Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 12 (21.3.1930)
- Date
- 1930-03-21
- Page
- Seite 166 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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166 Das Jüdische Echo Nr. 12 Hause Gebliebenen Geld zu schicken. Das alles ist jetzt vorbei. Man ist in Litauen wiederum um eine Hoffnung ärmer. Es scheint überhaupt das besondere Schicksal der litauischen Juden zu sein, die Möglichkeiten von Entwicklungen, die seitens verschiedener jüdischer Parteien als Lösungen der Judenfrage dargestellt wurden, rascher zu erproben und auszuschöpfen als die Judenheiten in anderen Ländern. Die litauischen Juden sind in den letzten zwölf Jahren um viele Erfahrungen reicher und um viele Hoffnungen ärmer geworden. Sie hatten nationale Autonomie, sie genießen Minderheitenrechte, sie haben ein ausgezeichnetes Schulwerk, sie praktizieren alle Formen der Selbsthilfe, sie sind selbstbewußt und energisch, bildungsfähig und arbeitsfreudig, und es fehlt ihnen nur eines — die Existenzmöglichkeit. Aber dieses eine ist die Hauptsache und dieses eine fehlt den Juden mit der fortschreitenden wirtschaftlichen Entwicklung fast in allen Ländern der Welt. Fast überall schmälert der politische und wirtschaftliche Antisemitismus die Existenzbasis der Juden, aber abgesehen davon richten sich die in ihrem Wesen anationalen neuen Wirtschaftsformen in stärkstem Maße gegen die Juden, weil sie die selbständigen, zwischen Produktion und Konsum stehenden jüdischen Existenzen überflüssig machen. Jede neue Einkaufs- oder Verkaufsgenossenschaft, jedes neue Monopol, jede Vertrustung und Kapitalkonzentrierung wirkt sich zunächst und am stärksten gegen die Juden aus. In Deutschland legen die großen Warenhauskonzerne und Einheitspreisläden die kleineren selbständigen jüdischen Geschäftsinhaber lahm, in Litauen besorgen das die Staatsmonopole und Kooperativen. So besteht zwischen den Juden in Deutschland und den Juden in Litauen — und wenn man genauer hinguckt überall — eine fatale Schicksalsähnlichkeit. In dem einen Lande wirkt sich der Verdrängungsprozeß gegen die Juden rascher, in einem anderen langsamer aus: überall wird das gleiche Spiel gespielt und das Kartengeld und nicht nur dieses allein, sondern auch die Spielverluste zahlen die Juden. Woher das kommt? Weil die Juden überall anormal geschichtet sind, weil sie überall sozusagen an einem fremden Tisch sitzen, den nicht sie gedeckt haben. Und wenn sie ihn auch in manchen Ländern decken halfen, so sind sie in einer derartigen Minderheit, daß sie von den hinzukommenden neuen Tischgästen immer mehr an das unterste Tischende gedrängt und schließlich verdrängt werden. Alle Völker entwickeln einen Mittelstand, der in siegreiche Konkurrenz gegen die Juden tritt. Hier in Litauen sind es nichtjüdische Kaufleute und in Deutschland sind es nichtjüdische Syndizi, die die Interessen der großen Firmen wahrnehmen, .welche bisher die Dienste jüdischer Justizräte in Anspruch nahmen. Solche Gedanken kommen einem, wenn man in kleinen litauischen Städtchen die Juden ihre Lage schildern hört und wenn man vernimmt, daß dieser oder jener in den nächsten Tagen, noch vor Pessach, die Reise nach Südafrika antreten wird, um vor dem 1. Mai zurechtzukommen. Die Schicksalsverbundenheit und Schicksalsähnlichkeit der Juden in aller Welt wird einem klar und zutiefst erkennt man die Bedeutung dessen, was man Golus nennt. Denn Golus ist nichts anderes als abnorm und eine Lösung