Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 21 (23.5.1930)
- Date
- 1930-05-23
- Page
- Seite 292 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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292 Das Jüdische Echo Nr 21 guiden Weißbuch zugefügt wurde. Dieser von London her geführte Schlag, so wird hier geäußert, trifft aber nicht allein die zionistische Führerschaft, sondern es bedeutet auch eine scharfe Zurücksetzung der Palästina-Administration, die ja die neue Einwanderungsquote aus wirtschaftlichen Gründen im Interesse des Landes bewilligt hat. Mag man die Suspendierung noch so milde beurteilen, mag man ins Treffen führen, daß es sich doch nur um eine Einstellung der Einwanderung handelt, und daß eine laufende Einwanderung für die nächsten Monate auf Konto der früher bewilligten Quote erlaubt worden ist, so ist doch das Verbot — so wird es hier empfunden — Symptom einer von der britischen Regierung eingeschlagenen gefährlichen Politik. Einer Politik, die sich darin äußert, daß gegenüber den Juden politische Gesten in der Form von Versicherungen der Auflechterhaltung des Mandates gemacht, gleichzeitig aber den Arabern wirtschaftliche Konzessionen auf Kosten der Juden gewährt werden. Man empfindet es hier als beleidigend, daß der High Commissioner Sir John Chancellor die Mitteilung über die Suspendierung der Schedule dem Vizevorsitzenden der palästinensisch-arabischen Exekutive gemacht hat, bevor noch die Zionistische Exekutive über die Suspendierung informiert wurde. So kam es, daß das Organ der arabischen Exekutive ,.A1 Hayat“ die erste Zeitung war, die die Mitteilung über die Suspendierung gebracht hat. Welches immer auch die Ergebnisse der Studien von Sir Hope Simpson sein mögen, so gibt es doch heute niemand, der ernstlich behaupten wollte, daß Palästina nicht fähig ist, innerhalb der nächsten sechs Monate 3300 jüdische Einwanderer aufzunehmen; herrscht doch gegenwärtig ein fühlbarer Mangel an Arbeiterhänden. Man empfindet es als ein Unglück für ein Land, wenn für wirtschaftliche Maßnahmen einschneidendster Art politische Erwägungen maßgebend sind. Die zionistische Führerschaft ist entschlossen, diese Politik mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln zu bekämpfen. Am 22- Mai Proteststreik der Judenheit Palästinas T e 1-A w i w . 19. Mai. (JTA.) Waad Leumi (Nationalrat der Juden Palästinas und exekutives Organ der Nationalversammlung (Asefat Haniwcharim) hat in einer außerordentlichen Sitzung den Beschluß gefaßt, die gesamte Judenheit Palästinas aufzufordern, am Donnerstag, dem 22. Mai, zum Protest gegen die Suspendierung der für April bis September gewährten 3300 Einwanderungszertifikate die Arbeit niederzulegen. Dieser Generalstreik der palästinensischen Judenheit wird am Donnerstag mittags beginnen und bis zum Abend andauern. Sämtliche Vergnügungsstätten werden geschlossen sein. Es wurde ein Streikkomitee gebildet, dem der Bürgermeister von Tel- Awiw Dizengoff, Eliezer Kaplan und der Bruder von Rabbi Kook angehören. Über das Erscheinen oder das Nichterscheinen der hebräischen Zeitungen am Streiktage ist ein Beschluß noch nicht gefaßt worden. * In ganz Palästina werden Protestversammlungen veranstaltet; ebenso in allen jüdischen Zentren. * * * Die letzten Maßnahmen der englischen Regierung haben in der zionistischen Welt außerordentliche Empörung hervorgerufen. Hat schon die Ernennung eines Spezialkommissars in der Person von Sir John Simpson, offenbar ohne jede vorherige Fühlungnahme mit den zionistischen Instanzen vor allem den Jischuw, und zwar in allen seinen Teilen sehr verstimmt, so ist die Suspendierung der bereits von der Palästinaregierung gewährten Zertifikate durch das Kolonialamt und die bisher doch wohl einzigartig dastehende Tatsache, daß der Oberkommissar Sir John Chancellor diese neue Verordnung, bevor er sie der zionistischen Palästinaexekutive bekanntgab, einem arabischen Blatt mitteilte, das sie denn auch in sensationellster Weise veröffentlichte, ein so unerhörter Schlag gegen die zionistische Bewegung und ihr Palästinawerk, daß Befürchtungen über einen bevorstehenden demonstrativen Kurswechsel der englischen Politik trotz aller beruhigenden Versicherungen nicht ungerechtfertigt erscheinen. Die Jewish Agency hat Vorstellungen beim Kolonialamt erhoben. Und sie kann es mit guten Gründen. Denn alle Meldungen aus Palästina berichten von einem Mangel an Arbeitern, und es besteht kein Zweifel, daß auch 3000 Chaluzim in kurzer Zeit von der palästinensischen Wirtschaft aufgenommen und produktiv untergebracht sein würden. Selbst wenn man sich also auf die Formel von der Einwanderung nach der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Landes einläßt, bestand keinerlei wie immer geartete Notwendigkeit für eine so plötzliche und rigorose Suspension. Ob die von der Jewish Agency sofort eingeleiteten Schritte Erfolg haben werden, steht dahin; eines aber ist klar; das Vertrauen der zionistischen Welt in die Aufrichtigkeit der englischen Versprechungen, besonders derjenigen der Arbeiterregierung und in die Stetigkeit, Konsequenz und Kraft der englischen Politik, bereits aufs schwerste erschüttert durch die Vorgänge der letzten Monate, ist dahin. Und das dürfte seine Folgen auch in der zionistischen Politik haben, die sich hoffentlich nicht nur in Protesten erschöpft, sondern in einer großen Kraftanspannung jetzt erneut zu beweisen hat, daß wir unseren gerechten Anspruch auf friedliche Siedlung in Palästina nie aufgeben werden, — mögen Umstände, Regierungen und was immer auch noch so sehr gegen uns sein. I. E- Frick regiert . . . Die Errichtung einer Rassenprofessur in Thüringen beschlossen Weimar, 15. Mai. (JTA.) Das thüringische Staatsministerium hat auf Antrag des Kultusministers Dr. Frick beschlossen, einen Lehrstuhl für Rassenkunde an der Universität Jena einzurichten und ihn durch den Rassenschriftsteller und Antisemiten Dr. Günther zu besetzen. Nach außen hin wird das Fach Dr. Günthers den Namen .,Soziale Anthropologie“ tragen. Das Staatsministerium hat die Ablehnung eines solchen Lehrstuhls durch die Fakultäten nicht berücksichtigt. Insbesondere hat sich die Universität gegen die Berufung Dr. Günthers ausgesprochen, dessen antisemitische Werke keinerlei wissenschaftliche Qualität haben. Eine neue antisemitische Verordnung Fricks Weimar, 15. Mai. (JTA.) Das thüringische Innenministerium hat eine Verordnung an die Stadtverwaltungen erlassen, in der bestimmt wird, das Gesuche fremdrassiger Ausländer um Naturalisierung grundsätzlich abgelehnt werden müssen. Nur in besonderen Ausnahmefällen sollen derartige Anträge dem Innenminister zur Begutachtung vorgelegt werden. Hierzu wird noch mitgeteilt, daß