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Urwähler-Zeitung · 1949-12-05 · 206 (5.12.1949) · p. Seite 834

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Journal
Urwähler-Zeitung
Volume
1 (1849)
Issue
206 (5.12.1949)
Date
1949-12-05
Page
Seite 834 (sequence 3)
Language
German
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eine kurze Anrede, in welcher er die tiefe Theilnrhme schilderte, Welche das Volk an seinem Geschicke gehabt, weil eS darin sein eigenes Geschick gesehen. Waldeck erwiederte in der ihm eigenthnmlichen bes^eidcnen Weise, er nahm diese Ehrenbezeugung mit freudig bewegtem Herzen an, weil sie der Sache gelte. Er habe erst wenig für das Volk thun können, denn die Arbeiten der Nationalversammlung und der zweiten Kammer seien ja ohne Resultate geblieben, das Volk könne daher nur seinen guten Willen ehren. Diesen werde er aber in gleichem Maße wie bisher bewähren so lange eS ihm möglich sei, in Preußen zu bleiben. Nichts habe ihn in seinem Gefängnisse so hoch erfreut, fügte er hinzu, als die Kraft, welche die Berliner Volkspartei in der Zeit der Bedrängniß und unwürdigen Verfolgung gezeigt; sie habe ihm bewiesen, daß die Entwicklung der Freiheit nicht gehemmt werden würde. All' die Scheußlichkeiten, Welche in diesem Jahre begangen worden sind, werden sich an ihren Urhebern rächen und das Blut, das vergossen worden, Wird nicht umsonst geflossen sein. Die Völker'werden sich ihre Freiheit zn sichern wissen, wenn sie sich erst ein festes, gediegenes Bewußtsein verschafft haben. Dazu, deutele er an, werde auch der Pcozeß dienen, den er jetzt durch gemacht. Er werde eine wichtige Schule für das Volk bilden, indem er diesem zeige, daß man nicht ungestraft mit den Formen des Rechtes spielen dürfe. — Waldeck steht sehr angegriffen aus. Sein Haar ist fast ganz erblichen und die tiefen Furchen seines Gesichts sind noch tiefer geworden. Er hat sich aber seine geistige Frische vollständig erhalten und das Volk darf erwarten, daß er mit gleicher Kraft wie bisher für dasselbe kämpfen wird. — Das Geschenk, welches Waldeck dargebracht worden, besteht in einem silbernen Kranze von Lorbeer und Eichenblättern in natürlicher Größe, der an einem Eichenstamm aufgehängt ist; daneben liest mgn auf einer Votivtafel die Worte: „Waldeck dem Manne des Volkes die Berliner Volkspartei". — Der Eichenstamm ruht auf einem silbernen Postament, zu dessen Seiten zwei Genien Waldecks Bild tragen. An den Seiten liest man die Tage, an welchen Waldeck seine vorzüglichsten Reden in r National Versammlung und 2ten Kammer gehalten hat. — -r Künstler, welcher daS Werk gefertigt hat, heißt Wolf. Die Arbeit des Kunstwerks wird allgemein gerühmt, namentlich ist der Kranz von musterhafter Schönheit. — DaS Werk soll zunächst gezeichnet und sodann zur Besichtigung der Mitglieder der Volköpartei ausgestellt werden. — Der Ueberschuß, welchen die für dieses Geschenk angestellte Sammlung gewährt hat und der geg n 400 Thlr. beträgt, wird nach WaldeckS Willen verwandt werden. _ D. Z. PoLizeiwirthschaft. — Noch erfüllt von dem erhebenden Gefühle, welches die eben mitgetheilten Sceneu in uns Hervorrufen, ist eS unsere traurige Pflicht Thatsachen zu berichten, die leider das einzig Gute an sich haben, daß sie die Maaßregeln des PolizeistaateS auffallend genug in das rechte Licht setzen, um die sittliche Erhebung der demokratischen Partei in ihrer Wahrheit erscheinen zu lassen. Es ist das Nachspiel dieses Prozesses wie der Prozeß selber: dort: Ohm und Waldeck, hier: Polizei- Brutalitäten und Volksjubel. — Die im Verlauf deS gestrigen Vormittags während der Schlußverhandlung des Waldeck'schen Prozesses sich von früh 8 Uhr an auf dem Molkenmarkte eingefundene Menschenmenge, welche durch Constabler-AtroupementS in immerwährender Bewegung gehalten wurde, wuchs gegen Mittig hin zu einer unabsehbaren Masse an. Die Constabler hatten alle Hände voll zu thun. Mit gespanntem Daum zogen sie auf die Masse loS, und wo ihr Blick auf eine ins Stocken gekommene Masse