Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 12 (21.3.1930)
- Date
- 1930-03-21
- Page
- Seite 158 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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158 Das Jüdische Echo Nr. 12 heftigem Widerstand, auch im Bereich unserer Ortsgruppe eine Erneuerung und Revolutionierung des jüdischen Lebens durchgesetzt. Der Gedanke, daß Stillstand Rückschritt bedeutet, daß es nicht nur gilt, das Bestehende zu konservieren, sondern daß Förderung und Erweckung aller positiv jüdischen Bestrebungen Pflicht der verantwortlichen Führer und der Gemeindeverwaltungen ist, hat Eingang bei allen Beteiligten gefunden. Gleiches Wahlrecht für Männer und Frauen, gleiche Rechte für „West“ — und „Ost“, jüdische Forderungen, denen sich heute kaum jemand noch verschließen wird, waren vor nicht allzu langer Zeit nahezu von uns allein vertretene Parolen. Produktive Arbeitsfürsorge, tatkräftige Unterstützung der jüdischen Jugendvereine, Förderung des Unterrichts in der hebräischen Sprache und neuerdings die Errichtung eines vorbildlichen Jugendheims, das alles sind Leistungen der Jüdischen Gemeinde, deren Zustandekommen von uns in entscheidender Weise beeinflußt worden ist. Die Gründung eines jüdischen Turnvereins ist das ausschließliche Verdienst der Ortsgruppe, die gegen eine erbittert kämpfende Opposition den „Jüdischen Turn- und Sportverein Bar-Kochba“ ins Leben rief. In zahlreichen jüdischen Vereinen und in den Logen haben zionistische Mitglieder durch Aufrollung des jüdischen Problems, so wie wir es erkennen, neues Leben und aktive jüdische Tätigkeit gefördert; trotz der oft gegen sie erhobenen Vorwürfe der „Politisierung“ haben sie es durchgesetzt, daß man heute sich auch in diesen Kreisen mit jüdischen Problemen nicht nur aus interessierter Wißbegier, sondern deshalb beschäftigt, weil man die Notwendigkeit eigenen Handelns und den Zwang zur Entscheidung erkannt hat. Selbst die ausgesprochenen Gegner unserer Weltanschauung sind durch den Zionismus gezwungen worden, zum Judentum als einem lebendigen und wachsenden Organismus Stellung zu nehmen. Es ist eine besonders erfreuliche Tatsache, daß es trotz aller Auseinandersetzungen, die es in der Vergangenheit gegeben hat und die es hoffentlich in Zukunft noch in verstärktem Maße geben wird, gelungen ist, nahezu mit allen jüdischen Instanzen ein gutes Einvernehmen aufrecht zu erhalten. Wir wünschen und erstreben die Fortdauer dieser erfreulichen Beziehungen, ohne die bestehenden sachlichen Meinungsverschiedenheiten im geringsten verwischen oder nur abschwächen zu wollen. 4t Wir können die Männer, die sich um die zionistische Sache verdient gemacht haben, nicht durch wertvolle Ehrengaben erfreuen. Wir wissen aber, daß die zahlreichen Mitglieder unserer Ortsgruppe, die sich um ihr Gedeihen verdient gemacht haben und deren große Zahl es unmöglich macht, sie namentlich hier anzuführen, vor allem aber unsere Gründungsmitglieder — und ihnen gilt in erster Linie der Jubiläumstag —• keine andere Ehrung für sich wünschen und erwarten, als sie in dem Bewußtsein der von ihnen geleisteten erfolgreichen jüdischen Arbeit liegt. Ihnen, die wir bei unserem Jubiläumsfest am 23. März 1930 recht zahlreich zu begrüßen hoffen und unseren Brüdern in Erez Israel, vor allen denen, die aus dem Bereiche unserer Ortsgruppe in unser Land übergesiedelt sind, gilt heute