Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 16 (18.4.1930)
- Date
- 1930-04-18
- Page
- Seite 226 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9103085-9229990--10786-9222861- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
226 Das Jüdische Echo Nr 16 Neue Bücher Die jüdische Kunst Das Problem der jüdischen Kunst als Sonderexistenz, als eigener, für sich herausschälbarer Begriff hat, wie alle geistigen Komplexe um das „Jüdische“ herum, unsere Zeit stärker beschäftigt als jede vorangegangene. Das hat zweifellos ebensosehr seinen Grund in der intensiveren Selbstbesinnung, zu der wir gezwungen sind und uns selbst zwingen, als in der Erfülltheit des modernen Juden mit Fragen, die noch vor einer Generation nicht bestanden. So ist es vielleicht nicht verwunderlich, daß sich dem Vademecum ins Land der von Juden geschaffenen Kunst von Dr. Karl Schwarz, das im Jahre 1928 erschien unter dem Titel „Die Juden in der Kunst“ (vergleiche Nr. 52 des Jahrgangs 1928 des „Jüd. Echos“) jetzt eine Arbeit des an der Berliner jüdischen Volkshochschule wirkenden Kunsthistorikers Dr. Ernst Cohn -W i e n e r zugesellt, die „Die jüdische Kunst“ behandelt.1 Da der Verfasser nicht deutlich erkennen läßt, worin er den Eigencharakter jüdischer Kunst erblickt und wen er als Träger dieser Kulturäußerung betrachtet, so kommt das Programmatische meines Erachtens nicht zu seinem Recht. Die Bezeichnung einer Kunst als „jüdisch“ läßt sich nur bei Verbindung des künstlerischen Ausdrucks mit der Sonderart eines „ständigen Faktors“, wie ihn Volkstum oder Heimatboden darstellen, rechtfertigen. Jüdische Kunst in diesem Sinne befindet sich erst im Stadium der Festigung; nur wenige Werke lassen sich dazu rechnen, wie etwa die jüdischer Kunsthandwerker, hauptsächlich Kunstschreiber, im Mittelalter und in den seltenen Zeiten, wo geschlossene Siedlung die Entwicklung jüdischen Wesens förderte oder die der mit uns lebenden Künstler, die erst den Grund legen für eine neue, in sich beruhende Gestaltungsweise, der wir dann den Namen „jüdisch“ beilegen dürfen. Cohn-Wiener erkennt diesen Sachverhalt auch völlig an, glaubt aber in der Hinneigung des Juden zum Gedanklichen den Wesenskern gefunden zu haben, der ihn berechtigt, seinem Werke den prätentiösen Titel voranzusetzen. Wenn wir dem Autor auf diesen Boden folgen wollten, würden wir uns auf ein äußerst unsicheres Gebiet begeben; der Begriffsbestimmung des „Jüdischen“ wären keine Grenzen gezogen, der Willkür in der Einreihung der Einzelerscheinungen unter ein beherrschendes Prinzip wären Tür und Tor geöffnet, falls nicht eine erkennbare, auch formal in Erscheinung tretende Besonderheit den Begriff des „Jüdischen“ veranschaulichen hilft. So nötig es auch war, in der erkenntniskritischen Beurteilung des Gesamtkomplexes die Grundauffassung, die Cohn-Wiener beherrscht und ihn zur Wahl seines Buchtitels führte, abzulehnen, so begrüßenswert ist das Werk in dem, was es bietet. In gefälliger Form gleiten die Kulturperioden von der ersten Besiedlung des Landes Israel durch unsere Vorfahren bis zum Wirken des einzelnen Juden in der Zerstreuung an uns vorüber. Unterstützt durch ein meist gut zur Geltung kommendes, reiches Bildmaterial, können wir, angefangen von der kanaanäischen Tonplastik, das Wirken von Juden und für Juden in der Kunst der Mittelmeervölker 1 Ernst Cohn-Wiener, Die jüdische Kunst. Ihre Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Mit 171 Abbildungen. Kunst-Kammer Martin Wasservogel, Verlag, Berlin