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Das jüdische Echo · 1930-04-11 · 15 (11.4.1930) · p. Seite 209

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
15 (11.4.1930)
Date
1930-04-11
Page
Seite 209 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15 Das Jüdische Echo < * tung des Ortsausschusses München-Augsburg vom 27. Februar und zu der darangeknüpften grundsätzlichen und kritischen Schlußbemerkung Stellung. Nach zwei Richtungen greifen Sie die „Schlußbemerkung“ an. Erstens: Den Satz „Die geistigen Elemente des Zionismus sind in der Brith- Schalom, im Friedensbund, vereinigt“, bezeichnen Sie als eine objektiv falsche, unhaltbare, „einfach nicht wahre“ und schädliche Unterrichtung. Zweitens sehen Sie die innerzionistischen Gegensätze in Verbindung mit der politischen Frage, die ich kurz als „Doppelrechnung mit England und mit den Arabern“ etikettierte, als ein leichter lösbares und anders geartetes Problem als das Problem Deutsch-Judentum. Im ersten Fall liegt der Mangel des Verstehens in dem Mangel eines gemeinsamen politischen Vokabulars. Geistig nenne ich in der Politik einer sich selbst behauptenden, arteigenen Gruppe wie der Juden die Behauptung mit ausschließlich friedlichen Mitteln, in dem Sinne der berühmten Rede von Buber auf dem XII. Zionisten-Kongreß in Karlsbad im Jahre 1921, also eine Haltung, die zum Machtgedanken der führenden zionistischen Majorität im Gegensatz steht. Die Mittel des Herrschaftsnationaligmus sowie die Auseinandersetzung mit Hilfe von Machtmitteln (mögen diese auch vorläufig von fremden Staaten geborgt sein), werden vom „geistigen“ Teil der Zionisten, der nicht die herrschende Richtung bildet, verworfen. Nichts anderes, als daß es beide Richtungen in der zionistischen Bewegung gibt, sollte in dem obigen kurzen Satz gesagt werden. Es war nicht die Absicht, in der Gemeindezeitung einen längeren Traktat über die bewegenden Kräfte des Zionismus zu geben. Bei der Zusammenarbeit in dem Aufbauwerk, dem die Veranstaltung galt, war es wichtig, auf diese Brücke zwischen den sich noch fremden zionistischen und nichtzionistischen Mitarbeitern in der Agency hinzuweisen. Der Ausdruck „Kampf mit geistigen Mitteln“ in dem eben entwickelten Sinn ist in der politischen Sprache der Gegenwart eine Abreviatur, ein abkürzender Ausdruck, eine Breviloquenz zur Charakterisierung jenes Gegensatzes. Auch die Mittel, mit denen der moderne Macht- und Rechtsstaat sich heute noch durchsetzen zu müssen glaubt und deren er sich zuletzt in den Jahren 1914—18 bediente, sind „geistig“ im absoluten Sinne des Wortes, da auch hinter der Diplomatie alter Schule und vor allem hinter der Kriegsführung des modernen Staates eminent geistige Kräfte standen und stehen. Wenn ich also statt einer Abhandlung über die bewegenden Kräfte im heutigen Zionismus auf die Dinge in einer präzisen und notwendigerweise gedrungenen Schlußbemerkung eingehen wollte, so mußte ich es so tun, wie ich es gemacht habe. Und ich Jiabe bei dieser Behandlungsweise unter den Zionisten selbst allgemein geachtete und geschätzte Vorgänger. Es lag mir schlüssigerweise ■— für jeden Einsichtigen unmittelbar ersichlich — ganz fern, Weizmann vorzuwerfen, daß er ein „ungeistiges“ Element sei. Das wäre der gleiche Unsinn, wenn ich behaupten wollte, daß die Mittel, deren sich die großen Mächte in den Jahren 1914—18 zu ihrer Auseinandersetzung bedient haben und die sonstigen Mittel der nationalen Selbstbehauptung absolut ungeistig seien. Lediglich zur näheren Kennzeichnung jenes Gegensatzpaars innerhalb 209 der zionistischen Strömungen durfte ich nach dem allgemein anerkannten politischen Sprachgebrauch das Mittel, das der Brith-Schalom empfiehlt, als das spezifisch geistige bezeichnen und demgemäß sagen: „Die geistigen Elemente des Zionismus sind in der Brith-Schalom, dem Friedensbund, vereinigt.