Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 9 (28.2.1930)
- Date
- 1930-02-28
- Page
- Seite 116 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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116 Das Jüdische Echo Nr. 9 Selbsthilfe regt und die Verantwortliehkeit der jüdischen Gemeinden gegenüber der Not in der eigenen Gemeinschaft wachgerufen wird. Sicherlich ist dieser Gedanke der Selbsthilfe im gegebenen Augenblick der einzig richtige. Aber ist es nicht ein grauenhaftes Symptom, daß auch die Judenheit in Deutschland — abgesehen von ihrer chronischen kulturellen und moralischen Not, abgesehen von ihren Leiden durch den Antisemitismus, der gegenwärtig für ganz Europa in Deutschland sein Zentrum hat — nunmehr auch Beute einer Wirtschaftsnot wird, die man in Deutschland nicht für möglich gehalten hätte. Die Schicksalsverbundenheit der Juden in der ganzen Welt wird auf diese Weise eklatant. Gegen diesen Zustand ist ein absolut probates Mittel wohl kaum vorhanden, denn sogar die Selbsthilfe ist ja nur in beschränktem Ausmaße möglich und ihre Wirkungen sind nicht allzu groß, um so geringer als sie von den Judenheiten der einzelnen Länder isoliert durchzuführen versucht wird. Die Situation der Juden in der Welt ist heute derartig, daß man den Gedanken der jüdischen Weltselbsthilfe propagieren muß. Es ist die höchste Zeit, daß sich die Judenheiten auf der ganzen Welt in irgendeiner organisatorischen Form finden und gemeinsam die Situation der Juden zum Gegenstände einer ernsten Untersuchung machen. Die Tagesordnung einer derartigen Beratung wird nicht klein sein. Die Frage der jüdischen Auswanderung, die Frage der politischen Unterstützung einzelner Judenheiten, das Problem der Hilfe an Ort und Stelle, die alles überragende Notwendigkeit zur Schaffung eines jüdischen Mittelpunktes, all das heischt dringend ernsteste Aufmerksamkeit. Die würgende Not, von der jetzt die Judenheiten einzelner Länder erfaßt sind, und die sich auf ungefähr sechs bis sieben Millionen jüdischer Menschen erstreckt, ist ein furchtbares Memento und sollte jene jüdischen Gemeinschaften, die sich momentan in einer glücklicheren Lage befinden als die Juden Ost- und Mitteleuropas, veranlassen, die Initiative zu ergreifen, um die jüdische Weltselbsthilfe, welche bisher wohl in einigen Ansätzen vorhanden war. aber leider noch nicht rationalisiert ist, zu organisieren. m.w. Maßnahmen zur Bekämpfung der Erwerbslosigkeit unter den Juden Eine wichtige Veranstaltung der Berliner Jüdischen Gemeinde Berlin, 25. Februar. (JTA.) Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde hat einen Kreis führender Persönlichkeiten aus dem Wirtschaftsleben zu einer Aussprache über Maßnahmen zur Bekämpfung der Erwerbslosigkeit unter den Juden nach dem Brüdervereinshaus in der Kurfürstenstraße eingeladen. Den Reigen der Aussprache eröffnete Abgeordneter Professor Georg Bernhard. Seit einer Reihe von Jahren, sagte er, wird das Judentum bedrängt gerade in der Sphäre, die ihm, mit mehr oder weniger Recht, als Wirkungssnhäre zugewiesen ist. In Stadt und Land macht sich eine Boykottbewegung fühlbar. Schon die Völkischen hatten begonnen, gegen die jüdische Position im Wirt- I. MÜNCHENER PLISSE-BRENN ERES FRANZ GRUBER, MÜNCHEN Holsaum, Knöpfe, Endeln Kanten,KostUms«lckereien Burgstraße 16/3 Knopflöcher Telephon 22 9 7b schaftsleben Sturm zu laufen, indem sie den Juden die