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Das jüdische Echo · 1921-11-25 · 47 (25.11.1921) · p. Seite 601

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
47 (25.11.1921)
Date
1921-11-25
Page
Seite 601 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 47 Das Jüdische Echo 601 an die Macht des Rechts; ihr Glaube ist vielmehr der Glaube an Macht als solche, sie glaubt an all die Siege und Eroberungen des Imperialismus, an dessen Bestand und Dauer. Vorsichtiger ausgedrückt: sie handelt so, daß nur dieser Glaube und dieser Unglaube die Maxime ihrer Handlungen bilden können. Mehr: Diese zionistische Politik idealisiert, sublimiert die imperialistische Macht. Sie unterschiebt ihr Motive höchster Gerechtigkeit, traut ihr Edelsinn und Wohltaten zu, Mitleid mit einem gepeinigten Volke, Sorge um die Erhaltung Jsraels; und dünk sich klug. Sie leistet ihr somit wertvolle Dienste einer internationalen Weltreklame, ist ihr ehrlicher, weil betrogener Agent und macht sich mitschuldig an der Förderung der im Friedenszustande einzig möglichen Kriegswaffe: an der Förderung der Gerechtigkeitsheuchelei, der Irreleitung und Vergiftung der öffentlichen Meinung. Diese zionistische Politik hat einen unermeßlichen Respekt vor diplomatischem Deklarationen und nimmt das frivole Spiel eines Völkerbundes bluternst. Sie freut sich kindlich, wenn die Abbreviatur von Erez Jsrael an einer Ecke einer palästinensischen Postmarke — an dritter Stelle — mikroskopisch festgestellt werden kann; ist siegesjauchziend, wenn sie eine günstige Formel auf dem Papier vom Eroberer erhascht; ist zu Tode betrübt und wird nervös, wenn diese Formel ungünstiger als versprochen ausfällt: sie sieht ein diplomatisches Mißgeschick als Volksunglück an und ist der Verzweiflung nahe, grollt zuweilen der Macht, der sie noch gestern beinahe aufdringlich und würdelos zujubelte, und wagt in ihrer Naivität über Betrug zu klagen. Sie verlangt nach einer starken Hand in der diplomatischen Führung, von der sie mehr erwartet, als von einer Stärkung der Volkskraft und des Volkwillens. Sie verlangt nach einer starken Hand gegen die Araber, nach Schutz gegen die Beherrschten durch die Beherrscher. Diese zionistische Denkart fragt nicht nach der Rechtmäßigkeit unserer Ansprüche; nach den Grenzen der Rechtmäßigkeit. Sie würde es als eine volle Verwirklichung unserer Sehnsucht feiern und vor Glückseligkeit taumeln, wenn England gewillt wäre, das in Palästina abwesende jüdische Volk als das Volk von Palästina, als herrschende Nation anzuerkenmen; nur so, glaubt sie, könnten wir, gestützt auf englische und vielleicht auch auf eigene Bajonette, mit der Araberfrage in kürzester Zeit fertig werden. Und je unbescheidener sie in ihren Forderungen an fremde Erlöser ist, desto bescheidener in ihren Forderungen nach innen, in den Forderungen an die Erlösungskraft des jüdischen Volkes selbst. Es ist nicht Zufall, sondern Methode, wenn diese zionistische Politik eine Verständigung mit dem arabischen Volke nicht gesucht hat. Man darf darob gegen sie nicht den Vorwurf der Nachlässigkeit oder Unfähigkeit erheben. Ist sie doch in ein, politisches System eingebettet, das diesen Weg ungangbar macht. In ihrer Gesinnung konnte sie eine solche Lösung nicht einmal erstreben, geschweige denn erreichen. Auf welcher Grundlage sollte sie eine Verständigung mit den Arabern herbeiführen? Müßte sie nicht ihre Ansprüche mäßigen? Und müßte sie nicht die Partei der Unterdrückten gegen die Unterdrücker ergreifen? Dies widerspräche ja ihrer ganzen Gesinnung. * Und nun