Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 7 (14.2.1930)
- Date
- 1930-02-14
- Page
- Seite 88 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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88 Das Jüdische Echo Nr. 7 in die G.P.U. und erhoben Protest. Sie wurden jedoch sofort gleichfalls auf rohe Weise verhaftet. Hin Wärter schoß sogar in das Zellenfenster der verhafteten Sozialdemokraten. Auf ihre Klage erwiderte der Leiter der G.P.U., Zmejenko: „Wozu haben die Wärter Gewehre, wenn nicht zum Schießen?“ Zwei Monate lang blieben die Zionisten in Haft und erst auf Grund einer Verordnung der Moskauer G.P.U. wurden sie freigelassen. Aus dem Politisolator heraus — wieder in die Verbannung Viele Zionisten, die zwei bis drei Jahre in dem Pulster Politisolator gesessen haben, sind auch späterhin nicht zu ihrer vollkommenen Freiheit gelangt. Ein Teil von ihnen bekam die „Minus“- Verbannung, d. h. es ist ihnen die Niederlassung in der Ukraina, Weißrußland sowie in den sechs größten Städten (Moskau, Leningrad, Kijen, Odessa, Charkow und Rostow) nicht gestattet. Die Minus-Verbannten dürfen den von ihnen zur Niederlassung „erwählten“ Platz im Laufe von drei Jahren nicht verlassen und stehen völlig unter Aufsicht der G.P.U. Der größte Teil der „befreiten“ Zionisten wurde in ganz entlegene Gebiete des großen russischen Reiches verbannt. So wurde Chawer Gerubabel (Mitglied des MerKas Hechaluz, der noch z. Zt„ als der Hechaluz in Sowjetrußland legalisiert war, verhaftet wurde), der während der dreijährigen Haft im Politisolator mit seiner Gesundheit sehr herunterkam, in ein kleines Dorf in der Gegend von Turuchansk verbannt. Zehn Monate des Jahres ist diese Gegend von der Außenwelt fast abgeschnitten. Die halbwilde Bevölkerung nährt sich nur von Fischen und getrockneten Waldfrüchten. Nur in den zwei bis drei Sommermonaten werden Brot und andere Nahrungsmittel von außerhalb zugeführt. Wer sich im Sommer nicht genügend eingedeckt hat, muß den ganzen Winter hindurch am Hungertuche nagen. Ein ähnliches Schicksal traf auch die Zionisten, die nach Narim, Turkestan usw. verbannt wurden. Die katastrophale Situation der polnischen Judenheit Warschau, 5. Februar. (JTA.) Während der Budgetberatung im polnischen Sejm hielt der jüdische Abgeordnete Heller eine große Rede, in der er das Recht der Juden auf Arbeit betonte. Er forderte das Arbeitsministerium auf, der Notwendigkeit ins Auge zu blicken, daß den zehntausenden Juden, die, nicht zuletzt als Folge der gegen die jüdischen Interessen gerichteten Politik der Regierung, aus ihren bisherigen ökonomischen Positionen hinausgedrängt wurden, die Möglichkeit gegeben wird, sich produktiver Arbeit in Stadt und Land, in der staatlichen, städtischen und privaten Wirtschaft zu widmen. Dies, sagte Abg. Heller, ist eines der wichtigsten sozialen Probleme für Polen. Die Organisationen für sozialen Schutz der Juden, in erster Reihe Hechaluz, die Emigrantenschutzgesellschaft JEÄS, die Gesellschaft für Gesundheitsschutz TOZ, die Gesellschaft für Waisenschutz, die Rettungskomitees, die Darlehenskassen u. a. m. müssen von der Regierung unterstützt werden. Für den Hechaluz, dessen Jahresbudget 1 Million Zloty beträgt, forderte Heller einen jährlichen Zuschuß von 150 000 Zloty. Die Juden in Polen, führte Heller weiter aus, machen nicht eine vorübergehende