Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 12 (21.3.1930)
- Date
- 1930-03-21
- Page
- Seite 164 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Das Jüdische Echo Nr. 12 die bayerischen Gemeindeverbandswahlen. Diese brachten eine außerordentlich starke und bis dahin in Nürnberg nicht gekannte Bewegung der jüdischen Öffentlichkeit. Wahlversammlungen mit ungewöhnlich starker Beteiligung wurden abgehalten; in den liberalen wie in den volksparteilichen Versammlungen gab es lebhafte Diskussionen. So kam der Wahltag heran. Ich übernahm unter Oberleitung des inzwischen leider ebenfalls verstorbenen Dr. Veith die Leitung des volksparteilichen Schlepperdienstes in einem Bezirk, dessen Stabsquartier sich in der Wohnung eines Volksparteilers am Josephsplatz befand. Die Jugend, besonders die Blauweißen, waren mit ungeheuerem Eifer beim Schleppen. Sie sausten mit den erhaltenen Wähleradressen davon und kamen in kürzester Zeit mit Resultaten zurück. Mitten unter ihnen, der Jugendlichste von allen, Dr. Bamberger, der zum Staunen der Nürnberger Sonntagnachmittags- Spaziergänger — deren Erkundigungen ergaben, daß die Juden „Kirchenwahlen“ hatten — mitten auf dem Josephsplatz Instruktionsstunde abhielt. Besonders groß war die Freude der Jungen, wenn es ihnen einmal gelang, ein „liberales“ Auto zu überlisten und zum Schleppen für die Volkspartei zu überreden. Die Wahl ergab für die Volkspartei einen für den ersten Anlauf sehr beträchtlichen Erfolg; ein Drittel der Mandate in Nürnberg. Abends traf man sich im Cafe Gisela, um die Wahlresultate abzuwarten, an einem Tisch die Liberalen, am anderen die Volksparteiler. Beide waren zufrieden, die ersteren, daß sie die Mehrheit, die letzteren, daß sie soviel Stimmen hatten. Bald gingen die Besuche von Tisch zu Tisch, wie denn überhaupt in Nürnberg die persönlichen Beziehungen zwischen den Parteien gute waren, und der Kampf, so scharf er auch sachlich geführt wurde, weder in Gemeindesachen, noch im Verhältnis zwischen Zionistischer Ortsgruppe und Central-Verein die persönliche Feindseligkeit annahm, die er an vielen anderen Orten hat. Es kam die schwere Zeit der Inflation und der Hochflut des Nationalsozialismus im Jahre 1923. Sie war in jüdischer Beziehung nicht fruchtlos. Daß große Volksmassen so stark gegen die Juden beeinflußbar waren, und das in Nürnberg, das man früher als ein Eldorado für die Juden angesehen hatte, öffnete manchen Nichtzionisten die Augen und veranlaßte sie, über ihre Existenz als Juden nachzudenken. Nie wieder werden die bayerischen Juden, was immer sie jetzt auch sagen mögen, mit derselben Unbefangenheit und demselben blinden Optimismus über die Judenfrage urteilen können wie vor der Hitlerzeit. Die Hitlerzeit trieb bei manchen sonderbare Blüten, entsprungen aus dem Widerspruch zwischen der neuen Erkenntnis der Lage und der gleichzeitigen Konservierung der alten Parolen. Zur Zeit, als der Judenhaß auf seinem Höhepunkt war, nahm ich an dem Festabend eines Nürnberger jüdischen Vereins als Vertreter der Zionistischen Ortsgruppe teil. Neben mir saß der Vertreter einer anderen Organisation, die keineswegs auf zionistischem Boden stand. Es war an dem Abend, als zwei Nürnberger Cafes von den Nationalsozialisten gestürmt und die darin befindlichen Juden angegriffen wurden, und so sprachen wir von Antisemitismus. Mein Nachbar sagte: „Wissen Sie, wenn ich noch ein junger Mann wäre, würde nichts mich abhalten auszuwandern und mich in einem anderen Land niederzulassen, anstatt mich hier als Menschen zweiter Klasse ansehen zu lassen.