Schuld an der Inflation und an der späteren Deflationskriese zuschoben. Wenn in Frankreich das Wort geprägt wurde: „Der Boche bezahlt alles“, so galt dies für die Juden von jeher: wo immer eine Krise war, der Jude zahlte die Kosten. Durch die Inflation und die Krise der ersten Deflationsperiode ist eine jüdische Kulturschicht entwurzelt worden, die für das deutsche Kulturleben Außerordentliches geleistet hat. ln die im Geschäftsleben führend tätig gewesenen Juden ist eine große Bresche geschlagen worden. Viele von den früher Selbständigen sehen sich vor die 'Notwendigkeit gestellt, nun selbst ihr Brot als Angestellte zu suchen. Dem jüdischen Stellensuchenden stellen sich aber weit größere Schwierigkeiten in den Weg als den nichtjüdischen. Die antisemitische Stimmung im deutschen Volke ist heute, was Intensität und Weite der von ihr berührten Kreise betrifft, ernst wie noch nie. Dies erschwert dem jüdischen Arbeitsuchenden die Erlangung einer Stelle auch beim jüdischen Arbeitgeber, der zuweilen glaubt, auf das nichtjüdische Kaufpublikum Rücksicht nehmen zu müssen. Es gibt Industrielle, die den Nationalsozialismus unterstützen, obwohl er in der Wurzel antikapitalistisch ist, .weil sie mit ihm die Gewerkschaften treffen wollen. Sie treiben den Teufel durch Beelzebub aus. Es ist dies eine kurzsichtige Politik. Leute mit einer synthetischen Wirtschaftsauffassung wissen, daß der Arbeitnehmer zugleich auch Konsument ist und daß gutbezahlte Arbeit kaufkräftige Konsumenten schafft. Hier in Deutscland herrscht aber noch das Streben nach billiger Lohnarbeit. Vom Juden nimmt man an, daß er sich mit niederem Lohn nicht begnügen wird. In Fällen, wo diese Annahme richtig ist, drückt sie doch nur einen Vorzug des jüdischen Menschen aus, der tüchtig ist und vorwärts will, der aber auch weiß, daß er nur vorwärts kommen kann, wenn auch das Unternehmen, dem er dient, vorwärts kommt. Anderseits kann ein Unternehmen ja nicht bestehen, ohne strebsame Angestellte. Es sind aber nicht nur die Leiter der Betriebe, die die jüdischen Angestellten boykottieren, sondern auch die nichtjüdischen Angestellten selbst boykottieren den jüdischen Arbeitskollegen. In lden großen Betrieben geht die Zahl der jüdischen Angestellten immer mehr zurück. Die unteren Schichten der Angestelltenschaft sind verhetzt durch die Nationalsozialisten. In Bankbetrieben bestehen nationalsozialistische Zellen zwecks Fernhaltung der Juden. Bei den Einkommensstufen zwischen 400—600 RM. sind die Juden nur gering vertreten und gehen immer weiter zurück, um erst in den hohen Angestelltenklassen, wo sie unentbehrlich sind, wieder anzusteigen. Es sei notwendig, gegen die Verkennung des jüdischen Wesens anzukämpfen. Das kann nicht allein Sache der jüdischen Gemeinde sein, die keine Kampforganisation sein soll, die Gemeinde müßte sich in dieser Arbeit mit anderen Organisaion teilen. Aber eines kann die Gemeinde tun: Die Arbeitgeber aufklären über die Qualität der jüdischen Arbeitnehmer und über die ungerechte Zurücksetzung, die sie erfahren. Keiner verlangt eine einseitige Bevorzugung, die im Wirtschaftsleben und auch sonst im Leben nicht Platz greifen darf, wofür man aber kämpfen mulL das ist die Beseitigung einer Ungerechtigkeit gegen den jüdischen Arbeitnehmer. Herr Direktor Wilhelm Kleemann vertrat den gemeindepolitischen Standpunkt. Die Jüdische Gemeinde empfindet de Zunahme der Erwerbslosig-