Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 12 (21.3.1930)
- Date
- 1930-03-21
- Page
- Seite 167 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Das Jüdische Echo 167 Tscherniawsky (am Flügel F. Simmenauer) der Dichter selbst auf dem Podium. Das Publikum erhob sich spontan und brachte dem Dichter eine begeisterte Ovation dar. Tschernichowsky las schlicht und dennoch sehr eindrucksvoll zuerst ein kleines Poem „Maginah“, dann sein Poem der Verherrlichung des Lebens: „Zachaki, Zachaki al Hachalomoth“ und gab damit dem Abend die höhere Weihe. Es folgten noch eine Rezitation von E. Ettinger („Mohammed“ von Tschernichowsky) und Szenen aus Tschernichowskys Drama „Bar Kochba“, gespielt vom Bar-Kochba-Studio unter Leitung von E. Ettinger. Neue Schändungen jüdischer Kultstätten Friedhofsschändungen in Fußgönnheim und Lichtenfels, Synagogenschändung in Labiau — Der Revolverheld von Hannover gefaßt Berlin, 13. März. (JTA.) Die „C.-V.-Zeitung“ schreibt: „Noch sind die letzten Friedhofs- und Synagogenschändungen ungesühnt, und schon wieder häufen sich die Meldungen über neue Untaten. So wird uns aus Kaiserslautern gemeldet, daß auf dem alten israelitischen Friedhof in Fußgönnheim etwa 30 Grabsteine umgeworfen worden sind. Es ist nicht feststellbar, wann die Tat vollbracht worden ist. Angeblich sollen bereits Mitte Januar Kinder beim Fußballspiel die Mauer überstiegen und in jugendlichem Übermut die Tat begangen haben. Aus Lichtenfels wird berichtet, daß Fremde, die am Donnerstag, dem 6. März, die Gräber ihrer Angehörigen auf dem jüdischen Friedhof besuchen wollten, dort 8 Grabsteine umgelegt vorfanden. Auch dort sind zwar Nachforschungen angestellt, doch die Täter noch nicht ermittelt worden. In Labiau wurde in zwei verschiedenen Fällen der Zaun der Synagoge erheblich beschädigt. Das Holzgitter wurde aus den gemauerten Pfeilern herausgerissen und eine Reihe der schweren Pfeiler umgestoßen. Als Täter konnten der 18jährige Bürogehilfe Willi Bentel vom Arbeitsamt und der Schlosserlehrling Haffke sowie der Elektrikerlehrling Pauleweit festgestellt werden. Die Tat erfolgte in beiden Nächten nach völkischen Versammlungen. Ein Revolverheld hat, wie schon mitgeteilt, am 15. Februar den Abendgottesdienst in der Synagoge in Hannover gestört. Dieser ist inzwischen festgenommen worden; es war der 21jährige Matrose Wüstner. Bei seiner Festnahme gab er an, daß er antisemitisch eingestellt sei und häufig nationalsozialistische Versammlungen besucht habe. Wüstner hat den Knall in dem Vorraum der Synagoge durch zwei Revolverschüsse verursacht. Den Revolver hat er sich zu diesem Zweck besonders geliehen. Vier Jugendliche haben ihm bei dieser Heldentat geholfen. In immer rascherer Folge mehren sich die Fälle, in denen Jugendliche, ja sogar Kinder, jüdische Friedhöfe und Synagogen schänden. Die Nationalsozialisten lehnen in solchen Fällen die Verantwortung für die Tat ab, und es ist häufig auch schwer, den unmittelbaren Zusammenhang festzustellen. Es erhebt sich aber doch die Frage: weshalb lassen diese Kinder gerade ihren Übermut an jüdischen Friedhöfen und Gotteshäusern aus? Doch zum mindesten, weil ihnen die Ehrfurcht vor diesen geweihten Stätten fehlt, die ihnen in Schule und Elternhaus ebenso gelehrt werden müßte, wie die vor den christlichen Heiligtümern. Wenn aber in völkischen Schülerbünden, Schülerzeitungen, in Anschlägen, Vorträgen u. dgl. die Juden und die jüdische Religion als vogelfrei und bekämpfenswert hingestellt werden, dann sind auch diese Kreise moralisch verantwortlich für die Taten, die aus ihren Worten folgen.