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Das jüdische Echo · 1930-01-24 · 4 (24.1.1930) · p. Seite 46

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
4 (24.1.1930)
Date
1930-01-24
Page
Seite 46 (sequence 4)
Language
German
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46 Das Jüdische Echo Nr. 4 Vertreter bereits in der Regierung sitzen, wo in einem dritten deutschen Land, in Württemberg nämlich, soeben deutsche Volkspartei und — Demokraten (!) sich bereitgefunden haben, in eine Regierung mit dem Deutschnationalen Bazille zu gehen, den sie jahrelang mindestens ebenso heftig angegriffen haben, als ob er ein Nationalsozialist wäre — und der seinerseits über sie auch wahrscheinlich gar nicht so sehr anders denken wird — heute wird man wohl empfinden, daß die Nationalsozialisten prinzipiell regierungsreif geworden sind. Auch an diese bittere Vorstellung werden wir Juden uns gewöhnen müssen, so schwer sie uns fällt und so ungern wir daran glauben. Es ist dabei ein mehr als fragwürdiger Trost, daß die Suppe im allgemeinen nicht ganz so heiß gegessen, wie sie gekocht wird — an der Suppe des nationalsozialistischen Programms von einer nationalsozialistischen Verwaltung angerichtet, werden wir uns immer verbrennen. Überlegt man, woher es kommt, daß die Nationalsozialisten gerade in der letzten Zeit so große und sichtbare Fortschritte machen konnten, so wird man Ursachen verschiedener Art finden: Die über alle Maßen skrupellose Propaganda, die noch immer ihre besten und zündendsten Agitationsstoffe aus persönlichen Angriffen und Verleumdungen bezieht, die reiche finanzielle Unterstützung, die ihnen aus, man weiß nicht welchen, Quellen zufließen muß und die sie in den Stand setzt, mit einer Großzügigkeit zu wirtschaften, die im deutschen Parteiwesen nicht ihresgleichen hat, die vom Parteistandpunkt aus absurde Führung der Deutschnationalen durch Hugenberg, die den Nationalsozialisten die eigenen Anhänger zu Tausenden zujagt, was bei allen Wahlkämpfen der letzten Zeit zu konstatieren war, — schließlich aber, und auch das muß man einsehen, wiewohl es schwer fällt, die sinnlose Zersplitterung des deutschen Parteiwesens, die mit wenigen Ausnahmen, klare Losungen kaum mehr kennt und in der politischen Praxis offenbar dazu führt, daß auch die scheinbar festeste Überzeugung aus taktischen Gründen, aus Machtgier oder auch aus Furcht, schamlos verleugnet wird. Denn die Nationalsozialisten sind keineswegs, wie man wohl aus dem Umstand schließen möchte, daß bisher mit ihnen verfeindete Parteien nun mit ihnen paktieren, zahmer geworden. (Nur vor Gericht, da sucht man Ausreden, da möchte man sich hinter die Immunität verkriechen, siehe Schweidnitz, da feiert die Feigheit Orgien, da wird sogar Herr Hitler relativ gemäßigt — aber war das nicht auch schon immer so?) Wer hat Stresemann die letzten Jahre seines Lebens verbittert, ihn zu Tode gehetzt? Die Nationalsozialisten! Und mit ihnen, noch dazu ausgerechnet mit dem als Vertreter präsentierten rechtskräftig verurteilten Putschisten Frick gehen die Herren von der Deutschen Volkspartei Thüringens B. MftRSTflLLER kgl. Hofsattler / München Erzeugnisse unserer Großwerkstätten: Schiffskoffer / Schrankkoffer Autokoffer (D. R. Patent) Menageu. Toiiettekoffer FEINE LEDERWAREN Verkaufsräume Damenstiftstraße 16 in eine Regierung! Wo in einer Partei solche jämmerliche Schwäche sich breitmachen kann, darf man gewiß nicht erwarten, daß Grundsätze noch verteidigt werden, in solchen Händen ist auch die Verfassung nicht mehr harter Stein, sondern weich und knetbar wie Wachs. Was können wir Juden tun? Untätig Zusehen dürfen und wollen wir nicht, aber welche Dämme sollen gegen die Flut halten, wenn sogar die demokratische Partei, wie in Württemberg, nicht mehr sicher ist und ebenfalls ihre Grundsätze, ihre Würde — und ihre Juden gegen Beteiligung an der Macht verkauft. Gewiß, wir haben uns zu wehren gegen jeden Übergriff durch den Appell an das Gericht, wir müssen versuchen, durch jüdische Leistung in jeder Form Verständnis für das jüdische Problem zu verbreiten und wir müssen uns anstrengen, Mittel und Wege zu finden, die unseren Einfluß stärken und uns auch, wo immer es geht, für die Reichsverfassung einsetzen, die uns unsere Rechte garantiert. Aber Hilfe kann all das kaum bringen und entscheidende Änderungen nicht herbeiführen. Das liegt nicht in unserer Kraft. Ob eine prinzipielle Wandlung überhaupt kommen kann? Unmöglich scheint das nicht, aber wahrscheinlich nur dann, wenn das ganze deutsche Parteiwesen einer durchgreifenden Reform unterzogen wird — einer Reform, die ihrerseits abhängt von einer einschneidenden Änderung des Wahlverfahrens in Deutschland. Solange die Verhältniswahl die Existenz nicht nur aller vorhandenen Parteien garantiert, sondern die Gründung immer neuer Gruppen und Grüppchen erleichtert und unter Umständen sogar prämiiert — man kann ja so leicht das Zünglein an der Waage werden — solange die Vielzahl von Parteiungen die abenteuerlichsten Regierungsbildungen ermöglicht, solange werden die Nationalsozialisten nicht verschwinden, im Gegenteil an Zahl und an Einfluß zunehmen, auch im Reich. Selbst durch eine Reform in diesem Sinne würden sie gewiß nicht verschwinden, aber es ist nicht anzunehmen, daß sie weiterhin im Trüben fischen könnten, wenn wenige große Parteien mit klaren Programmen einander gegenüberständen, welchen Zustand eine Änderung des Wahlverfahrens vermutlich herbeiführen würde und noch weniger ist anzunehmen, daß sie dann jemals Aussicht hätten, in die Regierung zu gelangen — die große Mehrheit des deutschen Volkes ist, wie wir zuversichtlich hoffen, zu vernünftig, um sich von nationalsozialistischen Rattenfängern ins Verderben locken zu lassen. Die Schächtfrage in Bayern In Bayern sitzen die Nationalsozialisten nicht in der Regierung, das schließt nicht aus, daß sie durch geschicktes taktisches Vorgehen auch hier greifbare Erfolge erzielen; ihr bisher größter und damit gleichzeitig die so erwünschte Befriedigung ihrer erbärmlichen Schadenfreude fällt ihnen, wie zu fürchten ist, in diesen Tagen zu: Das Antischächtgesetz. Es ist darüber in diesen Blättern schon viel geschrieben worden, über die falsche Humanität, die es fertigbringt, Tierfreundschaft zu sagen und Judenfeindschaft zu handeln und auch über Hintergründe politischer Art wäre wohl noch manches zu sagen, die das Zustandekommen jenes Beschlusses vom 8. Juli 1926 ermöglichten, in Verfolg dessen nunmehr die bayerische Regierung dem Landtag das Gesetz über das Schlachten der Tiere zur Beratung vorlegt, das die rituelle Schächtung mit Geld- und sogar mit Gefängnisstrafen belegt; dies zu wieder- Fernruf Nr. 90939

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