Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 11 (14.3.1930)
- Date
- 1930-03-14
- Page
- Seite 150 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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150 Das Jüdische Echo Nr. 11 außer Purimversen und Purimspielen; Masken werden entworfen und die Fantasie aller ist vollauf beschäftigt mit Plänen. Wie im Flug vergeht die Zeit bis zum Fest. Dann treiben sich die Kinder, allerlei Ulk verübend, den ganzen Tag auf den Straßen herum und in ihren Verkleidungen sind sie kaum zu erkennnen. Unter tosendem Beifall der Zuschauer, unter Papierschlangen und Konfettiregen zieht der Zug durch das Städtchen. Die Ereignisse bleiben noch lange das Tagesgespräch der Leute und alle Zeitungen berichten über die „Judenfastnacht zu Gailingen“, die noch heute jedes Jahr am 14. und 15. Adar stattfindet, wenn auch seit dem Krieg der öffentliche Umzug sehr zurückgegangen ist, ebenso wie das öffentliche Maskentreiben der Juden. Lasik Roitschwantz Er wurde in Hornel, einer Provinzstadt in Rußland, geboren, dieser von dem Dichter Jlja Ehrenberg erfundene Schneider Lasik Roitschwantz. Er ist schon tot und es besteht keine Möglichkeit mehr, ihn selbst zu befragen, ob er, trotz seiner Andersgläubigkeit, nicht der Verwandte eines gewissen Schwejk aus Prag gewesen ist. Denn ihre Art zu denken und zu leben ist oft sehr ähnlich. Übrigens klettert auch der alte Hirsch Hyacinthos aus Heines Reisebildern die Sprossen der Verwandtschaftsleiter zu Lasik herauf. Und wenn man sich ihn richtig vorstellen will, braucht man sich gar nicht erst lange anzustrengen; schon stapft Chaplin durch die verrückten Träumereien. Denn ein Traum war das ganze Leben Lasik Roitschwantz von der großen Gerechtigkeit für seinen geistigen und einem Bissen Brot mit Wurst für seinen leiblichen Hunger. Es ist noch nicht lange her, daß er ein eifriger Schüler des Talmud und der Kabbala war. Jetzt geht er zum Unterricht in den politischen Kursus und spricht gerne über die chinesische Frage und „andere Probleme ersten Ranges“. So wurde aus ihm, wie er von sich selbst sagt, ein „halbklassenbewußter Kleingewerbetreibender“. Er hat auch eine unglückliche Liebe. Fenitschka Herschanowitsch, ganz wie es in Chaplins unvergeßlichen Filmdichtungen vorkommt. Da bricht das Verhängnis in dieses kleine Leben ein. Schmurigin ist gestorben. Genosse Schmurigin, der erprobte Führer des Proletariats von Hornel. Die Nachricht wird durch Anschlag bekanntgegeben. Als Roitschwantz sie liest, muß er seufzen. Aber eine ihm unbekannte Bürgerin zeigt ihn an, er wäre in triumphierendes Gelächter ausgebrochen. Vergeblich verteidigt sich Lasik, er brächte es gar nicht fertig, triumphierend I. MÜNCHENER PLISSE- BRENNEREI FRANZ GRUBER, MÜNCHEN Holsaum, Knöpfe, Endeln Kanten. Kostümstickereien Burgstraße 16/3 Knopflöcher Telephon 22 9 75 CAFE WINTERGARTEN Inhaber: Franz Schnabel Nachmittags Konzert Äbends ununterbrochen Tanz 2 Kapellen Mäßige Preise Kein Weinzwang Kein Eintritt zu lachen. Er wird verurteilt — wegen Beleidigung der Flagge und des Wappens. Der Mensch braucht nur allein zu sein, sagt Lasik, und schon beginnt er über die Wahrheit nachzudenken. Lasik Roitschwantz bleibt jetzt viel mit sich allein, denn einmal mit dem Gefängnis in Berührung gekommen, läßt es ihn überhaupt nicht mehr los. Daß Fenitschka für ihn verloren ist, ist nur ein Teil seines Unglücks. Aber immer wieder mit der Welt und ihren Gesetzen in Konflikt kommen, immer dem Zugriff der rohen Macht als ein einzelner Schwacher ausgesetzt sein, das könnte ein wahres Klagelied des Jeremias oder des Hiob werden, wäre es eben nicht Lasik Roitschwantz passiert, dem Helden von kleiner Gestalt, in dessen Brust die Begriffe durcheinanderwogen und um den einen Punkt, die Wahrheit, kreisen, wie Sonne, Mond und Sterne droben um ihre unsichtbare Mitte. Lasik wird vom Schicksal über die Grenzen seiner russischen Heimat hinausbugsiert. Da erst wird ihm kalt. Er kommt nach Polen. Deutschland, England — so viele Provinzen, so viel Spitzbübereien, in die er unschuldig hineingerät. Er macht viel Worte, wenn er vor seinen Richtern steht, er bekämpft sie mit seinen wunderbaren Geschichten aus dem Talmud und den sinnvollen Legenden aus dem Leben der großen Zaddiks. (Er sagt einmal; „Ich spreche mit Ihnen in aller Aufrichtigkeit und Sie veranstalten Diskussionen?“ So ist er.) Oft redet er vielleicht nur, um die für ein schüchternes Wesen, wie das seine, unerträgliche Selbsterkenntnis, er sei Ahasver, aus seinem bescheidenen Privatleben zu verbannen. Er scheucht den großen Schatten mit seinen kleinen herzbezwingenden Gaunereien. Kann man Till Eulenspiegel zürnen? Don Quichote böse sein? Ein Richter kann es. Von seiner Irrfahrt wird er kränklich und mager. Er will noch einmal eine Heimat haben. Als Stiefelputzer fährt er nach Palästina. Hier ist er jedem im Wege. Für seine Gleichnisse von Zaddik von Rowno ist da der denkbar ungünstigste Boden. Der kränkelnde Arbeitslose geht schon, er trollt sich fort, nach der Kerkerhaft und den Fehlschlägen, die ihn auch hier getroffen haben. In einer steinernen Laube, es ist aber das Grab Rahels, stirbt er. Als der Grabwächter, der ihm zuerst hier nicht einmal das Sterben erlauben wollte, in seinem Antlitz ein Lächeln erblickt, das darin seine noch von vergehenden Lippen zum Besten gegebene Sterbensgeschichte hinterlassen hat, muß er weinen. Wenig Bücher aus letzter Zeit gibt es, die sich mit dem aus tiefem Ernst und kindlicher Heiterkeit geborenen Roman Jlja Ehrenbergs „Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz“ (Rhein-Verlag, München) vergleichen ließen. R. F. Die Erben Mit seinen „Erben“, dem mit Unterstützung der Stadt München im Hören-Verlag Berlin erschienenen Gedichtband, hat Manfred Sturmann die Versprechungen, die seine früheren Werke, seine gelegentlich gedruckten Gedichte vor allem gaben, voll und ganz eingelöst — als ein zwar nicht ganz Fertiger, als ein zwar noch zu weiterer und höherer Entwicklung Fähiger, aber als ein reifer und männlicher Dichter fordert er mit diesem Werk die Beachtung des deutschen und vor allem des jüdischen Publikums. Reif ist die Kraft seiner bildhaften Sprache, die scharf zupackt und charakterisiert, hart klingt wie klirrendes Eisen und pfeifender Wind, die aber doch auch der zartesten Wendun-