“ Antisemitische Studentenexzesse In Warschau Warschau, 13. März. (JTA.) Im Anatomischen Institut der Warschauer Universität fand am Vormittag eine Versammlung national-demokratischer Studenten statt, in der die Redner erklärten, daß die christliche Studentenschaft nun, da die Aktion wegen Herbeischaffung jüdischer Leichen für Sektionszwecke erfolglos geblieben ist, zu Taten schreiten müsse. Am Nachmittag drang eine Studentenmenge in der Zahl von etwa fünfhundert, unter ihnen Hörer der Handelshochschule, des Polytechnikums und der Landwirtschaftlichen Hochschule in den Saal der Anatomie ein, in welchem unter Leitung von Prof. Loth praktische Übungen stattfanden, stürzte sich auf die im Saale arbeitenden Juden und trieb sie unter schweren Mißhandlungen auf die Straße, ohne ihnen Zeit zu lassen, ihre Wintermäntel mit sich zu nehmen. Hierauf wurde an das Tor der Anatomie eine Tafel mit riesiger Aufschrift „Eintritt für Juden verboten!“ angebracht. Während der Schlägerei haben auch christliche Studenten, die für Juden gehalten wurden, Verletzungen erlitten. Später veranstalteten die antisemitischen Studenten im Universitätsviertel eine Riesendemonstration, in der Transparente mit der Aufschrift „Nieder mit der jüdischen Überschwemmung!“ getragen wurden. Warschau, 14. März. (JTA.) Im Zusammenhang mit den schweren antisemitischen Ausschreitungen im Anatomischen Institut der Warschauer Universität, wo über sechzig jüdische Studenten und Studentinnen von eingedrungenen, auch nicht medizinischen polnischen Studenten sehr schwer mißhandelt und aus dem Institut hinausgeworfen wurden, ist das Institut auf unbestimmte Zeit geschlossen worden. Gegen den Leiter der betreffenden Institutsabteilung Professor Loth wird die Beschuldigung erhoben, daß er die mißhandelten jüdischen Studenten nicht in Schutz genommen und sich bei den antisemitischen Studenten für die ihm dargebrachten Ovationen bedankte. Die Unruhen im Anatomischen Institut fanden ein Nachspiel in der Universität, wo das Büfett der jüdischen Akademiker-Selbsthilfe und das Büfett der assimilatorischen jüdischen Studenten vollkommen demoliert wurde. In der Universität wurde dann eine Versammlung antisemitischer Studenten abgehalten, in der die Rufe ausgestoßen wurden: „Wenn die Juden keine Leichen für Anatomiearbeiten liefern, so werden wir in die Nalewkigasse (das jüdische Handelszentrum von Warschau) gehen und uns selbst jüdische Leichen holen!“ Ein Vertreter der Handelsakademie erklärte in der Versammlung, obwohl seine Kollegen an der Frage der jüdischen Leichen nicht direkt interessiert sind, so werden sie ihrerseits sich bemühen, die Juden aus Handel und Industrie hinausstoßen zu helfen. An dieser antisemitischen Hetzversammlung haben sich Studenten und Studentinnen der militärischen Offizierssanitätsschule beteiligt, in ihrem Namen erklärte sich der Sergeant Wiczak mit den antisemitischen Losungen einverstanden. Während der Straßendemonstration der antisemitischen Studentenschaft wurden in der Krulewskagasse mehrere Juden überfallen und schwer mißhandelt, einige erhielten blutende Kopfwunden.