fiel, da mußte mindestens eine Verhaftung Zeugniß ihrer kühnen Griffe geben. Alle Verhaftungen hielten sich indeß noch SSL in den Schranke» der Menschlichkeit. Nur eine Scene führte uns die Haftnahme einer Frauensperson vor Angen, die den» doch der öffentlichen Rüge nicht entzogen werden darf. Gedachte Frau, von deren persönlichen Verhältnissen wir erfahren, daß sie die Frau eines ArbeitSmanneS sei und ein kaum 7 Monate altes Kind zu säugen have, kam mit einem Korbe Grünkram am Arm ruhigen Schrittes über den Molkenmarkt und wurde hier, ohne irgend eine Veranlassung das Opfer einer brutale» Behandlung. Zwei Schutzmänner legten Hand an sie, und ohne auf ihre Vorstellungen zu achten, — Die sie wo möglich als Widersetzlichkeiten betrachteten — schleppte man sie, auf der Erde sorlschleifend, ins Polizei-Gefangniß. Ob und welche nachtheilige Folgen diese Mißhandlungen für die Frau haben werden, läßt sich nicht bestimmen; jedenfalls aber wird der Ehemann der Gemißhandelten die Sache bei Gericht anhängig machen, von deren Resultat wir seiner Zeit Mittheilung zu machen, nicht unterlassen werde«. — Die Schandthaten des gottbegnadigten Polizeiwesenseien hiermit vor den Rrchterstuhl der öffentlichen Meinung gezogen, die sich gestern Abend zugetrageu haben. Gestern Abend zwische« 7—8 Uhr, wo in der Frankfurter-, Waffmann-, Weber-, Mehnertstraße rc. alles vom Keller bis zur Dachwohnung illuminirt war. kam vor daS Haus, Waffmannstraße 12. ein Trupp Constabler. schlug die Fenster der Gaststube ein, weil am Fenster mehrere Tische wie immer, stehen, worauf acht Lichter brannten und an welchem die Gäste Abendbrod aßen, so daß einer der Gäste einen Stich durch die Backe erhielt. Gleichzeitig drangen sie in daS HauS ein, ihnen folgte eine Abteilung Grenadiere, die Constabler drangen durch den gewöhnlichen Eingang in die Stube mit gezogenem Säbel, forderten den Gastwirth Hegel auf, sofort die Laden zuzuschließen und arretirten ihn Während dessen hatten die Grenadiere die andere Thür gänzlich demolirt, die Constabler riefen ihnen entgegen, meine Herren, wir sind hier. M>t wilder Wuth stürzten die Constabler auf ruhig Vorübergehende, die aus dem Münch'schen Lokale, wo der neunte Bolksverein eben Sitzung gehalten hatte, in welchem die größte Mäßigung, von allen Rednern empfohlen war. wenn sie nur irgendwie quer über die Straße gingen. — Der Viktualienhändler Schmidt in der Wafsmannstraße ist ebenfalls arrelirt worden und seine Gäste, nachdem sie aus dem Lokale geworfen, mit den niederträchtigsten Brutalitäten behandelt, und der Webergeselle Berendt soll sogar schwer verwundet darniederliegen. Die Soldaten in Trupps marschirten durch die Straßen, durch Consiablertrupp verstärkt und riefen im Commandoton: löscht die Lichter aus! Der Möbelpolier und Bürger Engel ging ruhig seines Wegeauf dem Bürgersteige, da packten denselben Constabler inS Genick, warfen ihn zu Boden, schleppten ihn in daS Militärkommando, die Soldaten stießen und mißhandelten ihn auf die grausamire Weise, schlugen ihn auf dem Wege zur Wache mit dem Kolben in den Kopf und die Serien mit den Worten: DaS ist auch ei» Waldeck'scher Spitzbube; derselbe hat viele Wunden noch jetzt- Der Kaufmann, Stadtverordneter Lange in der Gr. Frankfurterstraße fand ebenfalls Thüren und Fenster von Militär und Constabler« demolirt. Des Bezirksvorsteher Bess.rö Tochter, die ruhig im Laden stand, wurde Von Grenadieren mißhandelt. — Der demokratischen Zeitung entnehmen wir noch Folgendes: Die Dessauer-Straße wurde von beiden Seiten de- Waldeck'schen Hauses durch Schutzmänner abgesperrt, und jeder, der vor den Nachbarhäusern stand, gezwungen, in dieselben hineinzntreten. Einige junge Leute, welche in dem Hause Nr. l. (neben dem Waldeck's) wohnten, weigerten sich, dies zu thun, weil sie sich für berechtigt hielten, in der Thür ihres Hausezu stehen. Darauf wurden sie mit Gewalt Hineingetrieben, und bis in die Werkstatt der Schriftgießerei de- Hrn. Schoppe

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