W 8, Leipziger Straße 26. Preis geb. 12 RM. und ganz Europas bis zu Marc Chagall verfolgen. So entstand ein handliches Buch, das nicht allein jedem Kundigen eine brauchbare Zusammenstellung des aus vielen Quellen strömenden Stoffes bietet, sondern seinen eigentlichen Zweck erreicht, dem sich erweiternden Kreis von Interessenten in flüssiger Darstellung einen bereits an die Einzelheiten heranführenden Überblick über das nach Ländern und Zeiten vielgestaltige Gebiet zu geben. Daß bei dieser Arbeit mancher Teil zu ausführlich, mancher zu kurz behandelt zu sein scheint, beeinträchtigt nicht den Wert des Ganzen; es wäre verwunderlich, wenn ein Meinungsstreit über Einzelheiten nicht eintreten würde. Daß aber Dinge, die mit Kunst überhaupt nichts zu tun haben, wie die primitiven Tongeräte Palästinas, so breit behandelt werden, während der Entwicklung der letzten Jahrzehnte doch nicht das Augenmerk geschenkt wird, das sie zweifellos verdient, ist gleichwohl zu bedauern. Auch wäre der Nutzen für den Leser größer, wenn eine Literaturangabe demjenigen zur Seite stehen würde, der sich mit den zahlreichen Einzelfragen genauer beschäftigen möchte. Der Verlag, der mit diesem Werk als Herausgeber eines für die jüdische Öffentlichkeit in besonderem Maße bestimmten Werkes zum erstenmal auftritt, hat sich mit Erfolg bemüht, dem Buche ein erfreuliches Gewand mitzugeben. München. Theo Harburger. Dr. Rudolf Hallo: Jüdische Volkskunst in Hessen. Festschrift der Sinai-Loge zu Kassel. 1928. Preis 3 RM. Unsere Zeit hat, wie sich allerorten deutlich erweist, ein gesünderes Verhältnis zum künstlerischen Schaffen, das aus dem Volke heraus entsteht und im Volke lebendig ist, gefunden, als dies in den vorangegangenen Jahrzehnten der Fall war. Soweit damals die materialistische Einstellung überhaupt Verständnis für Kunstübung aufbrachte, hat dies in fast banausenhafter Weise lediglich der „großen“ Kunst gegolten. Obschon die Bestrebungen zur Erhaltung des vielzerstreuten und lange Zeit gänzlich unbeachtet gebliebenen, ja verachteten Kunst- und Kulturguts erst in zwölfter Stunde einsetzten, sind die Ergebnisse der Sichtung und Sicherung des Volkskunstmäßigen bereits recht erfreulich. Auf dem Gebiete der stammeskundlichen Erfassung deutscher Erzeugnisse ist schon viel Gutes geleistet worden. Diesen Arbeiten schließt sich nun für das Spezialfach der jüdischen Volkskunst die Schrift von Dr. Rudolf Hallo an, die er im Aufträge der Sinai-Loge zu Kassel als Festschrift zu deren vierzigjährigem Bestehen hat erscheinen lassen. Als Mitarbeiter an der durch die tätige Anteilnahme dieser Loge ermöglichten „Jüdischen Abteilung“ im Hessischen Landesmuseum zu Kassel ist er, wie kein Zweiter, berufen, den Besonderheiten jüdischer Kunstbetätigung im Hessischen gerecht zu werden. Es ist unstreitig sein Verdienst, den Wert auch des an sich nicht übermäßig Bedeutenden aufgezeigt und in feinsinniger Weise in den Zusammenhang des ganzen Kunstkreises gebracht zu haben. Doch dürfte gewünscht werden, daß neben den stammeshessischen Kunsteinflüssen auf die Gestaltung der behandelten Bauten, Gegenstände und Geräte zu kultlicher Verwendung auch ihre Einordnung in den Gesamtkomplex jüdischen Volkstums und der daraus entspringenden besonderen Note auch in der formalen Bewältigung der künstlerischen Aufgabe zu ihrem Rechte gekommen wäre. Ohne auf Einzelheiten eingehen zu wollen — was nicht im Rahmen einer Besprechung liegen kann, da das Gesamtbild verschoben würde —, darf man nach