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Das jüdische Echo · 1930-03-07 · 10 (7.3.1930) · p. Seite 130

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
10 (7.3.1930)
Date
1930-03-07
Page
Seite 130 (sequence 4)
Language
German
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130 Das Jüdische Echo Nr. 10 Es kamen andere Schwierigkeiten, mit denen die Agency noch nicht fertig geworden ist; so ergaben sich Mißverständnisse hinsichtlich der organisatorischen Arbeit. Ich bin aber fest überzeugt, daß es im nächsten Monat bei der Sitzung des Administrative Committees gelingen wird, diese Mißverständnisse und Konflikte aus der Welt zu schaffen. Dabei muß eine Voraussetzung klarstehen, die in mehrjährigen Verhandlungen immer wieder postuliert wurde und sie muß wirklich das heilige geschriebene oder ungeschriebene Grundgesetz der erweiterten Jewish Agency bilden, die Voraussetzung nämlich, daß wir gegenseitig Respekt haben vor der Ideologie des anderen Partners. Das sage ich mit aller Deutlichkeit, weil man nicht den Versuch machen soll, wozu manchmal eine gewisse Neigung besteht, die Differenzierungen künstlich zu überbrücken. Mein sehr verehrter Herr Vorredner hat auf den Aufsatz hingewiesen, den Herr Oskar Wassermann vor kurzer Zeit veröffentlicht hat. Sie wissen, daß wir genötigt waren — es besteht kein Anlaß, dies zu verschweigen — diesem Artikel in manchen Punkten entgegenzutreten, nicht insofern Herr Wassermann die Stellung der Nichtzionisten, sondern insofern er die Stellung der Zionisten interpretiert hat. Die Stellung der Nichtzionisten zu deuten ist sein gutes Recht, mit dem er in die Agency eingetreten ist — wir können ihm jedoch nicht zugestehen, den Zionismus zu interpretieren* und er hat einen Zionismus dargestellt, der für die große Majorität der zionistischen Bewegung schon nicht mehr Zionismus bedeutet. Ich sage das nicht, um Zionisten und Nichtzionisten gegeneinander auszuspielen, auch ich weiß, daß wir in der Agency auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden sind und daß es ein Retourbillet aus der Agency nicht mehr gibt; ich sage es, weil ich glaube, daß heute ein Nichtzionist, der es ehrlich mit dem Palästinaaufbauwerk meint und der es für eine der größten Leistungen der jüdischen Gegenwart und Zukunft hält, den Zionismus erfinden müßte, wenn es ihn noch nicht gäbe. Denn wenn auch Kooperation und Geld sehr wesentliche Dinge sind — deshalb ist ja die Agency entstanden —, so gibt es doch etwas, was noch unentbehrlicher ist und das müssen auch unsere nichtzionistischen Freunde wissen: das sind Menschen, die sich hundertprozentig für diese Sache einsetzen. Das kann ein Nichtzionist nicht, weil er Palästina einreiht in eine Reihe von anderen Aufgaben. Es gibt keine wichtigere Erkenntnis auch für den Nichtzionisten wie die, daß dieses Werk, das nicht ein Werk ist wie andere, dessen Schwierigkeiten ungeheuer groß sind, nur gelingen kann, wenn es in der großen Armee der Mitarbeiter eine Gruppe gibt, die nicht nur dieses Werk mitmacht, für die dieses Werk das Ein und Alles ihrer jüdischen und sehr häufig auch ihrer persönlichen Existenz ist. Es gibt manche Kolonisation, die an Mangel an Menschen, an Pionieren zugrunde gegangen ist. Mit diesem Problem haben wir nicht zu rechnen — es gibt viele Menschen, Chaluzim, die nach Palästina gehen wollen, wenn man sie nur gehen läßt, aber das ist das Produkt einer dreißigjährigen zionistischen Entwicklung, die eine Jugend hervorgebracht hat, die überzeugt davon ist, daß dort das jüdische Schicksal und ihr eigenes Schicksal entschieden wird. Deswegen soll man nicht versuchen, und sei es aus noch so edlen Motiven, die Differenzen zu verwischen und an Stelle eines radikalen Zionismus einen gemäßigten Zionismus zu setzen. Es muß diese Bewegung geben, die durch ihre Radikalität eine Funktion erfüllt, die nur sie allein im moralischen und politischen Gesamtbudget dieses Aufbauwerks erfüllen kann. Zu einer weiteren Frage, die oft gestellt wurde, möchte ich noch eine Bemerkung machen, zu der Frage nach der gesamtjüdischen Bedeutung Palästinas in der Situation unserer Tage. Ich glaube nicht, daß diese spezielle Bedeutung Palästinas, diese einzigartige Leistung für die Gesamtjudenheit, im Politischen liegt. Ich bin ein politischer Zionist, aber ich glaube nicht, daß Palästina das politische Problem des Judentums löst. Wenn in Palästina längst die zionistische Frage gelöst ist, werden die Juden in der Welt noch immer den Kampf um ihre Rechte führen müssen, meiner Meinung nach ist diese spezielle Bedeutung Palästinas seine jüdische Wirklichkeit. Alles was wir in der Diaspora haben an Geist und Kultur, das soll auch Palästina schaffen. Aber das ist nicht speziell. Ich weiß gar nicht, ob in der ersten und zweiten Generation das geistige Niveau Palästinas höher sein wird als das unsrige, vielleicht wird es umgekehrt sein. Das was uns hier fehlt und was der tiefste Grund ist für eine fortschreitende Erschütterung unserer jüdischen Existenz, das ist der Mangel eines jüdischen Lebens, das aus natürlicher Selbstverständlichkeit wächst. Alles Judentum, das wir hier leben, ist ein Trotzjudentum, das wir predigen, das wir begründen, das wir Tag für lag in unsere Schädel einhämmern müssen. Stellen sie sich einmal vor, zehn Jahre lang spräche niemand mehr vom Judentum — dann wäre es nicht mehr vorhanden; das ist die Irrealität unserer jüdischen Existenz. Es gab Jahrhunderte, wo das Judentum auch in der Galuth Realität hatte, das Ghetto ist eine jüdische Erfindung und es erhielt uns durch Jahrhunderte. Dieses Ghetto besteht nicht mehr. Der Krieg hat auch im Osten die letzten Reste dieses wirklichen jüdischen Lebens zertrümmert. Und,wie sieht nun das jüdische Leben aus, das wir hier so führen — ich will nur von sogenannten guten Juden sprechen, nicht von solchen, die an der Peripherie sieben —? Wir machen einen ganzen Tag lang Geschäfte, regen uns auf, ärgern uns, amüsieren uns — alles das hat mit dem Judentum nichts zu tun. Einmal am Sabbat oder einmal im Jahr bei der Jahrzeit oder einmal alle drei Wochen bei einem Vortrag in einem jüdischen Verein spüren wir unser Judentum — das ist unser jüdisches Leben. Es gibt eine große Realität für uns, die heißt Deutschland oder Europa oder Menschentum. Unsere wahren Freu-

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