Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 10 (7.3.1930)
- Date
- 1930-03-07
- Page
- Seite 129 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 10 7. März 17. Jahrgang Agency-Veranstaltung ln München Am Donnerstag, dem 27. Februar, fand in München im gutbesuchten Konzertsaal des Hotels bayerischer Hof die erste große Veranstaltung der neugegründeten Arbeitsgemeinschaft der Jewish Agency, Ortsausschuß München-Augsburg, statt. Der Ernst und das hohe Verantwortungsgefühl, von dem die Auseinandersetzung über das Thema „Die deutschen Juden zum Aufbauwerk in Palästina“ sowohl von zionistischer wie von nichtzionistischer Seite getragen war, bewies aufs neue, daß der Gedanke der Jewish Agency, der gemeinsamen Arbeit aller Juden an dem Palästinawerk und der gemeinsamen Verantwortung für sein Gelingen in allen Kreisen des Judentums Wurzel gefaßt hat. Die gemeinsame Basis ist gefunden, auf der sich trotz aller ideologischen Differenzierungen eine gemeinsame Tätigkeit aufbauen läßt. Der Abend ist in seiner Gesamtheit als ein starkes Bekenntnis zu diesen Ideen zu werten, das sicherlich auch entsprechende Taten im Gefolge haben wird. Die Veranstaltung wurde geleitet und eröffnet von Herrn Oberstlandesgerichtsrat Dr. Alfred Neumeyer, der in seiner Ansprache folgendes ausführte: „Ich bin einmal gefragt worden: Wie stehen Sie zum Aufbau in Palästina? Ich habe gesagt, ich möchte dem Werk nicht lieblos gegenüberstehen, dem Werk, das als eine der vornehmsten jüdischen Leistungen unserer Zeit zu erachten ist. Der Palästinagedanke hat uns hierher geführt, uns, die wir weltanschaulich verschieden eingestellt sind, zu gemeinsamer jüdischer Arbeit, und für uns alle gilt in dieser Hinsicht das Wort unseres großen deutschen Dichterphilosophen Goethe: Die Menschen treffen viel mehr in dem zusammen, was sie tun, als in dem, was sie denken. Sie wissen, daß im August vorigen Jahres in Zürich die erweiterte Jewish Agency gegründet worden ist. Eine Vertretung der jüdischen Gemeinschaft, die die Interessen der jüdischen Bevölkerung in Palästina gegenüber der Verwaltung wahrnehmen und an der Entwicklung des Aufbauwerks mitarbeiten soll. Ein kleines Abbild dieser mächtigen Versammlung in Zürich, die aus den bisherigen Arbeitern an dem Werk, den Zionisten und den neu zu gewinnenden Mitarbeitern bestand, ist unsere heutige Versammlung, welche die Arbeitsgemeinschaft der Jewish Agency einberufen hat. Für unseren kleineren Bereich ist diese Veranstaltung ein nicht minder denkwürdiges Ereignis als für die Gesamtjudenheit die Tagung in Zürich. Denn unter Zurückstellung grundsätzlicher Anschauungen wollen Zionisten und Nichtzionisten auch hier an dem gemeinschaftlichen Werk vertrauensvoll Zusammenarbeiten. Wie andere deutsche Großgemeinschaften hat auch die Gemeinde München ihren Beitritt zu dem Komitee erklärt, das die deutschen Mitglieder zum Council der Agency gewählt hat. Dje Voraussetzung, unter der dieser Anschluß erfolgt ist, ist klar: Unlösbar ist die Verbindung der deutschen Juden mit der Heimat und der deutschen Kultur, die Bewahrung jüdischen Eigenwerts aber bedeutet keine Beeinträchtigung dieser Verbindung. In diesem Sinne hat auch der Führer des deutschen Keren Hajessod, Herr Oskar Wassermann, sich vor wenigen Wochen grundsätzlich geäußert und damit die Zustimmung weiter Kreise der deutschen Juden hervorgerufen. Der heutige Tag hat aber auch andere höchst erfreuliche Ergebnisse gezeitigt: die freundschaftlichen Beziehungen, mit denen die Gemeinden München und Augsburg verbunden sind, haben sich zu einer Arbeitsgemeinschaft verdichtet, und wir begrüßen von Herzen den Vertreter der Augsburger Gemeinde, der sich heute in unserem Kreise eingefunden hat. Herr Dr. Neumeyer begrüßte dann die Redner des Abends, Herrn Dr. Nahum Goldmann (Berlin) und Herrn Ministerialrat Dr. Otto Hirsch (Stuttgart) und erteilte das Wort Herrn Dr. Goldmann. Dieser führte aus: Es ist mir eine besondere Freude, hier in München in diesem Augenblick in diesem Kreise von Nichtzionisten und Zionisten über die Situation des Aufbauwerks in Palästina sprechen zu können. Als im August die Tagung der erweiterten Jewish Agency in Zürich stattfand, hatte jeder die Empfindung, daß diese Tagung zweifellos ein großes und historisches Ereignis in der Geschichte nicht nur des modernen Judentums bleiben wird. Auch diejenigen, die, wie ich, jahrelang den Gedanken der Erweiterung abgelehnt hatten, weil sie glaubten, daß es vielleicht zweckmäßigere Formen der Kooperation geben würde, und diejenigen, die mit Skepsis gekommen sind, haben sich diesem Gefühl nicht verschließen können. Es war jedoch für alle, Skeptiker wie Enthusiasten, klar, daß das Experiment eines engen Zusammenschlusses von Juden sehr verschiedenartiger Ideologie, sehr verschiedenartiger politischer und weltanschaulicher Einstellung sich nicht gleich reibungslos vollziehen würde, es waren Belastungsproben zu erwarten, bevor die Agency schöpferisch ihre eigentliche Arbeit in Angriff nehmen konnte. Es ist beinahe wie eine Fügung des Schicksals, daß die ersten Wochen nach der Erweiterung die Geschehnisse in Palästina brachten, die nicht nur für die neue Organisation eine Belastungsprobe schwerster Art bilden, sondern auch für die zionistische Organisation eine starke innere Belastungsprobe bedeuten mußten. Man darf es heute mit großer Genugtuung konstatieren, daß die erweiterte Jewish Agency diese Belastungsprobe im großen und ganzen außerordentlich gut und stark bestanden hat. Die Befürchtung, daß diese Ereignisse auf die neugewonnenen Mitarbeiter quälend, hemmend, retardierend einwirken würden, hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. Nicht nur in Amerika, sondern in allen Ländern, in denen sich führende Männer der Agency geäußert haben, wurde eine gemeinsame Stellung eingenommen, nämlich daß alle Schwierigkeiten nur dazu angetan sein dürften, unsere Arbeit und Hingabe zu verdoppeln.