Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 51 (23.12.1921)
- Date
- 1921-12-23
- Page
- Seite 662 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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662 Das Jüdische Echo Nr. hoben, daß in Bombay sich Mohammedaner mit Indern vereinigt hätten, um alle Personen mit europäischem Anstriche anzugreifen. In Wahrheit wurden aber fast nur Juden überfallen und. mißhandelt, und es ist anzunehmen, daß einige Juden bei den Unruhen auch umgekommen sind. In dem Aufruf, den der indische Führer Ghandi zur Beruhigung der Gemüter erließ, heißt es u. a.: „Ich werde nicht eher ruhen und rasten, keine Speise noch Trank zu mir nehmen, als bis die Indier und Mohammedaner von Bombay Frieden geschlossen haben mit den Persern, Christen und Juden.“ Feuilleton Die Scholaumglocke Von M o r o r Anno 48 ging es überall toll zu. Am tollsten in Schilda. Landfremde Elemente hatten Ruhe und Ordnung so lange untergraben, bis das Volk auf dem Marktplatze zusammenlief und in wilder Erregung verlangte, alle Schildbürgerstreiche müßten fortan aufhören. Der Bürgermeister erschien auf der Rathaustreppe, sagte dies feierlich zu und forderte die Schildbürger auf, nun wieder ruhig nach Hause zu gehen. Sie blieben aber und waren nicht einmal mit der Feuerspritze auseinander zu treiben, weil diese wie gewöhnlich nicht funktionierte. Jedermann hatte das deutliche Gefühl, daß demnächst etwas geschehen müsse. Nur wußte keiner recht: was? Einzig und allein der Stadtschreiber, der bis dahin allgemein als Trottel angesehen war, hatte eine Idee. Er schlug vor, sämtliche Häuserfronten sollten auf Kosten des Stadtsäckels weiß getüncht werden. Dieser glückliche Einfall zündete. Man muß nämlich wissen, daß die Schildbürger nach einer bis in die älteste Feudalzeit zurückreichenden Tradition ihre Häuser mit Darstellungen ihrer berühmtesten Streiche zu schmücken pflegten. Im Nu waren sämtliche Maler- und Anstreichergeschäfte geplündert Das souveräne Volk zog mit Farbkübeln, Hausleitern und Anstreichpinseln bewaffnet von Straße zu Straße und ruhte nicht, bevor sämtliche Schildbürgerstreiche mit Kalk ausgelöscht und von der Bildfläche verschwunden waren. Zuletzt kam die Judengasse daran. Aber da gab es keine Schildbürgerstreiche auszulöschen. Die Juden waren damals den Überlieferungen ihrer Väter noch im wesentlichen treu und ihre Häuser entbehrten infolgedessen jeglichen Schmucks. Die Menge stellte dies mit Befriedigung fest. Dann zog sie wieder zum Marktplatz, wo ein jüdischer Journalist verkündete, jeglicher Unterschied zwischen der Hauptstraße und der Judengasse sei jetzt aufgehoben und alle Schildbürgerstreiche gehörten endgültig der Vergangenheit an.— Dem kurzen Rausch folgte ein langer Katzenjammer. Noch war seit dem großen Bildersturm kein ganzes Jahr verflossen, da wollte auch schon keiner mehr dabei gewesen sein. Einer schob die Verantwortung auf den Anderen, der Stadtschreiber war wieder der Trottel, für den er von jeher gegolten hatte und der jüdische Journalist, der die Schildbürgerstreiche totgesagt hatte, wurde wegen der dadurch bewiesenen Niedrigkeit der Gesinnung gehenkt. An allen Häuserfronten wurden die ehrwürdigen Streiche der Väter mit Liebe wieder aufgefrischt. Auch die Judenschaft konnte sich dem neuen Geiste nicht entziehen und fing an, ihr Heim gleichfalls zu schmücken. Sogar die Synagoge von Schilda mußte daran glauben, durch den Tanz um das Goldene Kal die Anbetung von Baal und Astarte und ande verbürgte Streiche der Väter verschönert : werden. Dem gelehrten Rabbiner, der sich zu d neuerungssüchtigen Jugend hielt, wurde die Neuerung zum willkommenen Anlaß, sein Refori werk zu krönen. Er befürwortete den Aufb; eines gotischen Glockenturmes auf das Dach d Gotteshauses. Die Alten bekämpften das Proje aufs Erbittertste. Die Jugend aber war begeiste Und die Jugend behielt recht, wie immer. D Rabbiner von Schilda erhielt seinen, Glockentur Die dazu gehörige Glocke stiftete der Banki B., das reichste Mitglied der Kehillo. Sie tri auf der Brustseite ein heraldisches Schild mit d hebräischen Aufschrift: „Scholaum“. Bei d Einweihung des Neubaues predigte der Rabbin über den Text: „Friede sei ihr erst Geläute“. E Scholaumglocke stiftete indessen statt Fried' nichts wie Händel. Die Alten nannten sie ein „echten Schildbürgerstreich“. Die Jungen erwide ten, dies sei das größte Lob für die Scholaur -glocke; jeder Schildbürger jüdische Glaubens habe die sittliche Vei pflichtung, sich der kompakten Mi jorität der Schildbürger nichtjüd sehen Glaubens in jeder Beziehun zu assimilieren. Gott mag wissen, wann und wie dieser Strt in der Gemeinde geendet hätte, wenn nicht d weise Parnes den Ausbruch des Bruderkrieg zwischen Schilda und Schoeppenstedt dazu b nutzt hätte, den Zankapfel zu beseitigen. A seinen Antrag machte die Gemeinde die Sch laumglocke dem Arsenal zum Geschenk mit d Auflage, daß auch die daraus herzustellende Ha bitze auf den Namen „Scholaum“ getauft werd< müsse. Dies geschah denn auch und die Scholaur haubitze hat in vielen rühmlichen Schlachten nie weniger vernehmlich für den Frieden gesproche wie andere Haubitzen. Als dann freilich e fauler Friede geschlossen werden mußte, b häuptete der Feldherr, der diesen zu verantwort* hatte, das Versagen der Scholaumhaubitze hal die ganze Niederlage verschuldet. Die Schilf bürger waren beschränkt genüg, diese Verdäc! tigung zu glauben. Sie verdammten die Sch« laumhaubitze zum Feuertod und machten aus d< jüdischen Kanone ein Denkmal für ihren anl semitischen General. Das Denkmal steht heu noch. Es hat sogar die Stürme der proletarische Revolution von 1918 überdauert. Auch d< Glockenturm auf der Synagoge zu Schilda stel noch. Die Glockenstube aber ist leer. Nur h und wieder nistet ein Taubenpaar darin. Rahels Weinen Von Selma Lagerlöf*). Aus dem Manuskript übertragen von Marie Franzo Mitten in der Mittagsstiille, während ich und ei paar andere Hausgenossen auf der Veranda säße und plauderten, hörten wir einen sonderbaren Lai die Luft durchschneiden. Er war sehr stark un wild, voll Angst, Schmerz und Raserei, und zi gleich so fremd und ungewohnt, daß wir einande im ersten Augenblick erstaunt ansahen, ohne z verstehen, was es war oder woher er kam. Hastig durchliefen unsere Gedanken alle Mös lichkeiten. Das konnte nicht der so seltsam un *) Geschrieben August 1914. (Aus dem noc unveröffentlichten Zyklus: „Stimmungen aus de Krilegsjahren.“)