Urwähler-Zeitung
- Journal
- Urwähler-Zeitung
- Volume
- 2 (1850)
- Issue
- 51 (1.3.1850)
- Date
- 1850-03-01
- Page
- Seite 202 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9160972-9162142-9162143--38-9160967- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
202 wehr haltbar wäre, selbst wenn unsere Regierung Neigung und Talent zu jenem System besäße. Daß das System unserer Regierung sich bis jetzt im Volke einigen Anhang zu verschaffen vermochte, rührt ein- Zig und allein daher, daß sie schwache Seelen bald mit den eingebildeten Schrecknissen eines demokratischen Staates, bald mit der Finsterniß eines absoluten rochen Reactionssystems ängstigte und in ihr Lager trieb. — Solche Mittel von außen her halten aber nur allzukurze Zeit vor und verlieren ihre Wirkung gerade dort, wo die Zustände scheinbar gesichert werden. — Cs ist daher unleugbare Wahrheit, daß der gegenwärtige Staatszustand mir ein vorübergehender ist. Bedenken wir nun, daß die Waage -es Geschickes in Europa überhaupt noch schwankt, und es allem Geist Her Geschichte Hohn sprechen hieße, wenn man am endlichen Siege des Volkes zweifeln sollte, wo selbst von Gegnern die Rückkehr zum absolulen System als unmöglich bezeichnet wird, so muß Jedermann von der Ueberzeugung durchdrungen sein, daß in nicht gar langer Zeit ein zweiter Sieg des Volkes auch bei uns mutteren muß. Ist das aber der Fall, so wird der Segen des Sieges, der geordnete Zustand eines Volksstaates nur hervorgehen, wenn die Volkspartei nur so weit den Sieg benutzt als fke vorbereitet ist Es ist das nächste Ziel der Bewegung ein für alle Mal den Volksstaat aufzurichten, zu welchem wir die Lehren des Jahres r848 empfangen haben. Hierzu hat die Geschichte uns genügend vorbereitet und gut mit Material ausgestattet. Wir haben ein Wahlgesetz, das vom 6. April. Wir haben eine Verfassung, die der Commis- Hon der Nationalversammlung. Wir haben ein Geschworenen Gerichts Gesetz von Kirchmann. Wir haben eine Gemeinde-Ordnung der demokratischsten Art von d'Ester und Genoffen. Wir haben ein Bürgerwehr Gesetz, das einer künftigen Verbesserung fähig ist. Wir haben ein Gesetz zum Schutz der persönlichen Freiheit Wir haben Entwürfe für die wichtigsten Gesetze, die noch fehlen. Alles Arbeiten der ersten wirklichen Volksvertretung. Wir haben eine geschlossene feste Partei, Die für all dies wie ein Mann dasteht. Wir haben endlich Führer der Partei, die für ihre Ideen gestritten und gelitten haben und die das unbedingte Vertrauen des Volkes verdienen. Ilnd das ist mehr als Alles So ausgerüstet können wir die Zukunft erwarten. — Sie ist unser. Lassen wir uns aber schon wieder auf neue Ideen ein, die wir nicht erlernt haben, wo wir kaum der Schule des Jahres 1848 entwachsen sind; fangen wir an mit Ideen zu spielen, die mindestens gesagt, noch kein Mensch ausgeführt gesehen Hatz gehen wir auf Träume von socralistischen Republiken, von systematischer Auslosung des Staates, auf Panarcyie oder Anarchie und dergleichen Dinge ein, die möglicherweise am Ende der Tage noch alle kommen können, von denen aber nicht der aller allerkleinste Theil des Volkes einen Begriff hat, liebäugeln wir mit den Tauben auf dem Dache, wo wir noch den Sperrling in der Hand nicht haben, — so haben wir die Lehre der Märzrevolution und ihre Folgezeit vergebens empfangen. Jener unbekannte Segen der allerneuesten Demokratie würde uns eben so überraschen, wie uns der Segen der Demokratie im März überrascht hat; und ehe wir von dem großartigen Wirrwarr des ungekannten Glückes uns erholt haben würden, würde ihm ein neuer November folgen wie im Jahre 1848 der November auf den März folgte. Neueste Nachrichten. Berti», den 28. Februar. — Das Correspondenz-iBüreau berichtet: Ueber die Schweizer Angelegenheit tauchen immer von Neuem Gerüchte auf, welche das Vorrücken der preußischen Armee gegen die Schweiz aus den 6. Marz festsetzen. Im Widerspruch mit jenen Gerüchten wird uns folgende Mittheilung von glaubhafter Sette. Die Schweizer Angelegenheit ist keineswegs so reif, als sie von vielen Seiten geschildert wird. Einerseits hofft die preuß. Regierung noch auf eine Verständigung, die sich mit ihrem Ansehn und ihrer Würde verträgt, andererseits aber herrschen auch in dieser Beziehung zwischen dem diesseitigen und dem Wiener Cabinet wesentliche Meinungsverschiedenheit^ vor. Daß die Abweichungen in der deutschen Frage zwischen Berlin und Wien sich auch bei dieser Gelegenheit geltend machen, versteht sich von selbst. Die französische Regierung führt übrigens in dieser Frage eine ziemlich entschlossene Sprache, die, wie es scheint, sich an die Politik Lord Palmerstons anlehut. Man sieht daraus: die Fragen vereinfachen sich immer mehr und Alles läuft am Ende darauf zurück. — Rückkehr zur heilige» Allianz oder nicht? — Aus verschiedenen kleinen Artikeln der Neuen Preuß. Zeitung, die aus einer Feder fließen sollen, der früher manche preuß. Note entsprungen ist. werden Sie entnehmen, daß man von gewisser Seite auf das Energischste aus die heilige Allianz lossteuert. Daß diese Partei ihre Politik auch an sehr hoher Stelle geltend macht, können Sie denken; — wenn fie aber — und dies geschieht auch von anderer Sette — Se. Königl. Hoheit den Prinzen von Preußen gleichsam als Schutzpatron dieser Politik hinstellt, so ist dies ein eben nicht loyales Manöver. Der Prinz ist allerdings einem Conflckte mit Oesterreich nicht hold, — aber es liegt nichts weniger in dem Charakter des Prinzen als ein Nachgeben in einer Politik, für die Preußen mit seinem Ansehn etngetreten ist. Tinen entschiedenen Willen hat keine Partei dem Prinzen abgesprochen und dieser offenbart sich auch hier. Die pietistische Partei der Kceuzzeitung hat gewiß keinen Grund, auf Se. Königl. Hoheit z« zählen. 81sc^- u : >! .