Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1930-01-03 · 1 (3.1.1930) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
1 (3.1.1930)
Date
1930-01-03
Page
Seite 6 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103085-9229903--10523-9221543
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

6 Das Jüdische Echo Nr. 1 Ich akzeptiere voll und ganz diese These. Mit dem ersten Teil der Balfour-Deklaration, der uns das Nationalheim zusichert, akzeptieren wir den zweiten Teil, in welchem davon die Rede ist, daß nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina beeinträchtigen könnte. Das Mitglied der Kommission der Arbeiterpartei, Harry Snell, fragte Sacher, wie weit er für die Ansichten Wolfgang von Weisls verantwortlich ist. Wir von der Zionistischen Exekutive, erwiderte Sacher, sind für die Ansichten Weisls in dem gleichen Maße verantwortlich wie eine Regierung für Ansichten der sie bekämpfenden Opposition verantwortlich ist. Diese Definition Sachers weckte unter den Mitgliedern der Kommission zustimmendes Gelächter. Erste Bedingung für Sicherheit ist die Kundgebung des festen Willens der Regierung, das Mandat zu verwirklichen Auf die Frage des Anwalts der Jewish Agency, Viscount Erleigh, auf welche Weise man sich gegen Unruhen in Zukunft am besten sichern könnte, erklärte Harry Sacher: Zwei Maßnahmen sind am besten geeignet, den Ausbruch von Unruhen in Zukunft zu verhindern: erstens müsse man die Araber davon überzeugen, daß ihre Meinung, sie könnten durch Gewaltanwendung eine Änderung der jetzigen Lage herbeiführen, falsch sei, zweitens muß die Regierung dartun, daß sie entschlossen ist, das Mandat dem Buchstaben und dem Geiste nach durchzuführen. Die britischen Beamten Palästinas sollten, bevor sie ihr Amt antreten, durch eine besondere Belehrung über den eigentümlichen Charakter des Palästinamandates aufgeklärt und in der Handhabung der Bestimmungen des Mandates vorgebildet werden. Der Vorsitzende der Kommission, Sir Walter Shaw, stellte hier in einem etwas sarkastischen Ton die Frage, wie sich Sacher eine solche Aufklärung der britischen Beamten denkt: Sollen sie vielleicht zu Vorlesungen der Zionistischen Organisation geschickt werden? Sacher erwiderte: Ich bin erstaunt über Ihre Frage; aus meinen Worten war klar zu entnehmen, daß ich meinte, das Kolonialamt sollte diese Beamten vor deren Entsendung nach Palästina ausbilden. Der dynamische Teil des Mandates ist das Jüdische Nationalheim; dieser Teil muß erfüllt werden, und zwar so, daß die politischen, religiösen und zivilen Rechte der Araber nicht angetastet werden. Die Durchführung einer Politik erfordert Mut und Einbildungskraft, aber gar so schwer ist sie nicht. Es entspann sich eine Aussprache über die einzelnen Punkte der Balfour-Deklaration darüber, welcher Punkt der wichtigere sei, und ob nicht eine Ausdehnung dieser Politik die Bildung einer Selbstregierung verhindern würde. An der Aussprache nahmen alle Mitglieder der Kommission teil. Sacher erklärte, die Juden haben sich nicht einer Selbstregierung widersetzt. Als Sir Herbert 1923 Wahlen zu einem Legislative Council (Gesetzgebende Körperschaft) ausgeschrieben hat, waren es allein die Araber, die diese gesetzgebende Körperschaft boykottierten. Allerdings hätten wir, fuhr Sacher fort, einem solchen Legislative Council vor Beginn der Skala von Morden mit größerer Zuversicht entgegengesehen als jetzt, wo man — würde man nun eine Gesetzgebende Körperschaft einführen — sagen würde, der Weg, die Dinge in Palästina weiter zu bringen, führe über Mord und Gewalttat. Viscount Erleigh erinnerte die Kommission an die Tatsache, daß auch der Oberkommissar Sir John Chancellor nach seiner Rückkehr nach Palästina erklärt hatte, daß er nun, nach dem Ausbruch, alle Gespräche über konstitutionelle Änderungen einstellen müsse. Sacher entwickelte eine Reihe anderer Vorschläge zur Verhütung von Unruhen, so unter anderen den Vorschlag auf baldige endgültige Lösung des „unglücklichen Klagemauerkonfliktes“, wobei er hinzufügte, niemand sei mehr als Sir John Chancellor bestrebt, hier einen Ausweg zu finden. Sacher empfahl auch die Überwachung der arabischen Presse, die die „lügnerischste, verleumderischste und die meist zu Gewalt hetzende in der ganzen Welt“ ist. Ferner soll das Anti-Sedition Law (Gesetz zur Bekämpfung des Aufruhrs) Gesetz werden. Der Geheimdienst müsse verbessert, die Polizei reorganisiert, die Zahl der Engländer und Juden innerhalb der Polizei erhöht werden. Die Verhältnisse in der Polizei müssen so gestaltet werden, daß der Polizeidienst anziehend wird. Das Mandat, sagte Sacher, indem er auf die Tunlichkeit, eine Garnison in Palästina zu unterhalten, hinwies, ist Mission. Und Missionare dürfen mit notwendigen Ausgaben nicht geizen. Frankreich unterhält in Syrien eine große Garnison. Bis jetzt, führte Sacher weiter aus, hat sich die Mandätarmacht wenig generös gegenüber Palästina erwiesen. Palästina mußte einen beträchtlichen Teil der ottomanischen Staatsschuld, sogar mehr als die Türkei selbst, zahlen. Ferner wurde Palästina für die im Kriege erbauten Eisenbahnen übermäßig belastet. Das palästinensische Schatzamt muß für die militärische Kriegsschuld 200 000 Pfund zahlen. Sacher forderte, daß den jüdischen Kolonien die Mittel in die Hand gegeben werden, sich gegen plötzliche Überfälle zu verteidigen und daß ihnen erlaubt werde, Sonderpolizisten als Reserve für eine plötzlich eintretende Notlage anzuwerben. Sacher entwickelte eingehend die unmittelbaren Ursachen der August-Unruhen und erklärte, daß erst der bei den Arabern entstandene Glaube, England sympathisiere nicht mit dem Jüdischen Nationalheim, die Agitatoren veranlaßt hat, eine Verschwörung in Szene zu setzen und eine Lage zu schaffen, angesichts derer sie hoffen könnten, daß eine Umstoßung des Mandates herbeigeführt werden würde. Die Regierung ist bei der Behandlung der Klagemauer-Frage ganz außerordentlich ungeschickt und unklug vorgegangen. Der Aufruhr war entweder vorher in den Einzelheiten verabredet oder er ent- Wäscherei der Münchener Hausfrau Landwehrstraße 57/59 Rgb. Telephon 596858 Zweigstellen; 1 Haushaltwäscherei - „Apollo“ Dachauer Straße 19 Rgb. Telephon 52553 2 Baaderstraße 13 ■ Telephon 25702 3 Gabelsbergerstraße 103 ■ Telephon 596491

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.