Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 50 (16.12.1921)
- Date
- 1921-12-16
- Page
- Seite 643 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 Das Jüdische Echo 643 mit den Wünschen und Empfindungen des leidenden Volkes, befand sich diese Vertretung hauptsächlich unter dem Bann des schweren Problemes, wie die politischen Errungenschaften in ein Instrument zur Erreichung des zionistischen Zieles um ge wandelt werden können. Das dominierende Problem, welches die Gemüter erfüllte und über den Verhandlungen in Karlsbad schwebte, war das Problem der Besiedlung Palästinas durch große Judenmassen. In diesem Sinne lastete auf allen Kongreßteilnehmern das Gefühl der Verantwortung und der Pflicht. Der XII. Zionistenkongreß hatte darum einen ganz besonderen Charakter, den Charakter ernstester Sachlichkeit; er war vom Streben getragen, die seelischen Erlebnisse selbst die stärksten, in den Hintergrund zu rücken und möglichst feste Grundlagen für bevorstehende Taten zu schaffen. Nach dem höchsten Wendepunkt in der bisherigen zionistischen Politik appellierte der erste Zionistenkongreß der neuesten Zeit weniger an die Phantasie als an das Pflichtgefühl. Es galt, nicht mehr in den Bildern der jüdischen Zukunft, wie sie vom Zionismus erstTebt und erhofft wird, zu schwelgen, sondern die Wege ausfindig zu machen, auf denen das Ziel zu erreichen sei. Der Kongreß war im höchsten Sinne des Wortes ein Geschäfts-Kongreß, ein Kongreß der Arbeit, des Wollens und des Denkens. Durch die Fülle von Arbeiten, welche zuvor in den bereits bestehenden Instanzen der Zionistischen Organisation und dann in den Kommissionen des Kongresses selbst geleistet wurden, entwickelte sich der Kongreß in seinen Beschlüssen zu zahlreichen Kernfragen als ein programmatischer, der den Zionisten die Marschroute vorschrieb und einen wesentlichen Teil der Fragen klärte, welche die zionistische Welt bewegen. Alle die eingehenden und instruktiven Dikussionen über die politischen, finanziellen, organisatorischen, kulturellen, nationalen Fragen des Zionismus, welche in den letzten zwei Jahren die zionistische und1 die allgemeine jüdische Welt auf das Lebhafteste beschäftigt hatten, enthielten in gewissem Sinne eine Revision des Zionismus, eine Revision selbst des ideellen Gehalts der Bewegung. Ungeachtet mancher Gegnerschaft ist im Einklang mit der überwältigenden Mehrheit der Anhänger des Zionismus aller Weltteile durch den Zionistenkongreß die grundlegende nationale Idee in ihrer vollen Stärke wiederum zum Ausdruck gekommen, in jener Stärke, in der sie während der ersten zionistischen Epoche im jüdischen Leben eine Umwertung aller Werte hervorgerufen hat. Gegenüber dieser ideellen und prinzipiellen Frage stand in seiner drohenden Größe jenes andere Problem, bis zu welchen quantitativen und qualitativen Leistungen die Einwanderung der Juden nach Palästina und der Umfang der Kolonisation erhöht werden kann. Werden die Zionisten imstande sein, in den nächsten Jahren hunderttausende von Juden nach Palästina zu bringen? Dies wäre ungtfähr die Parole, die der Kongreß ausgegeben hätte, wenn er die Empfindungen und Wünsche der Delegierten und der ungeheuren Schar von Anhängern des Zionismus, die nah und fern mit intensivstem Interesse den Verhandlungen folgten, formuliert hätte. Ohne direkt ausgesprochen zu werden, stand diese Forderung bei der Behandlung eines jeden Punktes der Tagesordnung gewissermaßen im Hintergründe. Aus allem resultiert die Verpflichtung für die Zionistische Organisation, die Mobilisierung des jüdischen Volkes, in erster Reihe aber der eigenen Scharen zur Durchführung einer großen Wanderung auszurufen. Im Bewußtsein, daß nur durch die Energie sämtlicher jüdischer Schichten, nur durch die mannigfaltigsten Mittel und Wege das historische Ziel zu erreichen sei, mahnten die Vertreter des Zionismus, welche in den meisten Ländern auch die gewählten Führer des auf allgemeiner Grundlage organisierten Judentums sind, das jüdische Volk, mit vereinigten Kräften an das Werk zu gehen. Bei dieser Rück- und Vorschau ergab sich die klare Erkenntnis, daß die Verantwortung in gleicher Weise auf sämtlichen Juden lastet. Wie der Erfolg dem ganzen jüdischen Volke zugute kommen wird, so würde der Mißerfolg nicht allein die Zionistische Organisation, sondern das gesamte Judentum treffen. Wir verkennen keineswegs die Schwierigkeiten, welche gerade in den letzten zwei Jahren für unsere Arbeiten in Palästina erwachsen sind. Es ist leider unseren Feinden gelungen, einen Teil der arabischen Bevölkerung gegen die zionistischen Absichten, d. h. gegen die Ansprüche des jüdischen Volkes auf Palästina aufzuhetzen, und das hat zu gewalttätigen Angriffen auf die schuldlosen jüdischen Siedlungen geführt. Obschon wir feststellen konnten, daß diese Ausbrüche künstlich hervorgerufen wurden, haben wir uns doch keinen Selbsttäuschungen hingegeben und die ganze Schwere des Problems und der moralischen Verantwortung erfaßt, welche wir als Juden und als Zionisten vor der Welt tragen. Auf dem Kongreß haben wir uns darum von neuem Rechenschaft über unsere Stellung zu dem arabischen Volk ge- ZeafmcauBL* rrcn-Mctten u./e/r/fteJ/ajyJcAneäfeee^ cTjerufcif/'rcrfXe