Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 51 (23.12.1921)
- Date
- 1921-12-23
- Page
- Seite 664 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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664 Das Jüdische Echo Nr. die Stille, die ihr Grab umgibt. Es wird von langgedehnten Schreien begleitet, wilder und schrecklicher als ein jetzt lebendes Wesen entsenden kann. Als wir dies hören, sagen wir zwei Reisegenossinnen zu einander, es sei nicht wunderlich, daß Rahels Grab bis auf unsere Tage bewacht wurde. Da alles Volk an sie als an die große Mutter glaubt, deren Liebe zu ihren Sprößlingen nie sterben kann, konnte sie nie vergessen werden, und kein vom Weibe Geborener hat gewagt, die Hand gegen ihre Ruhestatt zu erheben. Wir sprechen von diesem, als der Wagen an dem weißen Grabhaus vorbeiführt. Im selben Augenblick zucken wir heftig zusammen. Es ist jetzt nicht Abend, sondern helliehter Vormittag, aber dessen ungeachtet hört man vom Grabe einen langen, unheimlichen gedehnten Schrei und gleich darauf noch einen und noch einen. Das ganze Tal üst wieder voll von diesen Lauten, die unser Trommelfell zerreißen. Es liegt nichts Menschliches in ihnen, ja kaum etwas Tierisches. Es war nichts, das in dieser Welt daheim war, in der wir nun lebten. Es waren solche Schreie, wie das wilde Weibtier sie am Morgen der Zeiten ausgestoßen haben mag. So hatte Eva gejammert, als Kain Abel bedrohte, so hatte Hagar über Ismael geweint. So mußte Rahel. die durch alle Zeiten Geliebte und Liebende über ihr Volk wehklagen und jammern. Der Dragomann gibt in aller Eile dem Kutscher ein Zeichen zu halten. Er springt aus dem Wagen und geht in die Grabkammer. Nach einer kleinen Weile kommt er zurück. Er erklärt uns, daß die furchtbaren Schreie von einer Beduinenfrau ausgestoßen werden, die in der Gruft steht und Rahel um Hilfe für einen'"' kranken Sohn an ruft. Wir sind halb und halb enttäuscht. Wir haben uns beinahe vorgespiegelt, daß es die Klage der großen Stammutter ist, die wilr hören. Wir sagen zu einander, daß diese Beduinenfrau von Rahel selbst klagen gelernt haben muß. Diese Urzeitlaute mußte sie in irgendeiner dunklen Nacht aus dem Grabe dringen gehört haben, und nun wiederholte sie sie, so gut sie es verstand, um die Teilnahme der schlummernden Toten zu erwecken. Wir sagen auch, daß solche Laute nicht in der Kehle einer europäischen Frau wohnen können, Wir sagen, daß wir in unserem Weltteil nie etw älmliches hören werden. Wir sagen viel dergleichen, aber trotz alled* hatte ich an diesem Sommertage, dem letzt Tage im August 1914, denselben wilden Laut die vor meinem eigenen Haus gehört. Ich hatte d Schrei der wilden Mutter wiedererkanmt, we ihrem Kinde Gefahr droht, wie jeder, der ihn ei mal gehört hat. sich für alle Zeiten daran erinne muß und ihn nie verkennen kann. Die fortgewesen waren, um die Sache zu unte suchen, kamen jetzt zurück. Sie sagten, die R fende sei eine arme Frau, deren einziger Sohn 5 eben verlassen sollte, um in den Kriegsdienst gehen. Es handelte sich um nichts anderes; eine gewöhnliche Waffenübung, aber sie glaub daß er nie zurückkommen würde, da doch jel an allen Ecken und Enden Krieg war. Sie hatt ihr Vorwürfe gemacht, weil sie so wie eine Wah sinnige geschrien und das ganze Haus erschree hatte. Aber sie hatte zur Antwort gegeben, d; sie so schreien mußte. Sie konnte nicht andei da ihr Sohn nun in den Krieg sollte, um getöt zu werden. Ich dachte bei mir selbst, daß der harte Zwai der Zeit den Laut aus der Urzeit Rahels, d trauernden Mutter Weinen, in ihre Kehle gele hatte. Es war lange her, daß man ihn in dies* Gegenden gehört hatte, so lange, daß niemai hätte sagen können, von welchem Wesen er he rührte. Aber nun, da der Krieg über die W( losgelassen war, war er aus der Tiefe der Me schennatur auferweckt, und nun würde er nie so bald vergessen werden. Vielleicht würden wir ihn jetzt so oft zu hört bekommen, daß alle auch in unserer weltfern» Gegend lernen würden, ihn' wiederzuerkenne Glückliche, ruhige Mütter, die nie geahnt hatte daß es einen solchen Laut gäbe, würden vielleic lernen müssen, daß er auch in ihrer Kehle wohnt Gemeindenu. Vereins-Echi Zionistische Ortsgruppe München. Der zwei „Abend“ führte in behaglichem Rahmen eir Gruppe von Gesinnungsgenossen zusammen, i zwangloser Form unterhielten sich die Anwesend* über „Unsere Gemeindepolitik“, nachdem He Lichtenauer in interessanten Ausführungen d Grundlage für eine Aussprache gegeben hatt "RbuThallmaiGr München Thjsatinßvür.tö.