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Das jüdische Echo · 1930-04-25 · 17 (25.4.1930) · p. Seite 236

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
17 (25.4.1930)
Date
1930-04-25
Page
Seite 236 (sequence 4)
Language
German
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236 Das Jüdische Echo Nr. 17 Zehn Jahre nach San Remo Als vor zehn Jahren, am 26. April 1920, der Oberste Rat der Alliierten in San Remo beschloß, die Balfour-Deklaration vollinhaltlich in den Friedensvertrag mit der Türkei aufzunehmen. Großbritannien das Mandat über Palästina zu übertragen, die Errichtung einer jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina durch das Völkerbundsstatut vorzusehen und sie damit als Aufgabe des Völkerbunds zu kennzeichnen, atmete das jüdische Volk erleichtert-auf und Begeisterung ging durch die Judenheit. Man war erleichtert, weil mit diesem denkwürdigen und historischen Beschluß jeder Unsicherheit ein Ende gemacht, allen Quertreibereien gegen den jüdischen Palästinaaufbau von jüdischer, arabischer oder welcher Seite immer ein Riegel vorgeschoben, die Möglichkeit des Beginns der praktischen' Aufbauarbeit gesichert war; man war begeistert, weil durch diesen ungeheuren Erfolg die Realisierung der zionistischen Vorstellungen in unmittelbare Aussicht gestellt war. Hatte der Empfang einer zionistischen Delegation durch die Friedenskonferenz in Versailles im Februar 1919 und die durchaus ernsthafte Diskussion der von ihr vorgetragenen Forderungen der Welt die Existenz des Judenproblems offenbar gemacht und eine Diskussion der Mittel zu seiner Lösung herbeigeführt, an der auch das jüdische Volk erstmals nach einer Zeit von 2000 Jahren wieder als Subjekt seiner Geschichte, als Gestalter seiner Geschichte teilnahm, so zeigte der Beschluß von San Remo mit der offiziellen Anerkennung der historischen jüdischen Ansprüche auf Palästina auch die Bereitwilligkeit der Welt, der vom jüdischen Volk vorgeschlagenen Lösung keine Hindernisse in den Weg zu legen, ja selbst Anteil an ihr zu nehmen, sie als Aufgabe des Völkerbunds zu betrachten. Und dies in einem Moment, wo der Palästinagedanke noch gegen die Animosität jüdischer Kreise zu kämpfen hatte und wo Unruhen in Palästina erregt worden waren, die den einzigen Zweck der Störung des jüdischen Aufbauwerks verfolgten ünd jedenfalls mannigfache Besorgnis, hervorgerufen hatten. Die vergangenen zehn Jahre haben die Träume der Zeit nach San Remo gewiß nicht alle verwirklichen können; ja trotz ungeheurer Leistungen in und für Palästina, trotz eines beispiellosen Kolonisationswerks in diesem Lande und trotz eines überzeugend geführten Beweises der Juden, daß sie nicht nur fähig und willens sind, ihre Heimstätte in Palästina aufzubauen, sondern daß dies auch durchaus und in unserer Zeit im Bereich der Möglichkeit liegt — wenn man sie nur nicht daran hindert —, trotz all dieser Umstände ist heute politisch die Situation des Aufbauwerks nicht ungefährdet und ähnelt in mancher Beziehung jener vor San Remo. Der vor kurzem veröffentlichte Bericht der Shaw-Kommission, der ja freilich als politisches Dokument nicht von entscheidender Bedeutung ist, immerhin aber als Grundlage für parlamentarische Beschlüsse dienen wird, versucht, wie hier schon ausgeführt wurde, durch eine Verschiebung der Fragestellung ■ und durch Außerachtlassung der wichtigsten Zielsetzungen des Mandats, das jüdische Werk zu diskreditieren und seine