Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 10 (7.3.1930)
- Date
- 1930-03-07
- Page
- Seite 131 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Das Jüdische Echo 131 den und Schmerzen, unser Amüsement, unsere Enttäuschungen und Genüsse, sie liegen nicht in der Sphäre unseres jüdischen Lebens. Das ist aber das neue Palästina: dort wächst ein Judentum, von dem es jetzt schon erwiesen ist, daß es hundertprozentig in der Realität seines Lebens wurzelt. Dort braucht ein Jude nicht vom Judentum zu reden, um Jude zu sein, was er baut und pflanzt, was er tut, das Gute und das Böse, das ist jüdisch und das ist die spezielle Leistung Palästinas. Diese Erkenntnis ist mir zu einem unverlierbaren Erlebnis geworden, als ich vor wenigen Jahren zuerst Amerika und dann Palästina besuchen konnte. Stellen Sie sich Neuyork vor — eine Stadt mit einer jüdischen Bevölkerung von 1% Millionen — sie müßte ein jüdisches Gan Eden sein. Aber dieses jüdische Zentrum, Brooklyn, in dem jüdische Massen konzentriert sind, wie seit Jahrhunderten nirgendwo, hat etwas Gespenstisches, es ist irreal, Mir sagte der jüdische Bürgermeister: Wenn Sie nach fünfzehn Jahren wieder hierher kommen, gibt es das alles nicht mehr. Die neue Generation zerstreut sich in kurzer Zeit. Dieses große jüdische Zentrum, vielleicht das größte, das es jetzt gibt, es wird zerfallen, weil es nicht aus Tendenzen jüdischen Lebens entstanden ist. Von diesem Brooklyn fuhr ich nach Palästina. Dort herrschte damals die Krise, Wechsel gingen zu Protest, es gab viele Arbeitslose; verglichen mit den Brooklyner Palästen waren die Häuser und Wohnungen in den jüdischen Kolonien nicht viel besser als Hundehütten. Was spielt nun eine solche Kolonie für eine Rolle gegenüber dem jüdischen Brooklyn? Das, was sie dort nicht haben, das haben sie hier: jüdische Realität. Diese Menschen bleiben Juden, nicht aus Zwang, nicht aus Propaganda und nicht aus Überredung, sondern aus der hundertprozentigen Totalität ihres Lebens. Das ist die einzigartige Bedeutung dieses jüdischen Palästina und das kann kein anderes Land ersetzen. Wir konnten hier in Deutschland Männer wie Hermann Cohen und Max Liebermann hervorbringen und ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis Palästina dazu imstande sein wird, aber dieses schlichte, diese jüdische Luft, diese jüdische Atmosphäre, das können wir hier nicht schaffen und in keinem anderen Lande der Welt. Eine objektive Analyse des jüdischen Lebens in der Diaspora zeigt, daß es von Jahr zu Jahr labiler wird, auch und besonders im jüdischen Osten, den wir einmal für ein unausschöpfbares jüdisches Kraftreservoir gehalten haben, auch vor allem in Amerika und darum brauchen wir ein jüdisches Land, in dem sich das jüdische Leben aus sich heraus entfalten kann. Das ist die Erkenntnis, die wir alle haben müssen. Ich unterstreiche dies so sehr, weil ich glaube, und dies sage ich besonders unseren nichtzionistischen Freunden, daß man nur dann auf die Dauer die volle Kraft aufbringen kann, die dieses Werk zum Gelingen erfordert, wenn man von der speziellen lebensnotwendigen Bedeutung des Palästinaaufbaus überzeugt ist. Dieses Gelingen ist kein Problem unserer Fähigkeiten, daran habe ich nie gezweifelt und daran kann nach den bisherigen Resultaten unserer Arbeit kein Mensch mehr zweifeln, es ist ein Problem unseres kollektiven Charakters, ein