die andere Konzeption, die freilich noch nicht zum Vorschein kommen konnte und gleichsam unterirdisch nach Wirksamkeit ringt. Auch sie weiß mit politischen Gegebenheiten zu rechnen; sie ist nicht weltfremd. Auch sie kann Bündnisse mit Gewaltmächten — als zeitweilige Paktierung mit feindlichen Mächten — schließen, weil sie an den Bestand der Gewaltherrschaft nicht glaubt, weil sie deren Sturz erhofft und miterkämpfen will; sie läßt sich nicht in das politische System des Bundesgenossen einbeziehen. Auch ihr kann es nicht gleichgültig sein, wer der Eroberer Palästinas ist, in wessen Händen die Beute sich befindet; man braucht sich ja nur zu fragen, wie wäre es, wenn der deutsche Junker seine zarte Hand auf den Orient und auf Palästina gelegt hätte — man denke sich die verheerenden Folgen aus und nicht nur für den Zionismus. Sie verschließt sich auch nicht der Einsicht, daß unter allen imperialistischen Mächten das antisemitisch nicht verseuchte England in seiner bewundernswerten Unvoreingenommenheit und Weitsicht beinahe ein idealer Kontrahent für uns ist; die Balfourdeklaration oder die jüngste Debatte über den Zionismus im Unterhaus wären kaum in einem anderen imperialistischen Lande möglich, und sind in dieser Hinsicht ehrenvolle Dokumente einer großzügigen Sachlichkeit. Aber sie ist mißtrauisch gegen Geschenke des Imperialismus; sie bleibt stets auf der Hut. Sie wird durch keine Täuschung enttäuscht, durch keinen Betrug betrogen; sie ist darauf immer gefaßt. Sie erwartet von den Sendboten des europäischen Imperialismus in Palästina noch viel schlimmere Aufhetzungen und noch viel schlimmere Veranstaltungen von Judenpogromen — und ist glücklich, wenn sie enttäuscht ist. Sie jubelt daher nicht ob einer günstigen, winselt nicht und wird nicht nervös ob einer ungünstigen Vertragsformel. Sie sieht eben die Entscheidung nicht in diesem oder jenem Papierfetzen, sie hat weder den Glauben an die Aufrichtigkeit, noch den an die Dauer der illegitimen Mächte. Die Entscheidung sucht sie in den zwei Instanzen der legitimen und dauernden Mächte: in einem revolutionär vollwertigen Willen des jüdischen Volkes zur Freiheit, zur menschlichen und nationalen Erneuerung; und in einer aufrichtigen Verständigung mit dem arabischen Volke. Sie ist bescheidener in ihren rechtlichen Ansprüchen — aber unbescheidener in ihren moralischen Ansprüchen, in den Forderungen an sich selbst — und kann, der Gesinnung und der Willensrichtung nach, ohne Zwang eine Grundlage für diese Verständigung bilden. Und weil sie die wahre Entscheidung nicht in einer Verbindung mit den illegitimen Herrschern, sondern in einer Verbindung mit den legitimen Instanzen der Beherrschten erblickt, kann sie ihr Heil nicht von einer starken Hand erwarten. Sie kann keine Gewaltpolitik gutheißen, und sei sie noch so sehr zu unseren Gunsten; nicht nur, weil diese Politik unsittlich ist, sondern auch weil sie unklug ist, und je günstiger sie uns ist, desto schlimmer für unsere Zukunft. Hier gelangt diese politische Konzeption zur Klarheit ihrer Problemstellung und zur Prägnanz ihrer praktischen Folgerung. Sie besagt nicht nur, daß wir durch fremde Mächte keine Rechte in Palästina erwerben können. Sie besagt mehr: insofern wir diese Rechte durch Unterstützung einer Gewaltpolitik zu erobern trachten, verwirken wir sie. Stützen wir uns auf Macht, so anerkennen wir notwendigerweise die Machtstellung der Majorität; und wir haben unser Recht, das seelischer und moralischer Natur ist, eingebüßt.

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