Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1921-12-16 · 50 (16.12.1921) · p. Seite 644

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
50 (16.12.1921)
Date
1921-12-16
Page
Seite 644 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/9072829-9103024-9216227--04517-9196118
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Jüdische Echo Nr. 50 644 geben. Wir haben vor der Welt und vor uns selber klar gemacht, daß unsere Niederlassung in unserem Lande keinen Angriff auf das arabische Volkstum bedeutet, sondern nur die Selbsterhaltung des jüdsiichen Volkes im edelsten Sinne, und daß andererseits schon die Anfänge der Besiedlung Palästinas durch Juden der arabischen Bevölkerung unschätzbare Dienste erwiesen haben. Trotz des frisch vergossenen Blutes, trotz der Gewalttaten, die von der arabischen Bevölkerung Palästinas an uns verübt wurden, haben wir deutlich erklärt, daß wir die Araber weder verdrängen, noch ihre Rechte beeinträchtigen wollen und daß wir aufrichtg bestrebt sind, zu einer Verständigung mit ihnen zu gelangen. Aber diese Verständigung muß zur Grundlage haben, daß das historische Anrecht der Juden auf Palästina und die daraus folgende Absicht zur Errichtung einer nationalen Heimstätte anerkannt wird. Sobald die Einflüsse sieh nicht mehr geltend machen werden, die heute zwischen uns und den Arabern Unfrieden zu stiften suchen und sobald innerhalb der Reihen unserer palästinensischen Nachbarn Beruhigung eingetreten ist, wird es sich zeigen, daß mit der kulturellen und wirtschaftlichen Erschließung Palästinas durch die Juden auch der Aufstieg seiner arabischen Bevölkerung verbunden ist, nicht nur weil dieser Aufstieg unser moralischer Wunsch ist. sondern vor allem, weil er eine unmittelbare Folge der wirtschaftlichen Entwicklung sein wird. Wir sind uns freilich darüber klar, daß es uns nur allmählich gelingen wird, die Araber von der Verkehrtheit ihrer heutigen gegen uns gerichteten Politik zu überzeugen. Darum hielten wir es für unsere Pflicht, kund zu tun,, daß uns nichts in der Verfolgung unseres Zieles wankend machen kann, daß wir in unserer palästinensischen Arbeit keinen Augenblick Halt machen, sondern alle jüdischen Energien zur Erreichung des zionistischen Zieles in Bewegung setzen werden. Auf die ungerechtfertigten Angriffe werden wir durch unsere Arbeit und durch würdige Abwehr erwidern. Die Zukunft wird lehren, daß der von uns erstrebte Wiederaufbau Palästinas nicht nur dem jüdischen Volke, sondern schließlich auch dem arabischen Volke Glück bringen wird. Als wichtigstes Instrument für die Durchführung der Besiedlung Palästinas wurde der vor einem Jahre auf der Londoner Konferenz gegründete Keren Hajessod vom zionistischen Parlament anerkannt und proklamiert. Damit eröffnet der Zionismus auch all den Juden, die infolge ihrer Erziehung oder infolge mißverständlicher Auffassungen des Zionismus sich noch nicht zu unserem Ideal durchgerungen haben, die Möglichkeit, ohne der Zionistischen Organisation sich anzugliedern, am Aufbau Palästinas zu arbeiten. Noch niemals ist an die materiellen Kräfte des jüdischen Volkes eine solche Aufgabe gestellt worden. Der Zionismus hat die Forderung der Schaffung eines so gewaltigen Fonds nur im Glauben an das jüdische Volk, an sein Verständnis für die Bedeutung unserer Epoche und an seine Opferfreudigkeit proklamieren dürfen. Von diesem aus der jüdischen Geschichte geschöpften Glauben getragen, hat der Kongreß die Losung ausgegeben, daß der Keren Hajessod die Leistung einer freiwilligen Steuer in bestimmter Höhe bedeute, zu der Zionisten wie Nichtzionisten verpflichtet seien. Dringender noch als in den ersten Tagen