Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 1 (3.1.1930)
- Date
- 1930-01-03
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Das Jüdische Echo Nr. 1 mern abgeschlossenen Kontrakte mit den niedrigsten Arbeitslöhnen, somit mit arabischen Arbeitern rechnen. Sacher erwiderte: Diese Art von Kontraktabschlüssen ist die schlimmste Form von Sparsamkeit. Indem die Regierung ein Mandat übernimmt, übernimmt sie gleichzeitig die Aufgabe, das Mandatsterritorium in anständiger Weise zu zivilisieren. Die Juden beharren darauf, daß die Lohnskala auf einen angemessenen Standard gebracht werde, und zwar ebenso zugunsten der Juden wie zum Besten der Araber. Stoker verlas die Resolution des Zionistenkongresses, in der die Einwanderung weiterer Tausender von Juden verlangt wird. Dieser Beschluß, kommentierte Stoker, geht von dem gleichen Optimismus aus wie die jüdische Einwanderung des Jahres 1925. Sacher erwiderte, daß die Forderung nach neuer Einwanderung im Hinblick auf die Bedürfnisse der neuen Industrien und Plantagen nach Arbeitshänden gefaßt worden ist. Im übrigen sind solche Resolutionen nur Direktiven, und unsere Sache ist es, für deren Verwirklichung im Rahmen des Möglichen zu sorgen. Bei der Besprechung der weiteren Resolutionen des Kongresses erklärte Sacher, daß der Kongreß verschiedene Elemente mit verschiedenen Idealen einschließt und daß z. B. ein Teil des Kongresses eine seiner Aufgaben darin erblickt, der Exekutive das Mißtrauen auszudrükken. Das Mitglied der Kommission seitens der Arbeiterpartei, Harry Snell, bemerkte lachend: Meine Erfahrung mit Kongressen ist die, daß fromme Wünsche ausgesprochen werden, ohne daß die Chance für ihre Durchführbarkeit geprüft wird. Sacher erklärte: Einige der Kongreßresolutionen sind Vorschriften oder Richtlinien. Die Resolution über neue Einwanderung gibt uns die Instruktion, Vorsorge zu treffen, daß so viele in das Land kommen, als für die Wirtschaftspolitik tragbar ist. Stoker fragte: Gibt es mit Bezug auf Bodenerwerb und Bevölkerungszunahme irgendeine Grenze der jüdischen Ambition? Sacher erwiderte: Solche Grenzen liegen in unseren Mitteln, in den für den Kauf der angebotenen Böden zur Verfügung stehenden Fonds. Stoker: Wird in irgendeiner Weise die Notwendigkeit in Betracht gezogen, Böden für die Araber zu belassen? Sacher: Solche Erwägungen sind Sache der Regierung und der Araber. Stoker: Ist Herr Albert Hyamson (der Leiter des Einwanderungsdepartements der Palästina-Regierung) ein Zionist? Sacher: Nein; Sie täten übrigens besser, ihn selbst zu befragen. Sacher wurde auch darüber befragt, wie er den Artikel 6 des Mandates auffaßt, der der Regierung die Pflicht auferlegt, die dichte Siedlung von Juden auf landwirtschaftlichem Boden zu fördern. Sacher erwiderte: Meine Meinung ist die, daß die Wirtschafts¬ und Steuerpolitik der Regierung einer progressiven Landwirtschaft abträglich ist. Auch die Anlage der Eisenbahnen nimmt nicht Rücksicht auf die mögliche wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Sir Boyd Merriman brachte das Gespräch wieder auf die Klagemauer und legte ein Dokument vor, aus dem hervorgeht, daß Colonel Kisch am 4. Mai Sir John Chancellor gegenüber erklärt habe, daß die von den Moslems an der Klagemauer durchgeführten Bauarbeiten eine flagrante Verletzung des Status quo bedeuten und zu einem Rassekonflikt führen könnten. Der Regierungsanwalt Kenelm Preedy führte aus, Sir John Chancellor habe am 6. Mai dem Groß-Mufti erzählt, er habe die Rabbiner ersucht, dokumentarische Beweise dafür zu erbringen, daß die Juden unter der Herrschaft der Türken Rechte an der Mauer besaßen; da nun die Rabbiner solche Dokumente nicht erbrachten, ziehe er, Chancellor, daraus den Schluß, daß sie wahrscheinlich solche Dokumente nicht besitzen. Sacher erklärte darauf, er habe erwartet, daß das Rabbinat Beweisdokumente vorlegen würde; die Rabbiner fürchteten aber, daß die Vertreter der Moslems darauf bestehen werden, daß das geschriebene türkische Gesetz beobachtet werde; die Türkei aber ist ein Land, in dem das geschriebene Gesetz im wesentlichen nicht das ausdrückt, was. gemeint ist. Zur Frage des Status quo erklärte Sacher, er halte das Weißbuch der Regierung, in welchem der Status quo als die Basis der jüdischen Rechte an der Klagemauer festgesetzt ist, als einen provisorischen Akt; er weigere sich, aus dem Weißbuch die Folgerung zu ziehen, daß der Status quo eine Basis für eine endgültige Lösung des Klagemauer-Problems sei. Jerusalem, 22. Dezember. (JTA.) Der Verlauf des Kreuzverhörs, welchem Herr Harry Sacher, der Leiter der Zionistischen Palästina-Exekutive, durch den Regierungsanwalt, Herrn Kenelm Preedy, unterzogen worden war, hat unter den Juden Palästinas starkes Befremden erregt. Schon bisher hatte man den Eindruck, daß Herr Preedy sich in einer Weise benimmt, als würde er die Sache der Araber und nicht die der Regierung vertreten. Sein letztes Kreuzverhör mit Sacher verstärkte diesen Eindruck, insbesondere als er an Sacher die Frage richtete, ob nicht die Massakres in Hebron und in anderen Orten eine Folge der zionistischen Politik gewesen waren. Diese Fragestellung des Regierungsanwalts weckte um so mehr Verwunderung, als — wie erinnerlich — Herr Luke nach Erscheinen seines Interviews mit Pierre van Paassen den ihm von van Paassen in den Mund gelegten Ausspruch, daß die Verhandlungen und Beschlüsse des Zionistenkongresses den Arabern Furcht eingeflößt hätten, in Abrede gestellt hat. Nunmehr nahm Preedy diese Version wieder auf. Dies leuchtete insbesondere aus seinen Fragen an Sacher über Zusammensetzung des Zionistenkongresses, über Methode der Wahlen und die Zahl der Palästina-Delegierten hervor. Sehr eigentümlich berührte die Frage Preedys: Waren auch Märtyrer auf dem Kongresse vertreten? Sacher antwortete: Märtyrer sind tot. Hier richtete Preedy in ironischem Tone an Sacher die Frage, ob nicht das Blutvergießen ein Ergebnis der zionistischen Politik ist. Sacher erwiderte: Es ist für mich sehr interessant, eine solche Bemerkung aus dem Munde des ^Uäoriiiertc fiPetfciußtäip SCHRAMM ZMünchen