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Das jüdische Echo · 1921-12-23 · 51 (23.12.1921) · p. Seite 663

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
51 (23.12.1921)
Date
1921-12-23
Page
Seite 663 (sequence 12)
Language
German
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Auch war es keiner der zornigen Schreihälse des Waldes, weder Fuchs noch Uhu war imstande, einen solchen Laut zu entsenden, so gewaltsam und rauh, daß er wie ein Widerhall aus vergessener Urzeit schien. Es war nicht ganz unmöglich, daß der Schrei oder das Brüllen, oder wie man es nun nennen wollte, von irgendeinem Menschen ausgegangen war, der sich verletzt hatte. Aber es war die Stunde des Tages, wo die Arbeitsleute Mittagsrast hielten. Die Mähmaschinen rasselten nicht draußen auf dem Acker, und keine schwerbeladenen Wagen bewegten sich zwischen Feld und Hof. Es konnte kaum ein Unglück in dieser Stunde geschehen sein, die der Ruhe gewidmet war. Die furchtbare Hitze, die in diesem Sommer lähmend über der Erde brütete, herrschte auch an diesem Tag. Sie verbrannte noch immer das Gras auf dem Boden und die Blätter auf den Bäumen, sie sog das Wasser der Bäche und Quellen an sich und drohte den ganzen Talkessel vor uns in eine braungebrannte Wüste zu ver- } wandeln. Der rauhe, mächtige Ruf, den ich eben * gehört hatte, war mir so unerklärlich, daß es mir in den Sinn kam, es sei die Klage der großen I Natur, der vereinte Jammerschrei der Scholle und der Pflanzen über ihr unerträgliches Leiden. 1 Während wir noch vor Staunen und Verwunderung still blieben, ließ sich der furchtbare Laut noch einmal hören. Mit unbarmherzigem, unerträglichem Grimm erschütterte er die Luft und schnitt in die Ohren, schmerzhaft wie ein Folterwerkzeug. Als er nun zum zweiten Male ertönte, stürzten alle, diie rings um milch saßen, fort, um zu ergründen, was dies war. Ich allein blieb sitzen. Ich hatte das unklare Gefühl, daß ich etwas Ähnliches schon einmal gehört hatte. Ich neigte den Kopf und legte die Hand über die Augen, um besser in dem verborgenen Raum meiner Erinnerungen forschen zu können. Sogleich wurde ich in Gedanken in große, offene Gefilde versetzt. Ein grauweißer, steiniger Boden wogte in wohlgeformten Hügeln auf und nieder. Hin und her, wie ein Falke, der in wolkenhohem Flug Beute sucht, schwebte die Erinnerung über diese Gegenden, die sie noch nicht beim Namen nennen konnte. Auf einem Abhang wuchsen feuerrote Anemonen, und auf der Spitze eines Hügels stand ein kleiner Hain von bleichen, schattenlosen Oliven. Ich wußte nun, an diesem Orte, wo ich einen Laut gehört hatte, ähnlich dem, der soeben in meinem Ohr erklungen war, hatte ich auch feuerrote Frühlingsblumen gesehen, und immergrüne Laubbäume. Er mußte also sehr weit weg in der Welt liegen, sehr fern von Vermeland und Schweden. Die Erinnerung spähte und forschte, um; Dunkel und 'Vergessenheit durchdringen zu können, und ganz plötzlich, durch eine unerhörte Anstrengung, brach es zur Klarheit durch Ich sah mich selbst und meine Reisegenossin in einem großen alten Landauer fahren, der einmal, vor sehr langer Zeit, als Galawagen in irgendeiner Großstadt gedient haben mochte. Wir fuhren an Unmengen von roten Anemonen vorbei, über eine breite, prächtige Landstraße einer mauerumkränzten Stadt zu. Ich erkannte den Wagen. Es war eines jener ausgedienten Fuhrwerke, wie sie von den Droschkenkutschern in Palästina vermietet werden. Ich erkannte den Weg wieder, die Umgebung, die mauerumkränzte Stadt. Ich hatte all dies gesehen, als ich vor vielen Jahren von Jerusalem nach Bethlehem reiste. Auf dem Rücksitz des Wagens sitzt unser syrischer Dragoman, braun im Gesicht, einen roten Fez auf dem Kopfe. Er lenkt unsere Aufmerksamkeit auf ein kleines, weißes, von einer niedrigen Kuppel überwölbtes Haus, das ganz einsam in einiger Entfernung vom Wege liegt. Es ist ohne Fenster und gleicht diesen allgemein vorkommenden Grabkammern, die die Einwohner des Morgenlandes ihren vielen Heiligen zu errichten pflegen und die wir an den verschiedensten Orten gefunden haben, bald weit weg in der Wüste, bald mitten in einer Stadt oder einem Dorfe, bald wie hier an einem Wege, auf dem eine Menge Menschen vorbeiziehen. Der Dragoman erzählt nun, daß dieses kleine Häuschen Rahels Grab ist, und zugleich beteuert er uns, daß dies keine leere Vermutung ist, sondern eine wirklich bewiesene Wahrheit. Gelehrte Männer haben über die Echtheit fast aller heiligen Stätten gestritten, aber nie über diese. Es ist kein Zweifel, das ist die Stelle, wo Jakob, der auch Israel genannt wird, seine Lieblingsfrau begraben hat, kurz nachdem sie ihm seinen Sohn Benjamin gebar, gleichsam zum Ersatz für einen anderen Sohn, dien er auf der Wanderung durch die Wüste von wilden Tieren zerrissen wähnte. Wir werden beide ein bißchen atemlos bei dem Gedanken, was dies bedeutet. Hier hatte eine schöne Nomadenfrau ihre Ruhestatt durch eine Reihe von Jahren gehabt, deren Länge niemand anzugeben wußte. Hier ruhte sie, lange bevor ihr Sohn Josef ein mächtiger Mann im Lande Ägypten geworden war, lange bevor eine Königsburg in Mykene aufgerichtet wurde oder eine griechische Flotte über das Meer gezogen war, um Troja zu erobern, und hier schlief sie noch, ohne daß das Grab in Vergessenheit gehüllt oder von Zerstörungssuclit gekränkt worden wäre. Der Dragomann erzählt uns, daß in früheren Zeiten, ja bis in unsere Tage, wie der eine oder andere zu berichten weiß, jedes Mal, wenn ein Unglück über Israel hereinbrechen sollte, Weinen und Klagen aus diesem Grab ertöne. Hier hatte die Stammutter der Juden in der Nacht vor jenem Tage, wo die kleinen Schuldlosen in Bethlehem ermordet wurden, ihre Jammerrufe erhoben. Von hier hörte man ihre Klage über das Tal hinausströmen, an jenem Abend, bevor Jerusalem zerstört wurde und das unermeßliche Tal Hinnom sich bis zum Rande mit den Leichen seiner Söhne und Töchter füllte. Und viele Male seither haben sowohl die Einwohner Bethlehems wie die Beduinen der Felder ihre unheilverkündenden Rufe an dunklen Abenden und Nächten durch die Täler unterhalb Bethlehem erklingen hören, Selten sind lange Zeiten verflossen, ohne daß sie sich aus dem Schlummer des Todes losreißen mußte, um über die Unglücksschicksale zu trauern, die ihrem Volke drohten. Nicht ein Wort spricht Rahel, aber ihr Weinen klingt unheimlich durch Dentist H. ULLMANN München, Baaderplatz 1/1, Tel. 25904 Spezialität: Laboratorium für feine Zahntechnik

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