kann nichts anderes bringen als Normalisierung in jeder Hinsicht. m. w. Saul Tschernichowskys 30jähriges Dichterjubiläum Berlin, 12. März. (JTA.) Vor genau 30 Jahren ist der erste Gedichtband von Saul Tschernichowsky, dem großen hebräischen Dichter, erschienen, der \iie moderne hebräische Lyrik auf ganz neuen Bahnen zeigte. Seither hat Tschernichowsky weitere Bände Gedichte und „Idyllen“ veröffentlicht, deren jedesmaliges Erscheinen für die hebräisch Sprechenden und für alle Freunde der hebräischen Literatur ein Fest bedeutete. 1929 veröffentlichte Tschernichowsky sein Drama „Bar Kochba“, das große Hoffnungen für Tschernichowskys Entwicklung als Dramatiker geweckt hat. Er schrieb auch Gedichte für Kinder, Novellen und humoristische Erzählungen von großer Eigenart. Epochal wirkte er in der hebräischen Literatur als Übersetzer. So hat er die Ilias und die Odyssee, Goethes Reinicke Fuchs und Sophokles’ König Oedipus in metrischer Treue übersetzt, nachdem er schon früher die großen Gedichte Longfellows, die Lieder Anakreons und das Gilgamesch-Epos der hebräischen Literatur einverleibt hatte. Die Hebraisten aller Länder feiern in diesen Tagen Tschernichowskys Jubiläum mit. Auch in Berlin vereinigten sich am 12. März im Schubert-Saal die Hebraisten zu einem Ehrenabend für Tschernichowsky, der seit einigen Jahren in dieser Stadt lebt. Berlin, 13. März. (JTA.) Einen glänzenden und erhebenden Verlauf nahm die vom jüdischen Turn- und Sportklub der Bar-Kochba-Hakoah am Mittwoch, den 12. März, im Schubertsaal zu Berlin veranstaltete Feier aus Anlaß des 30jährigen Dichterjubiläums des großen hebräischen Dichters Saul Tschernichowsky. Neben den Vertretern der Berliner Hebraisten-Gemeinde und der Zionistischen Organisation — es erschienen unter anderen der Präsident der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Herr Kurt Blumenfeld, und der Chefredakteur der „Jüdischen Rundschau“, Dr. Robert Weltsch — war besonders viel Jugend erschienen, die begeistert dem Dichter zujubelte; es herrschte während des ganzen Abends wirkliche Festesfreude. Nach einem von Lotte Tennenbaum gesprochenen, von Max Asrican verfaßten Prolog und den Darbietungen eines Trios (Felix Simmenauer, Alfred Mulvidson und Max Kikoler hielt Herr Dr. Alfred Klee (in Vertretung des am Erscheinen verhinderten Makkabi-Präsidenten Dr. Hermann Leiewer) im Namen des Bar-Kochba-Hakoah die Begrüßungsansprache, in der er die Bedeutung des hebräischen Wortes und der hebräischen Dichtung in der jüdischen Renaissance-Bewegung und die Führerrolle Tschernichowskys in der hebräischen Literatur wertete. Nach Darbietungen von E. Ettinger (Auf dem Markt zu Jerusalem) und Gesangvorträgen des Bar- Kochba-Chors unter Leitung von W. Spritzer hielt Herr Dr. Rawidowicz an Stelle des im letzten Augenblick durch Erkrankung behinderten Dr. A. Rosenfeld in hebräischer Sprache eine literarische Würdigung des Dichters Tschernichowsky. Viel Begeisterung lösten die rezitatorischen Darbietungen des jugendlichen Theater- und Filmstars Mara Spiegel, der zuerst eine von ihm selbst verfaßte hebräische Ansprache an den Dichter hielt, die mit den Worten „Chasak weemaz!“ schloß, dann das Meisterpoem Tschernichowskys „Zachaki Zachaki al Hachalomoth“ sprach und mit heiteren Kinderliedern Tschernichowskys schloß. Den zweiten Teil des Abends leitete Staatsrat Dr. Jacob Teitel ein, der den Dichter im Namen des Verbandes Russischer Juden begrüßte. Schließlich erschien nach einem Violinvortrag von E.