“ Keine fünf Minuten danach erhob er sich, um für seine Organisation zu sprechen und rief in seiner Rede mit flammendem Pathos aus: „Wir lassen uns unser deutsches Vaterland nicht rauben!“ Ich könnte noch manches erzählen: Von dem auswärtigen Keren-Hajessod-Arbeiter, der uns einmal besuchte und mit seinem energischen und strengen Wesen auf manche Nichtzionisten einen solchen Eindruck machte, daß sie eine beträchtliche Zeichnung abgaben, aber am nächsten Tag im Büro anriefen und ihre Zeichnung annullierten, weil Herr Dr. M. sie „vergewaltigt“ habe. Oder von dem Dichter, der sich zu einem Vortrag angesagt, aber, des Gottes voll, sich einen anderen Tag gemerkt hatte, und am Tage nach dem angesetzten Termin heiter erschien, während wir inzwischen den Tag unserer Geburt verflucht hatten. Aber es gilt ja nicht, eine Chronik der Ortsgruppe Nürnberg zu schreiben, sondern ich wollte nur einige Vorfälle, die mir gerade einfielen, der Vergessenheit entreißen. Und man möge auch nicht glauben, daß zionistische Tätigkeit immer in Anekdoten mündet. Sie bringt viel mehr Arbeit und Verdruß, aber sie bringt auch Befriedigung, selbst wenn sie keinen unmittelbar sichtbaren Erfolg hat, um so mehr aber dann, wenn man, längere Zeiträume überblickend, sagen kann, daß doch nicht alles umsonst war, daß doch manches vorwärts gegangen ist, und daß auch der „jungfräuliche“, „steinige“ oder mit anderen Beiworten belegte Boden mit der Zeit Früchte trägt. Die hebräische Sprachschule in Nürnberg Wenn Palästina als geistiges Zentrum des Judentums nicht nur ein Wortspiel bedeuten soll, so ist die Erlernung der hebräischen Sprache Grundbedingung für jeden Zionisten. Denn sie ist der Sammelpunkt allen Schaffens im Lande, Vergangenheit und Gegenwart zugleich. Und da sie jahrhundertelang Vaterland war für das wandernde Volk, ist sie auch die einzige Brücke, die vom internationalen Judentum in der Diaspora zur Verwurzelung in Erez Israel geschlagen werden kann. Denn ohne sie und ihren lebendigen Pulsschlag hat jeder Zionismus etwas allzu Doktrinäres an sich. Nur sie ist praktischer Zionismus für den Juden in der Galuth. Zu den zionistischen Organisationen in Deutschland, die das eingesehen haben, gehört die Zionistische Ortsgruppe in Nürnberg. Lange vor der Gründung einer eigentlichen Sprachschule hat sie bewiesen, daß sie für die Bedeutung der hebräischen Sprache und ihres Studiums ein besonderes Interesse zeigt und hat es immer verstanden, dafür zu sorgen, daß ihren Mitgliedern hebräische Lehrer zur Verfügung standen. Die Gründung der Sprachschule liegt nun auch schon fünf Jahre zurück; es sei an dieser Stelle ganz besonders auch der verständnisvollen Unterstützung unserer hebräischen Arbeit gedacht, die wir durch die Gemeindeverwaltung in Nürnberg und Fürth, wie auch durch die Logen von Anfang an erfahren durften. Die hebräische Sprachschule bedeutet einen wichtigen Schritt auf dem Wege zur Verwirklichung des Zionismus, und die „Alijah“-Wünsche und zum Teil auch „Alijah“-Vorbereitungen, die von einigen Schülern der Sprachschule betrieben werden, sind nicht zu allerletzt ihrer intensiven Beschäftigung mit hebräischer Sprache und Lite-