man die Tatsache, daß in allen diesen Jahren ohne Ausnahme uns unvergleichlich mehr Boden angeboten wurde, den wir hätten kaufen können, wenn das jüdische Volk dem Keren Kajemeth die Mittel in die Hand gegeben hätte, so wird uns klar, wie wenig in Wahrheit das Erreichte bedeutet. Wenn heute unsere Feinde erklären, daß kein Boden in Palästina mehr vorhanden ist, daß jeder weitere Bodenkauf jüdischerseits dazu führen muß, daß die Fellachen zu landlosem Proletariat werden, so kann diese Lüge am einfachsten damit widerlegt werden, daß man auf die Tatsache hinweist, daß auch jetzt, gerade in den letzten Monaten, dem Keren Kajemeth Boden in allen Teilen Palästinas angeboten wurde und daß wiederum nur die durch die Bodenkäufe der vergangenen Jahre äußerst angespannte finanzielle Lage des Keren Kajemeth die Ausnutzung dieser Möglichkeiten nicht gestattete. Aber es muß freilich vor der Illusion gewarnt werden, als ob Boden, der heute verkäuflich ist, es auch in aller Zukunft bleiben wird. Das ist aus vielerlei Gründen nicht der Fall. Die Propaganda der arabischen Agitatoren, die Gesetze verlangt, um weitere Bodenkäufe unsererseits unmöglich zu machen oder wenigstens zu erschweren, hat, wie bekannt, bei der Mehrheit der Mitglieder der Untersuchungskommission sich durchzusetzen vermocht. Diese Kommission hat den ungeheuerlichen Versuch unternommen, ein Urteil über die palästinensischen Bodenverhältnisse und die Möglichkeit jüdischer Ansiedlung auf Grund von Zeugenaussagen zu entscheiden, als wäre es ein juristisches Problem, wo der Richter nach seinem subjektiven Eindruck von der Glaubwürdigkeit des einen oder anderen Zeugen Entscheidungen zu fällen vermag. Die Regierung hat offenbar verstanden, daß sie auf Grund dieses Berichtes keine entscheidenden Schritte in bezug auf das Bodenproblem tun kann und hat einen Sachverständigen. Sir John Hope Simpson, nach Palästina entsandt, der gerade auch das Bodenproblem untersuchen soll. Es ist in diesem Augenblick noch nicht vorauszusehen, welche Vorschläge Simpson der Regierung vorlegen wird. Aber es wäre unbegründeter Optimismus, wenn man die Möglichkeit kommender Erschwerungen auf dem Bodenmarkt in Abrede stellen wollte. Die Frage nach dem Tempo unseres Werks ist heute zur Kardinalfrage des Zionismus überhaupt geworden und dies gilt ganz besonders auf dem Bodenmarkt. Wir müssen alles tun, um finanziell gerüstet zu sein und um das Maximum überhaupt käuflichen Bodens kaufen zu können. Was wir heute kaufen können, müssen wir heute kaufen, da es morgen für uns unerreichbar geworden sein kann. Das gilt nicht nur wegen der Möglichkeit gesetzlicher. Erschwerungen, sondern noch aus einem anderen Grunde, der ebenfalls erst in den letzten Monaten akut geworden ist. Wir fühlten uns bisher als die Inhaber eines Monopols in Palästina: Nur wir waren Interessenten für palästinensichen Boden und glaubten deshalb, daß es nicht so eilig sei, daß „uns der Boden nicht davonlaufe“. Vielleicht war diese Auffassung früher verständlich: Heute ist sie es nicht mehr. Es gibt auch andere Bewerber, mit denen wir konkurrieren müssen. Die Araber versuchen, selbst Mittel aufzubringen, um Boden, dessen Übergang in jüdische Hände droht, zu kaufen und in das Eigentum des Wakuf, der mohammedanischen Kirche, überführen zu können, womit uns der Boden für immer verloren gehen würde. Noch sind Käufe dieser Art nicht zu verzeichnen gewesen, wenn man von einem kleinen Bodenkauf des Wakuf absieht, der immerhin als Sympton nicht unterschätzt werden darf. Aber es muß damit gerechnet werden, daß hier eine neue Erschwerung unserer Arbeit eintreten kann. Von anderer Seite ist sie sogar schon erfolgt: Die Käufe des lateinischen Patriarchen haben mit Recht großes Aufsehen erregt, besonders weil vieles für die Vermutung spricht, daß die Absicht dieser Käufe lediglich war, den Übergang der