Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 49 (9.12.1921)
- Date
- 1921-12-09
- Page
- Seite 628 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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628 Das Jüdische Echo Nr. 49 Gebrauch machen werden, ihren Einfluß und ihre Mittel in den Dienst der Palästinasache zu stellen. Das wird keine Änderung ihrer Stellung zum Zionismus bedeuten, zweifellos aber ein belebenden Auftakt der Arbeit an jener „inneren Mission“ sein, die man so lebhaft begrüßt hat. Jüdische Arbeit verjudet im besten Sinne, schlägt bei aller Wahrung gegenteiliger Auffassungen Brücken zwischen den jüdischen Gruppen, die wahrhaft jüdische Zukunft wollen, richtet freilich Mauern auf denen gegenüber, deren prinzipielle Assimilation auch nach Ansicht der besten Zentralvereinler, deren völlig unjüdische Einstellung in keiner ehrlich jüdischen Gruppe erträglich ist. Heute nimmt man im Zentralverein Rücksicht nach rechts und links und läßt sich sein Verhalten vielfach vom Verband nationaldeutscher Juden oder von der Wirkung auf die deutsche Öffentlichkeit diktieren. Man folge seinem jüdischen, vorurteilslosen Instinkt und mian wird gut dabei fahren. Der Keren Hajessod, der mehr ist als ein Sammelinstrument für Palästina, der Keren Hajessod, der keine zionistische Parteiisache sondern lebenswichtige Angelegenheit der Gesamtjudenheit ist, wird der große Prüfstein für den Stand der jüdischen Entwicklung in Deutschland werden. Die Hauptversammlung ließ infolge der bewußten Regie nicht erkennen wie stark sie sich im Zentralverein geltend macht. Wir glauben aber an ihre Kraft und rechnen auf die Zentralvereinler, die vielleicht Gegner des Zionismus aber gute Juden sind. Sozialpolitik für die Ostjuden in Deutschland Von Dr. Werner Senator Der nachstehende Aufsatz ist mit gütiger Erlaubnis des Jüdischen Verlags dem Dezemberheft der von Martin B u b e r herausgegebenen Monatsschrift „Der Jude“ entnommen. Wir stimmen dem um die Produktivierung der Ostjuden hochverdienten Verfassers vor allem in der Auffassung zu, daß die Durchführung jedes sozialpolitischen Programmes für die Ostjuden von der restlosen und tatkräftigen Unterstützung aller in Deutschland lebenden Juden abhängt. Die Fragen, mit denen der nachstehende Aufsatz sich zu beschäftigen hat, sind Fragen, die in ähnlicher oder gleicher Weise immer wieder im Leben des jüdischen Volkes an seinen verschiedenen Wohnplätzen, in den Ländern, wohin seine Wanderung es führt, auftauchen. Das Schicksal der Ostjuden in Deutschland ist typisch für das Schicksal all jener aus der Heimat Vertriebenen, die auf der Suche nach einem Land sind, das ihnen seine Tore öffnet und ihnen Existenzmöglichkeiten bietet. Wegen dieser typischen Bedeutung der zu untersuchenden Probleme wird sich, was auch schon aus dem anderen Grunde der Beschränkung notwendig ist, der nachstehende Aufsatz im wesentlichen nur mit den Ostjuden in Deutschland befassen können. Wo darüber hinausgegangen wird, sollen nur kurz die weiteren großen Probleme der jüdischen Wanderung angedeutet werden. i Zuvörderst muß darauf hinigewiesen werden, daß Sozialpolitik für die Ostjuden in Deutschland schon deshalb wesentlich andere Wege gehen muß als etwa die sonstige jüdische Sozialpolitik in Deutschland, weil es sich bei den Ostjuden in Deutschland zum großen Teil um Ausländer handelt. Die ganz unsystematische und geradezu mittelalterliche Ausländergesetzgebung in Deutschland macht den Ausländer in Deutschland fast völlig rechtlos. Bestimmungen, die diie besonderen Verhältnisse des Ausländers gänzlich außer Acht lassen, stehen der Beschaffung von Arbeit und Unterkunft vielfach entgegen. Ein Ausweisungsverfahren, das der Willkür unserer Beamten den weitesten Spielraum läßt, das erwiesenermaßen mit Denunziationen von Konkurrenten arbeitet, macht den Ausländer vogelfrei. Alle diese Bestimmungen werden in schematischer Weise auf die große Anzahl derjenigen Ostjuden, die durch die neuen politischen Verhältnisse im Osten staatenlos geworden sind, angewandt. Diese Verhältnisse führen dazu, daß eine Sozialpolitik für die Ostjuden in Deutschland mehr noch als jede andere Sozialpolitik sein muß. Eine Sozialpolitik für die Ostjuden in Deutschland kann darum nur betrieben werden mit dem Willen zu einer jüdischen Politik, im Bewußtsein der Notwendigkeit einer solchen jüdischen Politik, diie erst die Bedingungen für eine ostjüdische Sozialpolitik in Deutschland und die Möglichkeit der Wohlfahrtspflege für die Ostjuden in Deutschland schafft. Nur, wenn man klar und unbeirrt diesen Weg der Erkämpfung von Rechten für die Ostjuden ging, nur, wenn man entschlossen diese jüdische Politik verfolgte, wenn man Vorkämpfer wurde der Idee der Schaffung eines Zustandes, der die Rechtlosigkeit des Ausländers in Deutschland aufhebt, nur dann war es möglich, Sozialpolitik und Wohlfahrtspflege für die Ostjuden in Deutschland zu treiben. Weitgehende Unterschiede sind also hier von vornherein etwa beim Vergleich mit einer Sozialpolitik und Wohlfahrtspflege für die deutsche Judenhcit vorhanden. Aber auch die ostjüdische Masse selbst, das Objekt jener Sozialpolitik und Wohlfahrtspflege, unterscheidet sich wesentlich von der westjüdischen Bevölkerung. Bei den ostjüdischen Einwanderern handelt es sich zum großen Teil um fluktuierende, nicht seßhafte Massen und Menschen, anderer, nicht etwa niederer Kultur, als die westjüdische Bevölkerung im allgemeinen hat. Menschen, denen moderne europäische Begriffe der Hygiene fehlen, deren soziale Schichtung fast immer, deren religiöse Gerichtetheit wenigstens oft eine ganz andere ist, als die der deutschen Juden. Es handelt sich um eine zahlenmäßig sehr viel bedeutendere Masse, als für die Wohlfahrtspflege der deutschen Juden überhaupt in ^Betracht kommt. An dieser Stelle wird eine kurze Geschichte der neueren Ostjudeneinwanderung in Deutschland notwendig sein. Zum erstenmal sind geschlossene größere Ostjudenmassen während des Krieges nach Deutschland gekommen, und zwar waren das die zum größten Teil zwangsweise nach Deutschland deportierten jüdischen Arbeiter aus Polen, die auf Grund des sogenannten „Hindenburg-Programms“ zur Arbeit in der deutschen Kriegsindustrie nach Deutschland deportiert wurden. Späterhin nach Kriegsende, als die wirtschaftliche Lage in Polen sich ungeheuer verschlechterte, als die Pogrome ausbrachen, kamen weiterhin einige tausend Flüchtlinge über die Grenze. Endlich ergoß sich der Strom der Amerikawanderer, der im Jahre 1920 sehr stark war, durch Deutschland, sodaß hier eine gewisse Zeit lang eine Stauung der ost-