Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 50 (16.12.1921)
- Date
- 1921-12-16
- Page
- Seite 649 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 Das Jüdische Echo 619 Reich m Mesopotamien. Wir wissen aber, daß Mesopotamien nicht geschaffen wurde, um ein Versprechen zu erfüllen, und nicht, um den Einwohnern des Landes ihr Recht zu geben, sondern einzig und allein zu britischen Gunsten. Die Haifaer Zeitung „Al-Nafiir“, welche bisher judenfreundlich war, ist antizionistisch geworden. Das Jerusalemer Blatt „Bet-el-Makdas“ berichtet nach einer Beiruter Zeitungsquelle, daß eine der angesehensten Familien von Dschenin, die bisher nationalistisch war, sich dem Zionismus zuzuneigen beginnt Einer ihrer Angehörigen ist mit Herrn Chavkin zu einem Einvernehmen gelangt, daß in Dschanin ein Zweigverein der moslemitischen (also nicht moslemitisch-ohristlichen, also antichristlichen) Vereinigungen geschaffen werde. „Bet-el-Makdas“ fügt hinzu, daß auch in Safed und in anderen Städten Palästinas derartige Vereinigungen in Bildung begriffen sind. (Jüd. Korr.) Jüdisches Ärbeiterfürsorgeamt Berlin Der Generalsekretär des Arbeiterfürsorgeamtes der jüdischen Organisationen Deutschlands, Herr Alfred Berger, wurde vom Leiter des Preußischen Medizinalwesens, Herrn Ministerialdirektor Professor Dr. Gottstein zu einer längeren Unterredung empfangen. Herr Ministerialdirektor Professor Dr. Gottstein nahm mit besonderem Interesse die Mitteilungen über die sanitäre Behandlung und Unterbringung der ostjüdischen Flüchtlinge, die durch die Stellen des Arbeiterfürsorgeamtes der jüdischen Organisationen Deutschlands, insbesondere in dem Flüchtlings-Asyl in der Wiesenstraße in Berlin untergebracht werden, entgegen. Demnächst wird das Preußische Wohlfahrtsministerium. dessen Referent Hr. Ministerialdirektor Professor Dr. Gottstein ist, die Wiesenstraße offiziell besichtigen. Micha Josef Berdyczewsky (Ben-Gorion) Von Hirsch Rudy Auch er ist nicht mehr in unseren Reihen! Er, der immer Suchende, ewig Leidende und niemals Zufriedene hat aufgehört zu wirken und zu leben. Viele schwere Schläge und Verluste hat die hebräische Literatur in der letzten stürmischen Zeit erhalten. Nun bringen die Zeitungen wieder die traurige Nachricht, daß auch Dr. Micha Joseph Berdyczewsky, oder wie er sich in der letzten Zeit nannte, „Ben-Gorion“, einer ihrer größten Schöpfer und tiefsten Denker dahingegangen ist. Schwer, ja unmöglich ist es, schon jetzt, da wir noch am frischen Grabe stehen, die Größe des Verlustes ganz zu erfassen, seine großen Verdienste richtig zu würdigen, den Reichtum seiner Ideen nachzuzeichnen, und die neuen Richtungen und Elemente aufzuzählen, mit denen er unsere Literatur bereichert hat! Geboren im Jahre 1865 in einem kleinen Städtchen Wolhyniens in einer streng orthodoxen Familie — sein Vater war Rabbiner — erhält er zuerst eiine streng-religiöse Erziehung und machte jene Etappen durch, die fast alle seine Zeitgenossen im damaligen Rußland, fast alle jüdischen Gelehrten und Schriftsteller jener Epoche durdhgemacht haben: Zuerst lernt er im Cheder, nachher im Bethhamidrasch und dann im der Jeschiwah. Schon in der frühesten Jugend wirds ihm eng und unerträglich in dieser Atmosphäre; viel hat er auch von seiner Stiefmutter zu leiden, aber auch von seinen Verwandten und Kollegen, bei welchen er wegen seiner freidenkerischen Anschauungen Anstoß erregt; er schildert dies in seinen ersten Erzählungen. Sein Wissensdurst wird stärker und stärker, unermüdlich arbeitet er an seiner Bildung; er wird Externist am Gymnasium, cL h. er studiert zuhause und macht die Prüfungen am Gymnasium — das war die Art des Studiums, zu der die Prozentnorm zwang — beschäftigt sich mit der russischen Literatur und gerät bald unter den Einfluß des berühmten russischen Kritikers und Nihilisten Pissarew, welcher seinerzeit auf die jüdische Jugend eine große Wirkung ausübte. Er wandert ins Ausland und zwar in die Schweiz und nach Deutschland und macht sein Doktorat der Philosophie. Ausgestattet mit einem reichen Wissen sowohl in rein-jüdischen als auch in allgemein-europäischen Gebieten, begabt mit einem scharfen kritischanalytischen Verstand und skeptisch-philosophischem Gefühl, fängt er zu schreiben an und zwar verschiedene Erzählungen, Romane, Novellen, publizistische und kritische Aufsätze. Groß und umfassend war seine Tätigkeit auf allen diesen Gebieten, frisch und neu klangen seine Losungen und Ideen, nicht immer richtig, nicht immer verstanden, aber stets aufwühlend und belebend. „Schinuj Haarachin,“ „Umwertung aller Werte“ des alten Judentums, Zerbrechen und Umschaffen alles dessen, was bis jetzt gegolten hat, war eine seiner Hauptlosungen, welche damals in der hebräischen Literatur etwras fremd und eigentümlich klang, obwohl diese selbst auch neue Wege, neue Ziele suchte. Berdyczewsky bevorzugt den Menschen vor dem Juden, das allgemein Menschliche vor dem Jüdisch-nationalen; er war ein Gegner des Achad Haamismus, jener Richtung, welche eine besondere Mission des Judentums predigte. Durchdrungen von den Ideen Nietzsches, ist er auch mit der Moral des Judentums unzufrieden und fordert eine freie „Herrenmoral“ im Gegensätze zur Sklavenmoral. Aber er vermag sich zu einer klaren Anschauung nicht durchzuringen. Als Anhänger von Nietzsche und des russischen Nihilismus, welcher alles bis jetzt Geschaffene zerbrechen und zerstören will, verläßt auch Berdyczewsky die alten Götter und zerstört die alten Altäre seiner Väter, aber er findet nicht den neuen Gott, kann keine neuen Altäre bauen und bleibt so am Wege stehen. „Al em haderech.“ Für die damalige Haskala-Epoche war das Verhältnis von Jude und Mensch ein unlösbares Problem. Auch Berdyczewsky vermag die Synthese von „Jude“ und „Mensch“ nicht zu finden. Er legt zimächst viel mehr Wert auf den Menschen; erst in seinen späteren Schriften erkennt er, daß Judentum und Menschentum zwei eng verschlungene, untrennbare Wesenheiten sind; daß man umsomehr Jude sei, je mehr man Mensch ist, und umgekehrt. Die Stimmungen und Probleme der jüdischen Jugend in den achtziger Jahren, die brennend gestellte Frage „Wohin?“, welche so klar und plastisch im Feierbergs Roman „L’an?“ (Wohin?) gestaltet sind, finden ihre Lösung durch Aehad-Haam und die „Bnein Mosche“ im geistigen Zionismus, welcher freilich damals noch in eine Wolke von Romantik und Sentimentalität eingehüllt war und kaum begonnen hatte, die feste Form einer politisch-nationalen Bewegung zu erhalten.