Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 47 (25.11.1921)
- Date
- 1921-11-25
- Page
- Seite 602 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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602 Das Jüdische Echo Nr. 47 Gesetzt den Fall — der nicht in den Bereich des Unmöglichen zu verweisen ist — es läge in Englands Interesse, uns Rechte eines herrschenden Volkes in Palästina zuzuerkennen; so dürften wir schon aus Klugheit von dieser Machtfülle keinen Gebrauch machen. Wir würden uns sonst — von allen anderen Konsequenzen auch abgesehen — unserer einzigen wahren Macht berauben: unseres historisch-moralischen Rechtes begeben; und nicht nur die Realmacht, sondern auch die Rechtsposition des arabischen Volkes würde gegen uns entscheiden. Und wahrlich, wir, die wir überall um Gerechtigkeit betteln, die wir in allen Exilländern Minoritätsreohte beanspruchen, können gewiß nicht verlangen, daß wir als Minorität Herrscherrechte ausüben. Jede Politik der starken Hand wäre für uns ein Unglück. Schon das äußere Symbol einer starken Hand wäre es; etwa ein Heer, das — im Unterschied zur Miliz — naturgemäß eine Provokation der Araber bedeuten würde. Und nicht dies allein: in einem späteren Entwicklungsstadium würde auch das jüdische Volk die Machtstellung seines Heeres am eigenen Leib — und erst recht an seiner Seele — schmerzlich empfinden und teuer bezahlen müssen. Selbst wenn das Schwert ungenützt in seiner Scheide bleiben könnte, selbst wenn es für die Abwehr unserer Feinde zu stumpf wäre; so wird es — auch nur als Symbol — scharf genug sein, um unsere stärkste moralische Position zu zerschlagen. Wir müssen auch die maskierte starke Hand, ihr geistiges Raffinement ablehnen: nämlich, die Assimilierung der Araber —■ an die viele Zionisten große Hoffnungen knüpfen. Auch wenn wir sie bewirken könnten, müßten wir sie als-ein Verbrechen verschmähen und von uns weisen. Wir dürfen sie unter keinem Deckmantel der Kulturträgerei erstreben. Nicht nur, daß wir uns jeder Art und Abart eines Zwanges und Nötigung enthalten müssen. Wir dürfen auch nicht den Eintritt einer sogenannten natürlichen Assimilation der Araber wünschen. Wünschen wir sie, verwirklichen wir eo ipso das Recht auf Erhaltung unseres Volkstums und mithin auch unser Recht auf Erez Jsrael; keine Assimilationslage ist so natürlich zwingend wie die unsrige; keine nationale Erhaltung ist so sehr Trotz und Auflehnung gegen die Wirklichkeit wie die unsrige. Die zionistische Erkenntnis und Forderung bestimmen unser Verhältnis nicht nur zur jüdischen Assimilation, sondern zur Assimilation schlechthin. Schmähen wir die jüdische Assimilation als Laster, als einen Akt der Ehrlosigkeit, werten wir sie als Unfreiheit und Entartung, beklagen wir in ihr den Verlust großer Werte, Werte der Individualität, der Volkspersönlichkeit; so muß dies auch von einer arabischen Assimilation gelten. Postulieren wir den Bestand und die Fortdauer unseres nationalen Seins als sittliche und kulturelle Aufgabe, so müssen wir ein sittliches und kulturelles, d. h. ein rein menschliches Interesse haben auch am Bestand und an der Fortdauer der arabischen Völker. Sonst ist unser Nationalismus engherziger und obendrein lächerlicher, weil ohnmächtiger Chauvinismus. Und man glaube nur nicht, diese Inkonsequenzen einer Politik wären bloß theoretische, logische Schönheitsfehler, die das alogische Leben der Praxis nicht tangieren, Nein, sie sind seelische Verlogenheiten, die sich früher oder später am Innersten des Volkslebens rächen, auch wenn sie äußerlich erfolgreich scheinen. Das Volk der Araber ist berechtigt zu fragen: Kommen wir als Freunde oder als Feinde in das Land, in den Orient; wollen wir mit ihm gemeinsam den Kampf um Befreiung kämpfen und das Land gemeinsam aufbauen, oder verschwören wir uns mit dem europäischen Imperialismus gegen den Orient; kommen wir als Bundesgenossen der Unterdrückten oder als Verbündete der Unterdrücker. Es kann nur zwei politische Einstellungen hinsichtlich der Ar ab erfrage geben. Entweder wir verbünden uns mit England und suchen, gestützt auf diese unsere Position, unser Verhältnis zu den Arabern zu bestimmen. Oder wir verbünden uns mit dem arabischen Volke und bestimmen von dieser Basis aus unsere Beziehungen zu den europäischen Mächten. Den ersten Weg ging unsere Politik bisher mit dem Erfolg der Pogrome in Jerusalem, Jaffa u. a. m. ‘Der zweite Weg ist, wollen wir hoffen, der nahen Zukunft Vorbehalten. Die Differenz zwischen beiden Wegrichtungen ist nicht taktischer Natur; sie ist grundsätzlich und programmatisch, sie ist von unabsehbarer Tragweite. Sie entscheidet über unsere künftige Stellung im Orient; entscheidet über die Form unserer Einreihung in die vorderasiatische Völkerfamilie. Sie entscheidet über unser Schicksal — denn die Araberfrage ist die Kardinalfrage des Zionismus: der eigentliche Schwerpunkt der Judenfrage. Und nur ein Bündnis mit dem arabischen Volke, an dessen Seite uns auch unsere Geschichte weist, ist die einzige Lösung dieser zwiefachen Frage. Ich sage mit Bedacht: Bündnis mit dem arabischen Volke. Auch die Araber sind geteilt, wie alle Völker. Die große Scheidung von Ausbeutern und Ausgebeuteten bestimmt auch ihre Volksstruktur. Wie unser Platz — national — an der Seite des unterdrückten Volkes ist gegen europäische Unterdrückung, so ist unser Ort — sozial — an der Seite der ausgebeuteten Fellachen gegen die ausbeutenden Effendis. Wir haben es so weit kommen lassem daß Effendis und Fellachen eine gemeinsame Front gegen uns bilden konnten. Es ist vielleicht der schwerste DAS HAUS KRiLI-UCKO THEATINERSTR. 16 TELEFON 27831—32 BIETET BESONDERE PREISVORTEILE IN: KLEIDERSTOFFEN - SAMT UND SEIDE DAMEN- UND JUNG MÄDCHEN-KONFEKTION TEPPICHEN-GARDINEN-DECKEN