Fortsetzung zu erschweren. Dagegen gilt es heute zu kämpfen und kräftiger und entschiedener als je den jüdischen Willen zur Realisierung und Vollendung des Aufbauwerks zu dokumentieren — wie es den jüdischen Führern, vor allem Weizmann in San Remo gelungen ist, die Welt zu gewinnen, so wird es auch heute, nachdem durch die neue Organisierung der Juden in der Jewish Agency die finanziellen Vorbedingungen im wesentlichen gegeben scheinen, gelingen, die politischen Vorbedingungen für ein neues Erstarken des Palästinia-Aufbaus zu schaffen, wenn nur an der Unbeirrbarkeit und Unbedingtheit des jüdischen Willens, an der Opferfähigkeit und Hingabefreudigkeit jüdischer Menschen im Dienste dieses Zieles nirgendwo ein Zweifel besteht. I. E. Ritualmordgerüchte in Deutschland Berlin, 21. April. (JTA.) Die „Breslauer Jüdische Zeitung“ schreibt: „Am vergangenen Donnerstag abend spielte sich in Köln ein Vorfall ab, der ein grelles Schlaglicht auf die ständigen Hetzereien und ihre Folgen wirft. Folgendes hat sich abgespielt: In einem Hausflur spielten einige Kinder ziemlich lärmend. Ein jüdischer Ladenbesitzer wies die Kinder energisch zurecht, worauf sie davonliefen. Ein Kind muß nun einen besonderen Schreck bekommen haben, denn es blieb verschwunden, ln kurzer Zeit hatte sich eine nach Hunderten zählende Menge vor dem Hause angesammelt, die unter Führung des Vaters und seiner Tochter eine recht bedrohliche Haltung gegen den jüdischen Ladenbesitzer einnahm. „Der Jude hat das Kind versteckt“, „die Juden brauchen jetzt christliche Kinder“ und ähnliche Rufe wurden laut, die zur Kennzeichnung der Situation wohl ausreichen. Der Vater des vermißten Kindes hielt selbst Haussuchung vom Keller bis zum Dachfirst, ohne das Kind zu finden. Die Haltung der Menschenmenge vor dem Hause wurde immer drohender. Ein Schutzpolizist versuchte die Leute zu beruhigen, indem er darauf hinwies, daß das Kind sich verlaufen haben würde und daß die Leute sich hüten werden, ein Kind zu verstecken oder irgend etwas mit ihm anzufangen. Es wäre aller Wahrscheinlichkeit nach zu ernsteren Ausschreitungen gekommen, wenn nicht nach kurzer Zeit das Kind wieder erschienen wäre, es war in der Angst zu weit weggelaufen und kam dann wieder, nicht ahnend, welcher Konfliktsstoff durch sein Verschwinden entstanden war. Natürlich war mit der Wiederkehr des „verlorenen Sohnes“ alles wieder in Ordnung. Die „Breslauer Jüdische Zeitung“ knüpft an das Vorkommnis noch die folgende Bemerkung: „Die ganze Situaion hatte nach diesen Äußerungen eine beklemmende Ähnlichkeit mit solchen, in denen Ritualmördbeschuldigungen entstehen; es gibt Dutzende von Beispielen, in denen es so begann und ein schreckliches Ende entstand. Das Besondere ist, daß hier in Köln eine solche Situation entstehen konnte. Wenn irgendwo im tiefen Rußland oder Hinterasien Derartiges vorkommt, so findet man ein bedauerndes Achselzucken über die Unkultur, die diese Barbarei verständlich, aber nicht entschuldbar macht. Daß wir in Deutschland den Boden für derartige Blutsbeschuldigungen haben, ist eine Folge der infamen Hetze der Nationalsozialisten, die in ihrem Kampfe gegen die Juden auch unmoralische und erlogene Phantasieauswüchse nicht verschmähen.“ Die 83. Friedhofsschändung B e r 1 i n , 17. April. (JTA.) In Bottrop wurden — wie dem „Israelitischen Familienblatt“ gemeldet wird — auf dem israelitischen Friedhof eine An-

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