Problem unserer Zähigkeit. Es zeigt sich in der Geschichte der Kolonisationen, daß ihr Gelingen von dem langen Atem abhängt, den die Völker aufbringen, und nur darum, weil die Spanier ungeduldig waren, weil sie die notwendige Zähigkeit nicht aufbringen konnten, mußten sie die führende Rolle an vielleicht viel weniger begabte, aber nüchternere und zähere Völker wie Engländer und Holländer abgeben. Das ist unsere Frage in bezug auf Palästina. Ich bin überzeugt, daß wir die Fähigkeit, nicht absolut, daß wir die Zähigkeit haben. Wir sind zäh im Negativen, im Passiven; wenn man uns verfolgt, dann werden wir steif und geben nicht nach. Es gibt kein besseres Mittel, uns mürbe zu machen, als uns gut zu behandeln. Wir haben gelernt, sehr elastisch zu sein; jeder Jude hat immer zehn Lebensmöglichkeiten, jeder trägt immer mehr Möglichkeiten in sich, als er realisieren kann. Aber für den Aufbau Palästinas bedarf es nicht der Elastizität, der Fähigkeit, sich umzustellen, sondern der Zähigkeit. Diesen langen Atem müssen wir lernen, und diese Einstellung des Charakters auf ein Ziel, von dem wir wissen, daß wir es erreichen müssen. Wir brauchen eine jüdische Existenzform, die in ihren Fundamenten gesichert ist und wir dürfen uns nicht täuschen lassen von dem Plus an jüdischer Betriebsamkeit —■ vor fünfzig Jahren war das jüdische Leben viel bescheidener, viel lautloser, weil es noch viel selbstverständlicher war — es wird immer schwieriger um die objektiven Fundamente unserer Existenz, und der Abbröckelungsprozeß macht immer weitere Fortschritte. Und wenn man weiß, daß diese eigene jüdische Realität in Palästina möglich und dort schon zum Teil geschaffen ist, dann wird es auch, wie immer man sie verschieden beurteilen und sich danach differenzieren mag, eine Erkenntnis geben, die uns alle einigt, daß wir an der Sicherung der jüdischen Fundamente mitwirken müssen und dann werden wir auch die Stärke, die Ausdauer und die Geduld besitzen, um alle Schwierigkeiten, die heute bestehen und alle Schwierigkeiten, die noch entstehen können, zu überwinden und dieses Werk zu einem großen Gelingen zu bringen. (Starker langanhaltender Beifall.) Das Wort ergriff nun Herr Ministerialrat Dr. Otto Hirsch. Die Situation des Judentums ist von meinem verehrten Herrn Vorredner nach einer Seite sehr ernst und sehr düster geschildert worden und ich muß dieses Bild nach manchen Richtungen hin mit gleich schwarzen Strichen noch ergänzen. Sie alle wissen, wie Judentum und Judenheit nach dem Kriege und an seinen Folgen leiden, nicht bloß bei uns in Deutschland, wie sie allüberall leiden in politischer, in wirtschaftlicher und in ideologischer Beziehung, wie dieses Judentum allüberall Angriffen ausgesetzt ist, so daß man tatsächlich an seinem Fortbestand verzweifeln könnte. In einer solchen Situation erscheint es mir angebracht, alles zu tun, was geeignet ist, Judentum und Judenheit zu erhalten. Und dazu gehört jedenfalls das Palästinawerk; es gehört dazu, wie man auch das Judentum auffassen mag. Es gehört dazu, wenn man in ihm eine Religionsgemeinschaft sieht, denn für unsere Religion galt immer das Wort, daß von Zion die Lehre ausgeht und von Jerusalem das Wort des Herrn; und es gehört dazu, wenn man CAFE WINTERGARTEN Inhaber: Franz Schnabel Nachmittags Konzert Äbends ununterbrochen Tanz 2 Kapellen Mäßige Preise Kein Weinzwang Kein Eintritt