unser dankbarer Gruß! Dr. Rudolf Liebstaedter, 1. Vorsitzender. Der Beginn der Zionistiscben Ortsgruppe Nürnberg-Fürth von (i e r s o n B 1 o e d e Freunde, in fröhlicher Stimmung laßt uns heute berichten, unserer Fehler bewußt und der gegnerischen vergessend. Wir arbeiteten und redeten und schrieben damals unter Zwang, aber auch die Gegner handelten unter Zwang. Nur jene sahen nur den Augenblick, wir Dauer und Entwickelung. Wir haben das Basler Programm. Es sollte ja eigentlich anders heißen. Der erste jüdische Kongreß sollte 1897 in München stattfinden. Welche Ehre für eine jüdische Gemeinde, diese Menschen, jung und alt, berühmt und unberühmt, arm und reich, vom Kaukasus und Südafrika, aus Europa, Amerika und Asien, bei sich zu sehen, alle hochgemut, einem Ideal ganz hingegeben, und dabei Juden, nicht nur von außen, sondern auch, nein, sondern gerade von innen. Menschen wollten kommen, um sichtbare und unsichtbare Ghettomauern niederzureißen, um ein Bekenntnis abzulegen von der Einheit und Unauflöslichkeit des jüdischen Volkes. All das konnten die Münchener Juden, sonst hochgebildet, allen geistigen Strömungen offen und hingegeben, nicht sehen, nur die Angst, die alte Ghetloangst stieg in ihnen auf, und mit aller Kraft des Ghettos wehrte sich die Gemeinde gegen die Abhaltung des Kongresses. So ging er nach der Schweiz und das Basler Programm in die Historie. Die Gemeinden in Nürnberg und Fürth waren aus keinem anderen Holz, wie die der Residenzstadt. Wohl schrieb Theodor Herzl in sein Tagebuch — als er gerade mit einem Fürlher Kind, dem Baron Hirsch in Paris, über seine neuen Gedanken verhandelte —: Es wird sich übrigens wie ein Lauffeuer verbreiten, aber es dauerte noch 7 Jahre nach dein ersten Kongreß, daß die Nürnberg-Fürther Ortsgruppe gegründet werden konnte. Ist das wunderbar? Nein. Viele ''Hemmungen in uns mußten aufgehoben sein, Glut mußte in uns aufsteigen, bis wir wenigen es wagen durften, vor eine große Gemeinschaft zu treten, um sie nicht nur mit dem Zionismus bekannt zu machen, sondern für ihn zu werben. Auf Kampf und Abwehr mußten wir gefaßt sein. Wir sind alle in einem Sinn erzogen worden, dem guten Triebe möglichst zu folgen und dem bösen, dem Jezer liorah auszuweichen. In den Gemeinden herrschte damals noch ein dritter Trieb. Und dieser — wir wollen ihn den Jezer hurra nennen —, der wollte nicht zugeben, daß ein kgl. bayerischer Jude einen amerikanischen oder rumänischen oder polnischen oder gar russischen Juden als Bruder anzusehen hätte, desselben Blutes, desselben Schicksals, derselben Zukunft gewiß, eine Gemeinschaft, ein Volk bildend. Schon diese KleiduAg der Ostjuden, schon ihre Sprache! Da laßt uns anmerken, wie einmal Theodor Herzl sich erschrocken erinnert — nicht als kleiner Literat, sondern als ganz Großer —, er hätte in einem Briefe an Rothschild geschrieben: Si ya serait, und es mußte doch, es mußte doch si c.’etait heißen! Napoleon hat nie riditig französisch gesprochen, aber seine Worte hallen durch die Jahrhunderte. Wir Juden sind aber anders. Wie konnten also jene bayerischen Juden sich mit den Jach-Miach-Menschen zusammenwerfen lassen. Gegen Theodor Herzl, den Schriftsteller, hallen sie nichts. Wie wurde doch in den Cafes der König- und Karolinenstraße und am Markt die Neue Freie Presse verlangt, um die entzückenden Feuilletons von Herzl zu lesen und ihren Stil genießend zu bewundern.