“ Dagegen werden und brauchen wir uns über den Grad der Problemhaftigkeit der deutsch-jüdischen Zweiheit und der innerzionistischen Vielheit nicht einigen. Das ist ein Streit um des Kaisers Bart. „Gegen die innerzionistischen Zerklüftungen und die Doppelrechnung mit England und mit den Arabern ist die Zweiheit Deutschtum- Judentum kaum ein Problem.“ Ich gebe zu, daß dieses Urteil für eine kurze Information fast allzu gedrängt und von Voraussetzungen vollbepackt ist: aber oberflächlich ist diese Unterrichtung sicher nicht. Wichtig ist mir noch etwas anderes Grundsätzliches! Ich muß offen gestehen, daß ich über die Art, wie Sie mich zurechtgewiesen haben, etwas erschrocken bin. Mir liegt es ganz ferne und lag es immer fern, Gegensätze, echte, wesentliche, geistige Gegensätze mit Arabesken des Harmonismus zu überranken. Aber in jüdischen Angelegenheiten sind wir — dachte ich — doch weitergekommen und verpö- -nen ohne Unterschied der Richtung die gewöhnlichen Kampfmittel der politischen Parteien unserer Umwelt. Sind wir wirklich noch nicht weiter als. vor 16 Jahren? Im ersten Jahr Ihrer geschätzten Zeitschrift, im Jahr 1914, vor dem Kriege, lud mich Ihre damalige Schriftleitung, Herr Dr. Weldler, ein, zum zehnjährigen Todestag Theodor Herzls die Frage zu beantworten: „Was bedeutet uns Nichtzionisten Theodor Herzl?“ In Ihrer denkwürdigen Juli-Nummer von 1914 durfte ich mich darüber ausführlich äußern und führte zum Schlüsse aus: „Wie Karl Marx sich durch sein glühendes Temperament hinreißen ließ, zwischen Kapitalismus und Proletariat ethische Scheidewände zu errichten, wo allein wirtschaftliche Distinktionen am Platze waren und Gesetzmäßigkeiten hätten festgestellt werden dürfen, so gab Theodor Herzl den Nicht-Zionisten eine moralische Note: Assimilanten nannte er sie mit dem unverkennbaren Unterton des Muckertums und Leisetretens. Allein Herzl stand das Privileg des Vorkämpfers zur Seite, der auf Neuland stritt, der eine Bresche zu legen hatte in die fast undurchdringliche und unverwundbare Mauer der Lauen und Indifferenten, der Zweifler, der Resignierten und ,Objekttiven‘. Darüber haben sich die zionistischen Epigonen nicht mehr zu beklagen, allein sie haben sich trotzdem die schwere Rüstung ihres toten Führers angelegt und die schlottert nun um ihre anders gebauten Leiber. Jedes Wort Theodor Herzls — man sehe selbst ,Altneuland4 noch einmal darauf hin an — war getragen von der Überzeugung, daß in Wahrheit das Nationalgefühl nur berechtigt und gut sei innerhalb des humanen Bewußtseins, war noch getragen von dem Gedanken der Unerläßlichkeit der Internationalität des Geistes und der Arbeit. Das echte und sittliche Nationalgefühl Herzls hat sich unter den Händen seiner Nachfolger verwandelt in eine Hurrastimmung, die dem politisch-militärischen Nationalgefühl der ,Wirtsvölker4 bedenklich angeglichen ist.“ Ich würde das heute nicht mehr so sagen, son-

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