nach Basel, da der Zionismus unter unserem großen FühreT Herzl sich zu organisieren begann, ergeht heute unser Ruf an das jüdische Volk: Gedenket der Stunde, die Ihr jetzt durchlebt! Schließt Euch zusammen und tut alles, was Ihr vermögt, da solche Stunden in der Geschichte nicht wiederkehren! Die Völker haben durch internationale Vereinbarung eingewilligt, daß das jüdische Volk in Palästina sein nationales Heim erhalten soll: die Schaffung des Heimes ist jedoch einzig und allein Aufgabe des Volkes selbst. Wie weit sind wir aber von deir Erfüllung dieser Aufgabe! Noch wird erst der Grundstein des ganzen Gebäudes gelegt, welches unseren Leiden ein Ende bereiten und imsere schöpferische Kraft bis zur Erringung unserer einstigen Leistungsfähigkeit entwickeln soll. Im Hinblick auf dieses große Gebäude der jüdischen Zukunft tritt das Daseinsproblem des jüdischen Volkes maihnend und fordernd an das Pflichtbewußtsein ebenso der Zionisten wie der Nichtzionisten heran. Vor bald 25 Jahren, als wir die Parole der Wiederemeuerung Israels in die große Öffentlichkeit hinausriefen, da waren die stärksten Einwände unserer Gegner diejenigen, welche jetzt durch die politischen Tatsachen behoben wurden. Gegenüber der ersten Baseler Deklaration hieß es immer, daß die äußeren Hindernisse dem jüdischen Volke niemals gestatten würden, in Palästina ein Heim zu errichten. Nicht am jüdischen Volke, sondern an dem Mangel der politischen Vorbedingungen würde das Werk scheitern. Ja, die Organisierung des Zionismus selbst war damals eine Konsequenz dieser Zweifel, dieser Bedenken, dieser Hindernisse. Der Wille des Zionismus hat jene Skepsis und jene Zweifel zunichte gemacht. Nicht gelöst hingegen ist das zweite Problem, das scheinbar einfachere: die Gewinnung des jüdischen Volkes in seiner Gesamtheit. Jene vielen Zweifler aber, die ihre Reserviertheit durch äußere Hindernisse begründeten, haben damit für die veränderten Verhältnisse eine Ehrenpflicht auf sich genommen, und diese Ehrenpflicht der Aktivität ist noch nicht erfüllt. In den ersten Momenten nach den errungenen politischen Erfolgen des Zionismus wuchs die Zahl der Bekenner der Bewegung imd der Anhänger der Organisation mit einzigartiger Schnelligkeit auf das Vielfache an. Denen, welche seit Jahr und Tag den Zionismus gepredigt hatten, drückte das jüdische Volk ein außergewöhnliches Vertrauen aus. In ganz Osteuropa hob die überwältigende Majorität der jüdischen Millionenmassen die Vertreter des Zionismus empor und proklamierte sie zu Führern des jüdischen Lebens, der jüdischen Gemeinden, der jüdischen Vertretungen nach außen und nach innen. Der alles mitreißende Strom der Begeisterung erfaßte alle Kreise, von den obersten Spitzen des Wohlstandes bis zu den äußersten Schichten der Arbeit, in gleicher Weise das traditionelle wie das moderne Judentum. Allein schon nach kurzem ist die Skepsis wieder mächtig geworden. Denn durch alle Reihen der Zionisten und Nichtzionisten ergeht die berechtigte Frage: Was haben wir nun erreicht? Was können wir tun, um auf unserem Wege weiterzukommen? Wann wird der Fortschritt auf dem Wege zum Ziele sichtbar werden? So berechtigt diese Fragen sind, so kann die neue Leitung der Zionistischen Organisation die entmutigenden Konsequenzen nicht anerkennen, die häufig aus der Beantwortung solcher Fragen gezogen werden. Aus der gegenwärtigen Stimmung darf sich nur die eine Parole ergeben: Intensivierung aller Aktionen des Zionismus, Anspannung aller Kräfte, damit der Zustand, welcher solche Fragen und Stimmungen erzeugte, aus der Welt schwindet. Selber von dieser erklärlichen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.