Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1930-01-10 · 2 (10.1.1930) · p. Seite 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
2 (10.1.1930)
Date
1930-01-10
Page
Seite 18 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/9072829-9103085-9229907--10536-9221557
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

18 Das Jüdische Echo Nr. 2 können. Dann wird es zur Verständigung kommen. Wir suchen Mittel und Wege zur Verständigung. Aber man kann dazu nicht den Geist und die Zeit bestimmen. Die Mandatarmacht kann hier eine große Rolle spielen. Zu Macdonald habe ich in Genf gesagt: Wir wollen uns nicht, selbst wenn wir könnten, auf die Bajonette eurer Soldaten stützen. Er solle den Arabern sagen, er tue überall sein Bestes, ihnen gerecht zu werden, aber er halte auch die Politik des Nationalheims für gerecht und sie müssen einen modus vivendi finden. Unseren Vertretern habe ich vor ihrer Vernehmung folgende Instruktionen gegeben: Sollte man sie fragen, ob wir eine Majorität wünschen, schlage ich folgende Antwort vor: Wir wollen die Durchführung des Mandats, absolute Freiheit der Einwanderung im Einklang mit der Entwicklung des Landes. Diese Entwicklung soll von der M. M. gefördert und die Gesetzgebung dazu ins Werk gesetzt werden, im Einvernehmen mit dem Mandat. Ob das zu einer Majorität führen wird, ist schwer zu sagen. Wie dem aber auch sein wird, wir wollen niemand beherrschen und von niemand beherrscht werden. Auf dem Boden der Realitäten ist das ein Programm. Ich weiß nicht, was man sich sonst vorstellt, ob es recht ist, futuristische Programme zu entwickeln — auf dem‘Boden der Realitäten entspricht das dem Können und den Möglichkeiten. Davon werden wir nicht abweichen, nicht nach rechts und nicht nach links. Ich will mich zu keinem dieser Programme äußern, nur zu einem. Man verweist uns auf Schwierigkeiten, auf Araber, auf englische Beamte und findet, daß es leichter sei, ein „kulturelles Heim“ zu schaffen. Ich verstehe das nicht; was ist das, ein Museum, ein Krankenhaus? Was ist ein „kulturelles Heim“? Freilich es ist einfacher zu sagen: „bethi beth tefilah lechol heamim“, es ist leicht, Pesukim zu deuten, „Palästina gehört allen Völkern — es gehört niemandem, Palästina ist Niemandsland“ usw. Wir lassen uns darauf nicht ein! Hat man uns ein „Kulturelles Heim“ versprochen oder eine „Nationale Heimstätte“? Ersatz galt im Kriege, nicht im Frieden. Einige Worte über innere Dinge. Sie haben Ihre Pflicht getan. Was ich sage, trifft nicht Sie. Es ist meine Pflicht, an K. H. und K. H. L. zu erinnern. Wir werden weiter Land kaufen und unsere Mittel zur Durchführung des Budgets verwenden. Ich warne Sie vor gegenseitiger Zerfleischung. Konstruieren Sie keine weltanschaulichen Gegensätze. Es sind taktische, keine grundlegenden Differenzen. Ich habe englischen Politikern gesagt: Wenn Sie uns verlassen, weil Sie sagen, Sie könnten es nicht machen, so wird der Schlag nicht schwerer sein, als die Austreibung der Juden aus Spanien, die Inquisition, die Pogrome in der Ukraine. Die Frage der historischen Gerechtigkeit kann man nicht mit Leichtsinn behandeln. Was wir heute tun, tun wir aus Gottesfurcht. Aus dem Herzen unserer Jugend schallt die Hymne der Arbeit und des Glaubens. Was wir heute tun, tun wir als Kidusch haschem und wenn unsere Jungens in die Wüsten und in die Felder Palästinas gegangen sind, und wirkten und schafften und arbeiteten, so erschallte aus ihren Herzen eine neue Hymne der Arbeit und des Glaubens, die stieg zum Himmel und der jüdische Gott schaute auf seine