Krisis durch, sondern sie stehen infolge des Antisemitismus und anderer auch objektiver Ursachen vor einer Katastrophe; die Katastrophe von 3 Millionen Bürgern muß aber folgerichtig zu Erschütterungen des Gesamtstaates führen. Die brutalen Äußerungen des Wirtschaftsboykotts, das Steuer- und Wirtschaftssystem der Regierung sind ein Ausdruck der ungleichen Behandlung der Juden als Bürger. Die Juden werden erstickt durch ein System von Monopolen, Syndikaten und Verordnungen; wenn auch all dies nicht mit der ausdrücklichen Absicht, den Juden Schaden zu bringen, ausgedacht worden ist, so wird dies aber in einem so überstürzten Tempo in die Wirklichkeit umgesetzt, daß ganze jüdische Berufsschichten auf einmal wirtschaftlich vernichtet werden. Die ungleiche Behandlung der Juden als Bürger drückt sich aber in ihrer vollen Eindeutigkeit erst darin aus, daß die Regierung ihre primitive Pflicht, den durch ihre Methoden ruinierten Berufsschichten zu helfen, in anderen Berufen unterzukommen, nicht erfüllt. Wir kündigen, sagte Heller, den Eintritt der Katastrophe in zwölfter Stunde an. Noch ist es Zeit — die Zeit ist aber sehr kurz — ein Unglück abzuwenden, das nicht nur Millionen Juden, sondern auch indirekt den polnischen Staat bedroht. Wir Juden Polens sind, auch mit Hilfe der ausländischen Juden, nicht imstande, allein das Problem zu lösen. Das Problem ist ein Problem der Arbeit. Man soll den Juden ihr Recht auf Arbeit geben, man soll sie in Werkstätten, in Fabriken, in der Landwirtschaft unterbringen und sie in die Millionenarmee der Staatsbeamten, städtischen Beamten und Angestellten einreihen. In einer Stadt wie Warschau, deren Magistrat 22 000 Angestellte beschäftigt, gibt es im ganzen 150 jüdische städtische Angestellte. In anderen Städten ist das Verhältnis noch ein schlimmeres. In Staatsposten findet man fast keinen Juden mehr. Wir fordern, daß die Regierung im Verlauf der nächsten zehn Jahre mindestens 300 000 Juden in den staatlichen und städtischen Ämtern unterbringt. Das Verhältnis wird auch dann noch nicht ein vollkommen gerechtes sein. Wir fordern das Parlament und die Regierung auf, nicht allein im Interesse der 3 Millionen Juden Polens, sondern auch im Interesse der gesamten Bevölkerung des Staates, ernstlich an das jüdische Problem heranzutreten, welches ein Staatsproblem ist. Abg. J. Grünbaum machte Vorschläge zur Reduzierung des Budgets zwecks Erleichterung des Steuerdrucks, der besonders auf der jüdischen städtischen Bevölkerung lastet. Grünbaum untersuchte im einzelnen die Ursache der wirtschaftlichen Katastrophe der Juden, die nur mit Hilfe des Staates abgewendet werden könne. Der Staat hat aber bis jetzt nicht einen Finger gerührt, um der Ausbreitung der Katastrophe entgegenzuwirken, im Gegenteil die Regierung setzte die Politik der Hinausstoßung der Juden aus ihren Wirtschafts- Positionen fort. Nun wird mit dem sogenannten Zechen-Gesetz ein Schlag gegen das jüdische Handwerkertum geführt; Tausende jüdische Handwerker werden ihre Werkstätten schließen müssen, weil sie nicht imstande sein werden, das vorgeschriebene Meisterexamen abzulegen. Cafe Wintergarten Franz Schnabel Vollständig renoviert (m. Parkettboden) neu eröffnet Nachmittags-Konzert / Abend Tanz Kapelle Jos6 Zangelas Zivile Preise / Kein Weinzwang / Kein Eintritt Tassen und Portionen Kaffee werden verabreicht