Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 7 (14.2.1930)
- Date
- 1930-02-14
- Page
- Seite 87 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 7_ 14. Februar 17. Jahrgang Der Leidensweg der russischen Juden Seit dem Bestand des Sowjet-Regimes hat sich die Lage der Juden in der Sowjet-Union dauernd verschlechtert. Diese tragische Entwicklung ist eine Folge der gegen jede private Handels- und Gewerbebetätigung gerichteten Politik des Sowjet- Reiches. Die Leiden der Juden werden aber noch dadurch verschärft, daß die jüdische Sektion der kommunistischen Partei, die berüchtigte Jewsekzia, in fanatischer Liebedienerei gegenüber den herrschenden Kreisen, sich in der Denunzierung von nichtkommunistischen Juden überbietet. Aus diesem Grunde werden jüdische Sozialdemokraten, Zionisten, Anhänger des hebräischen Sprachunterrichts, die hebräische Sprache und die jüdische Religion viel stärker verfolgt als die nichtjüdischen nichtkommunistischen Gruppen und Einrichtungen. Selten gelangen authentische Informationen über den Leidensweg der verfolgten Nichtkommunisten ins Ausland. Wir sind in der Lage, im nachstehenden einige Schilderungen wiederzugeben, welche Qualen Zionisten auszustehen haben, nachdem sie wegen angeblich konterrevolutionärer Gesinnung — diese besteht in der Liebe zum Hebräischen und im Bekenntnis zum Aufbau Palästinas — verurteilt und in unwirtliche Gegenden verbannt worden waren. Das gleiche Schicksal erleiden jüdische Sozialdemokraten und religiöse Juden. Am meisten aber hat es die Jewsekzia auf die Zionisten abgesehen und die niederen Sowjetbehörden sind gern bereit, die Zionisten zu peinigen, weil sie auf diese Weise ihren ererbten Judenhaß ungestraft zu betätigen vermögen. In den Politisolatoren (Gefängnisse für politische Gefangene) Der Wjerchnieuralsker Politisolator ist seit vielen Jahren wegen des brutalen Umganges mit den politischen Gefangenen bekannt. Daß die Gefangenen geschlagen werden, ist nicht neu. Im Mai v. J. geschah folgendes: Die Administration des Politisolators befahl den Gefängniswärtern, die Zellen der weiblichen Gefangenen zu überwachen und diejenigen, die durch das Fenster hinausschauen wollten, strengstens zu bestrafen. Eines Tages stürmten die Gefängniswärter in die Frauenzellen und schlugen derartig auf sie ein, daß einige von, den Frauen blutüberströmt zu Boden sanken. Unter den Geschlagenen war auch unsere Genossin M. Dieser grundlos-barbarische Überfall auf wehrlose Frauen rief natürlich große Entrüstung im Politisolator hervor. Sämtliche Gefangenen protestierten mit einem vierundzwanzigstündigen Hungerstreik, dem sich auch die (etwa 100) „Trotzkisten“ angeschlossen haben. Auch in einer Reihe anderer Politisolatoren hat sich das Verhalten der G.P.U. („Tscheka“-Verwaltung) zu den politischen Gefangenen verschlechtert. Die Administration versucht die Gefangenen zu provozieren, sie aus der Ruhe zu bringen, um nachher Bestrafungen vornehmen zu können. Die Gefängniswärter beleidigen die Gefangenen und besonders die jüdischen. Schimpfworte wie „ekelhafte Zionisten“, „verfluchte Juden“ usw. sind eine gewöhnliche Erscheinung. Jeder politische Gefangene muß daher Geduld und Nerven zusammenraffen, um sich nicht strafbar zu machen. So vergehen Tage, Monate, Jahre in körperlicher und seelischer Erniedrigung. In der Verbannung Turtkul (Kasakstan) Am 24. März v. J. besetzten Agenten der G.P.U. die Wohnung eines verbannten Zionisten, wo sich einige verbannte Zionisten zum Purimabend zusammengefunden hatten. Alle Anwesenden wurden nach dem G.P.U.-Gefängnis gebracht. Die Zionisten forderten, daß man sie in der Abteilung für politische Gefangene unterbringen solle, die Agenten der G.P.U. stießen sie jedoch zu den Kriminalverbrechern hinein. Die Agenten wollten auch eine verhaftete Zionistin der Leibesvisitation unterziehen, was jedoch, dank dem energischen Widerstand der Genossen, verhindert werden konnte. Auf dem Wege zum Untersuchungsrichter wurden die Verhafteten unmenschlich geschlagen. Die Anklageschrift enthielt ganz aus der Luft gegriffene Beschuldigungen, so z. B. wurde den Verhafteten vorgeworfen, geflohen zu sein, so daß die Verhaftung erst vier Kilometer außerhalb der Stadt vorgenommen werden konnte, während sie tatsächlich im Hause eines verbannten Zionisten verhaftet worden waren. Die Gefangenen weigerten sich daher, die Anklageschrift zu unterzeichnen. Die Verhafteten wurden sechs Tage lang in dem G.P.U.-Gefängnis ohne Lebensmittel und ohne Wasser gehalten. Sie mußten sich kümmerlich von den von außen eingeschmuggelten Nahrungsmitteln ernähren. Unter den Gefangenen befand sich auch ein krankes Mädchen, das medizinische Hilfe dringend benötigte, was ihm aber von der Administration entschieden verweigert wurde; die Zuziehung des Arztes wurde, obwohl der Zustand der Kranken sehr ernst war, von der Gefängnisbehörde nicht gestattet. Selbst als der Gefängnisarzt einmal einen Kriminalverbrecher in der Zelle besuchte, erlaubte man ihm nicht, die kranke Zionistin zu untersuchen. Die verhafteten Zionisten protestierten scharf dagegen, sie schlugen an die Türen und Fenster, schrien, lärmten und forderten den Besuch des Staatsanwaltes. Die Wärter bekamen jedoch den Befehl, die Verhafteten von dem G.P.U.-Gefängnis nach dem Stadtgefängnis zu überführen. Nur die kranke Zionistin sollte allein Zurückbleiben. Diese Maßnahme der G.P.U. rief große Empörung unter den Verhafteten hervor und sie erklärten, ihre Zelle nicht freiwillig verlassen zu wollen, solange der Staatsanwalt sie nicht besucht habe. Darauf befahl der Kommandeur der G.P.U. Gewalt anzuwenden. Unter heftigem Ringen wurden die Gefangenen alsdann durch die Straßen in das Stadtgefängnis geschleppt. Diese barbarische Behandlung der politischen Gefangenen rief große Entrüstung bei den übrigen' politischen Gefangenen im Orte hervor und zwei Vertreter der verbannten Sozialdemokraten gingen