Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 10 (7.3.1930)
- Date
- 1930-03-07
- Page
- Seite 134 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103085-9229978--10676-9222754- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
134 Das Jüdische Echo Nr. 10 richten, darin, Herr seines Schicksals zu sein, nicht so zwar, daß man auf gute Freunde nicht hören solle, aber in dem Sinne, daß man sich von außen nicht vorschreiben lasse, was man denken und tun dürfe. Die Diskussion, die sich über diese Frage nach dem Aufruf „Hilfe durch Aufbau“ entsponnen habe, habe wohl zu einer gewissen Klärung der Meinungen geführt — man solle wohl die Gegensätze nicht verschleiern und auslöschen, solle aber über dem trennenden Gedanken das einende Werk nicht vergessen. Herr Dr. Goldmann versuchte in seinem Schlußwort Mißverständnisse zu klären, die seiner Meinung nach die Diskussion in bezug auf seine Äußerungen über jüdische Wirklichkeit zutage gefördert habe. Er habe nicht bestreiten wollen, daß unser Wesen, unser Erbgut, unsere Seele permanent jüdisch seien, er habe nicht von der Struktur des jüdischen Seins, sondern von jüdischem Leben und jüdischer Betätigung gesprochen. Und da sei doch ein Unterschied zwischen dem jüdischen Leben und dem Leben anderer Gruppen unverkennbar: wer wissen wolle, was französisch sei, der brauche keineswegs Anatole France zu lesen, und nur wenn er eine letzte Formel haben wolle, müsse er sich an die Literatur halten — das gegenwärtige Judentum aber manifestiere sich ausschließlich in literarischen Zeugnissen. Deshalb weil man in Palästina zum erstenmal eine andere Manifestation des Judentums, eine Manifestation in der Wirklichkeit erblicke, interessiere man sich auch in nicht jüdischen Kreisen so sehr für dieses Werk. Hier zeige sich eben klar der Unterschied zwischen Ideologie und Wirklichkeit. Die Bezeichnung des gegenwärtigen jüdischen Lebens als irreal bezöge sich nicht etwa nur auf bestimmte Gruppen im Judentum, sie gelte in gleicher Weise für alle Kreise, ob zionistisch oder nichtzionistisch, so sei die Signatur unseres Lebens. Wirkliches, dauerndes jüdisches Leben gedeihe eben doch nur in Palästina. Herr Rechtsanwalt Dr. Wilmersdörffer dankte noch einmal beiden Rednern und betonte, daß das Geistige doch wohl den meisten deutschen Juden und auch Herrn Dr. Goldmann wichtiger sei, als es dieser in zugespitzter Formulierung wahr haben wolle, das Palästinawerk sei vor allem eine Leistung des jüdischen Idealismus und deshalb halte er es mit vielen seiner Freunde für notwendig, daran mitzuarbeiten. Mit einer nochmaligen Beifallskundgebung für alle Redner des Abends fand die bedeutsame Veranstaltung ihren Abschluß. Skandalöse Zustände an der Münchener Hochschule Parteipolitik der „Deutschen Studentenschaft“ Die „Münchener Post“ vom 28.- Februar berichtet: Am 25. Februar trat der Asta der Universität München zusammen, um Beschluß zu fassen über einen Antrag, der die Auslegung von Listen zur Einzeichnung für eine Adresse an den Reichspräsidenten herbeiführen wollte. Dem Reichspräsidenten soll die Bitte unterbreitet werden, einen neuen Volksentscheid über den Young-Plan zu veranlassen. Der Vertreter der Freien Hochschulgruppe verlangte den Nachweis, daß die Ablehnung des „neuen Planes“ eine allgemein vaterländische Sache ist, denn nur in diesem Fall kann gemäß den Satzungen der Antrag vor dem Asta verhandelt werden. Dieser Beweis wurde von keinem Redner erbracht, die sich lediglich in den gewohnten nationalistischen Phrasen und Beschimpfungen ergingen über „Demokröten“ und „marxistische Oergane“. Trotzdem beschloß der Asta mit 16 gegen 9 Stimmen, daß er für den Antrag zuständig sei. Durch diesen Beschluß wird von neuem die parteipolitische Einstellung' der Asta dokumentiert. Der einzige, der zu dieser Erkenntnis noch nicht gekommen ist, scheint der bayerische Kultusminister zu sein, der von neuem die Erlaubnis gegeben hat, Zwangsbeiträge an die Deutsche Studentenschaft zur Unterstützung dieser parteipolitischen Bestrebungen abzuführen. Nur diese freundliche Haltung des Kultusministers und die Sorge, sich diese Beiträge auch für die Zukunft zu sichern, führte zu einer Wiederholung der Abstimmung betr. Beschwerde beim Kultusminister wegen der Kürzung der Beiträge an die Deutsche Studentenschaft. Nachdem zwei Vertreter umgefallen waren, ergab die zweite Abstimmung mit 10 gegen 10 Stimmen die Ablehnung des Antrags. Der Minister bleibt also bis auf weiteres von der Deputation verschont. * In einer neuerlichen Asta-Sitzung wurde mit 14 gegen eine Stimme beschlossen, sich der Petition an den Reichspräsidenten anzuschließen. Die Vertreter der Katholischen Organisationen, der Freien Hochschule und der Hochschulgruppe der Deutschen Volkspartei beteiligten sich an dieser Beschlußfassung nicht, sondern verließen vorher die Sitzung. Die Auslegung der Listen für die Petition sind von den Rektoraten beider Münchener Hochschulen verboten worden, trotzdem liegen sie an der Technischen Hochschule nach wie vor zur Einzeichnung auf. (Der Rektor der Technischen Hochschule, Prof. Osanna scheint überhaupt in dieser Angelgenheit eine unerhört zweideutige Rolle zu spielen: nach einer Meldung in der „Frankfurter Zeitung“ soll er erklärt haben, daß er offiziell die . Auflegung der Listen verbieten müsse, daß er aber trotzdem nicht dagegen einschreiten werde. Auchdarin hat das Kultusministerium noch keinen Anlaß zum Einschreiten erblickt.) Antisemitische Ausschreitungen gegen Prof. Nawiasky München, 26) Februar. Etwa 70 Hakenkreuz-Studenten der beiden Münchener Hochschulen drangen in einen Hörsaal der Münchener Universität ein, in welchem die akademische Ortsgruppe des Vereins für das Deutschtum im Ausland ihre Jahresversammlung abhielt, und demonstrierten gegen den Vorsitzenden der Gruppe und Leiter der Versammlung, Prof. Nawiasky, der Jude ist und der Bayerischen Volkspartei, angehört. Prof. Nawiasky wurde unflätig beschimpft. Die Eindringlinge riefen: „Der Verein für das Deutschtum im Auslande ist nicht für die Juden da!“ Erst durch Androhung schwerster Disziplinarstrafe erreichte es Nawiasky, daß der größere Teil der eingedrungenen Nichtmitglieder den Saal verließ. Es kam nachher zu einem Zusammenstoß zwischen Nawiasky und einem Studenten der Technischen Hochschule, der eine Ansprache hielt und auf die „Saujuden“ schimpfte. Schließlich wurden die noch im Saale verbliebe-