Kinder herunter und erkannte sie wieder. Und dieser Gott wird uns weiterführen. (Stürmische, sich immer wieder erneuernde Ovationen, die Versammlung erhebt sich.) Sodann sprach Berl Kaznelson (Palästina), der die Anschauungen der palästinensischen Arbeiterschaft darlegte. Nach ihm wurde dem aus Palästina als Gast anwesenden deutschen Zionisten Dr. Felix Danziger das Wort erteilt, der bereits in die politische Debatte eingriff. Die politische Debatte selbst wurde von dem Redner der stärksten Gruppe (Linkes Zentrum), Dr. Bileski, eröffnet. In der Nachmittagssitzung wurde die Debatte fortgesetzt. Es sprachen Dr. Barth (Misrachi), Landauer (Hitachduth), Kollenscher (Unabhängige Zionisten), Lichtheim (Revisionisten), Goldmann (Radikale). In der Abendsitzung, die um 10 Uhr begann, sprachen dann Weltsch, Blumenfeld und schließlich Dr. Weizmann, der sich in seinem Schlußwort gleichzeitig von dem Delegiertentag verabschiedete, da er Montag früh Jena verließ. In diesem Schlußwort ging Weizmann noch einmal auf die im Lauf der Debatte behandelten Gegenstände ein. Er erklärte u. a.: Was man wissen sollte und wissen will, ist, daß Palästina ein nationales Heim für das jüdische Volk ist und daß es ein Heim für 600 000 Araber ist. Das nationale Heim des arabischen Volkes ist in Bagdad, Damaskus, in dem Dreieck, von dem ich gesprochen habe. Es scheint mir, Weltsch ist ein Opfer mancher Freunde, vor denen ihn Gott schützen möge. Ich glaube, man darf ihn nicht verwechseln mit Magnes, mit Bergmann und nicht mit dem Brith Schalom. In diesem Saal ist, wie richtig betont wurde, niemand anwesend, der das Mandat und die Balfour-Deklaration um ein Jota vermindern will. Das gilt aber leider nicht von Jerusalem. Während wir in einer belagerten Zitadelle waren, hat man dort Dinge gesprochen, die, um es ganz milde auszudrücken, uns ungeheure Schwierigkeiten bereitet haben. Um nur eine herauszugreifen: Es hätte uns nach 40 Jahren Arbeit nicht zustoßen dürfen, daß der „Felestin“ schreiben konnte, mit Bergmann können wir verhandeln, mit Weizmann nicht. Da lag die Gefahr, die Schwierigkeit, das ungeheure Vergehen. Es genügt nicht zu sagen, das sind keine Menschen an verantwortlichen Stellen —■ wir sind in einer belagerten Zitadelle. Ich glaube sagen zu dürfen, daß in prinzipiellen Dingen zwischen Blumenfeld, Weltsch, der Exekutive und mir kein Unterschied besteht. Unterschiede gibt es vielleicht im Ton. Über Verhandlungen mit den Arabern äußerte er sich folgendermaßen: Es ist nicht richtig, daß wir nicht den Versuch machten, mit den Arabern zu verhandeln. Ich will nicht in Einzelheiten eingehen. Schon 1918 haben wir versucht, mit dem einzigen Vertreter der Araber damals zu verhandeln. Ich fuhr in die Wüste, ging zu Feisal, sagte ihm, was unsere Absicht ist und was wir in Palästina wollen. „Du vertrittst vor der Welt heute die arabische Nation. Ich komme in derselben Mission wie meine Vorväter vor 4000 Jahren.“ Er verstand, er unterschrieb. Sein Bruder behauptet, er hätte es vergessen, ich habe es nicht vergessen, ich habe die Unterschrift. Bevor wir 1919 unsere Wünsche der Friedenskonferenz unterbreiteten, haben wir wieder gesagt: Unser Plan bietet Vorteile für dich und für uns, und er verstand es. Wir sind jedenfalls nicht hingegangen, ohne den Versuch der Verständigung. Er wandte sich gegen Lichtheim und gegen die revisionistische Politik, lehnt aber auch die von Bileski, dem Sprecher der deutschen allgemeinen Zionisten, linkes Zentrum, vorgetragenen Anschauungen ab:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.