Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1930-02-28 · 9 (28.2.1930) · p. Seite 115

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
9 (28.2.1930)
Date
1930-02-28
Page
Seite 115 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103085-9229976--10654-9222733
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Jüdische Echo Nummer 9_28. Februar 17. Jahrgang Würgende Not Die Nachrichten, welche in den letzten Wochen aus Osteuropa kommen, lassen das Bild einer neuen furchtbaren Notwelle erkennen, die über die Judenheiten der einzelnen Länder hereingebrochen ist. Besonders arg sind die Botschaften aus Polen und Rußland. Die Lage in Polen ist derartig katastrophal, daß drei Viertel aller polnischen Juden buchstäblich hungern. Zur Illustration diene folgende Angabe: In einer Stadt, in der ungefähr 20 000 Juden leben, wurde statistisch erhoben, in wieviel jüdischen Wohnungen die Fensterscheiben zerbrochen und nicht durch neue ersetzt sind. S7 Prozent dei jüdischen Wohnungen haben zerbrochene Scheiben, ohne daß die Wohnungsinhaber imstande sind, den geringen Betrag aufzubringen, um ihre Fenster wieder instand zu setzen. Man muß hierbei überlegen, daß in diesen Wohnungen die Scheiben nicht auf einmal zerbrochen wurden, sondern, daß der beklagenswürdige Zustand der Verwahrlosung ein Ergebnis von Zufällen während eines Zeitraumes von mehreren Jahren darstellt. Und in dieser langen Zeit sind die meisten Wohnungsinhaber nicht in der Lage gewesen, neue Scheiben zu kaufen, einfach darum, weil noch dringendere Anschaffungen nötig gewesen sind. Dieses einzige Beispiel zeigt, daß die Not chronisch ist. Jetzt jedoch hat dieser chronische Zustand eine Zuspitzung erfahren, die in ihrer Schärfe eine direkte Gefährdung von Leben und Gesundheit der jüdischen Bevölkerung darstellt. Was soll mit den polnischen Juden geschehen? Eine Änderung ihrer Lage, selbst wenn der polnische Staat seine Methoden in der Behandlung der Juden grundsätzlich ändern sollte, ist kaum zu erwarten. Sicherlich haben Politik und gesellschaftlicher Judenhaß zur Erhöhung der Not der polnischen Juden beigetragen. Die letzte Ursache liegt in den wirtschaftlichen Verhältnissen des polnischen Staates, in der Schichtung der polnischen Gesellschaft, und vor allem in der sozialen Struktur, der Juden selbst. Leider besteht der Satz zu Recht, daß in Polen zu viele Juden leben und zwar zu viele Juden für die Juden selbst und nicht nur für den polnischen Staat. Die Beschränkung der Auswanderungsmöglichkeit für die polnische Judenheit ist eine der Hauptursachen des desolaten Zustandes. Die Auswanderung ist ein Ventil gewesen, durch das alljährlich Zehntausende von Juden nach Übersee gingen. Dieses Ventil ist geschlossen und der wirtschaftliche Druck in dem jüdischen Kessel Polens ist unerträglich geworden. Wiewohl man es kaum für möglich halten könnte, ist die Notlage von zwei Dritteln der jüdischen Bevölkerung in der Sowjetunion noch größer als die der Juden in Polen. Während die polnischen Juden wenigstens die Möglichkeit haben, im Wege der Presse, durch die jüdischen Vertreter im polnischen Sejm und in zahlreichen jüdischen Vereinigungen ihre Klagen zum Ausdruck zu bringen, sind die Juden in der Sowjetunion infolge des auf ihnen lastenden politischen Druckes zum Schweigen verurteilt und sie sterben lautlos an Krankheit und Hungersnot. Alle Bemühungen auswärtiger Organisationen sind wie ein Tropfen auf einen heißen Stein geträufelt. Es ist unmöglich, zwei Millionen Menschen, die jeder Existenzmöglichkeit bar sind, auf dem Wege der Wohlfahrt am Leben zu erhalten. Die Kolonisationsbestrebungen der einzelnen Gesellschaften, die Versuche, die Juden als Arbeiter in die Industrie einzuführen, sind durchaus begrüßenswerte Maßnahmen, aber in ihrer Wirksamkeit von einem so langsamen Tempo, daß mittlerweile die ältere Generation dahinsiecht und zugrunde geht. Es gibt Stimmen, welche behaupten, daß viele polnische Juden unter dem Drucke der auf ihnen lastenden Not zum Wanderstabe greifen werden, obwohl sie weder ein Ziel vor Augen haben, noch die entsprechenden Papiere und Einreisebewilligungen. Es ist fraglich, ob es auch nur einem kleinen Teile dieser verzweifelten Menschen gelingen wird, sich über die Grenzen zu schmuggeln und in die benachbarten westlichen Länder zu gelangen. Aber selbst wenn dieser unwahrscheinliche Fall Wahrheit werden sollte, daß einzelne Juden aus Osteuropa sich unter tausend Mühen, Schikanen und polizeilichen Drangsalierungen irgendwohin nach dem Westen durchschlagen, so muß man damit rechnen, daß sie nach kurzem unfreiwilligem Aufenthalt in Polizeigefängnissen zwangsweise wieder in ihre Heimat abgeschoben werden. Aber wenn sie sogar doch die Möglichkeit erkämpfen könnten, in Westeuropa zu bleiben, so würden sie nur vom Regen in die Traufe gelangen. Denn die jüdische Not macht im gegenwärtigen Augenblick leider an den Grenzen Sowjetrußlands und Polens nicht Halt. Auch in solchen Ländern wie Österreich und vor allem Deutschland, in welchem Lande der Prozentsatz der Juden äußerst gering ist, mehren sich die Anzeichen einer nie gekannten jüdischen Notlage. In Deutschland hat die wirtschaftliche Entwicklung es mit sich gebracht, daß der größte Teil des jüdischen Mittelstandes vollständig verarmt ist. In den letzten Monaten sind ganze Branchen, in denen die Juden berufstätig waren, glatt wegrasiert worden. Wir haben in Deutschland eine ungeheure jüdische Angestelltennot. Die Wohlfahrtsinstitutionen der jüdischen Gemeinden sind bis aufs äußerste angespannt. In der Provinz hat der wirtschaftliche Antisemitismus, in stärkster Weise von dem wachsenden Nationalsozialismus propagiert, die Existenzmöglichkeit der jüdischen Bevölkerung vollständig untergraben. Wohl zum ersten Male seit vielen Jahrzehnten sehen sich die jüdischen Körperschaften veranlaßt, Beratungen zu pflegen, Versammlungen einzuberufen und Untersuchungen anzustellen, auf welche Weise man die wirtschaftliche Not eines ungeheuren Teiles der deutschen Judenheit bekämpfen könnte. Es ist ja erfreulich, daß sich der Gedanke der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.