Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 20 (1933)
- Issue
- 9 (3.3.1933)
- Date
- 1933-03-03
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103090-9187273--12711-9084780- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
66 Das Jüdische Echo Nr. 9 Form des Auftretens kann der Jude seinen Platz in dieser Welt nicht mehr finden. Die Welt hat genug von dem „getarnten“ Judentum, das sie fürchtet, weil es proteusähnlich in zahlreichen Verwandlungen auf tritt und sich zum Sachwalter von Richtungen und Bewegungen der nichtiüdischen Welt macht, die es zwar geistig beherrscht, die es aber legitimerweise niemals repräsentieren kann. Und wir Juden können es nicht ertragen, daß. wir dauernd für Elemente verantwortlich gemacht werden, mit denen wir nichts zu tun haben, denen Judentum kein . Wert ist, die erst im Falle eines Konfliktes von der nichtiüdischen Öffentlichkeit gleichsam zu Juden ernannt werden. Wir sind es müde, unsere Solidarität nur im Schlechten zu bewähren; wir brauchen sie heute in einem neuen, in dem uralten positiven Sinne. Wenn das jüdische Volk unserer Tage an den Ablauf seiner Geschichte denkt, von den Tagen der Vorzeit bis auf diesen Tag, so kann es sehen, daß von Geschlecht zu Geschlecht Feinde aufstanden, um es zu vernichten. Aber was auch den Juden zustieß, wie sehr man sie erniedrigte, quälte und mit Gewalt von der Erde zu vertilgen versuchte, sie behielten die Kraft zu einem stolzen und freien Leben inmitten aller Verknechtung. Was wir heute erleben und was uns bedroht, ist sicherlich nicht schlimmer als das. was das jüdische Volk in früheren Zeiten durchgemacht hat. Nur einen Unterschied gibt es: Die Juden sind anders geworden. Jene Juden haben niemals ihre Hilfe mit irgendwelchen Welt- und Zeitströmungen verbunden, sie hatten ihre eigenen Erinnerungen und behielten deshalb auch die nur ihnen eigentümlichen - Hoffnungen als unverlierbaren Schatz. Die Folgerung liegt nahe: Die Juden unserer Tage müssen wieder wissen, wie es um sie bestellt ist und aus diesem Wissen muß ihnen die Kraft nicht nur zum Ertragen von Schicksalsschlägen, vielmehr zum Aufbau des eigenen Lebens kommen. ln demselben Jahr, in dem der Haß gegen uns immer furchtbarere Formen annimmt, zeigte sieii Erez Israel in neuer, ungekannter Pracht und Schönheit. Wir alle nehmen teil an dieser Erneuerung jüdischen Lebens in unserem Lande. Nicht nur als Betrachtende, sondern als unmittelbar Beteiligte. Wer Zionist ist, in dessen Seele lebt ein von keinem Feinde zu zerstörendes Gut; er sieht vor sich die Zukunft seines Volkes; er weiß, warum er Jude ist und während andere ihn bedrohen, gestaltet er für Kinder und Enkel das neue Leben, in dem es für alle Menschen, auch für die Nichtjuden, die Freiheit der Entwicklung ihrer Art geben wird. Niemand weiß, was die nächste Zukunft bringen wird. Aber in jedem Fall werden wir mehr noch als bisher von Gewalten abhängig sein, deren Art und Wesen wir nicht zu beeinflussen vermögen. YVir werden alles tun, um uns in dieser Weit zu behaupten, wir kämpfen um unsere Gleichberechtigung und wehren uns gegen alle Beeinträchtigungen, die unter dem Deckmantel des nationalen Interesses vielfach als brutaler Konkurrenzkampf erfolgen. Mit den Mitteln der sogenannten Aufklärung, mit den Methoden eines abgelebten Abwehrkampfes, der nichts von dem hat verhindern können, was seit Jahrzehnten in immer stärkerem Maße eingetreten ist, kann .nichts ausgerichtet werden. Was wir hier tun, tun wir mit offenem Visier. Als deutsche Bürger, die sich ihrer jüdischen Eigenart voll bewußt sind, die als Juden ihre Gegenwart und Zukunft gestalten wollen, treten wir in diese Welt mit unseren Forderungen ein. Aber nur der wird die Möglichkeit für sein jüdisches Leben auch in den Ländern der Galuth finden. der sich gemeinsam mit allen Teilen des jüdischen Volkes dazu vorbereitet, die große Entscheidung in der Judenfrage herbeizuführen. Das beste, was wir den Juden zu geben vermögen, ist die zionistische Idee, die das jüdische Volk zu aufbauender 'Fat befähigt hat. Unsere oberste Pflicht und unser schönstes Recht ist die Werbung für den Zionismus. Die Zionistische Organisation ruft heute alle Juden auf zu sinnvoller Vereinigung für die eine Aufgabe, von deren Verwirklichung Zukunft und Glück des jüdischen Volkes und des Judentums abhängt. Sterbendes Judentum — Lebendes Judentum Das Matrikenamt der Wiener Judengememde hat folgenden Bericht über die jüdische Bevölkerungsbewegung in Wien im Jahre 1932 herausgegeben (die Vergleichsziffern des Jahres 1931 sind in Klammern beigefügt): Im Jahre 1932 hat die Zahl der Geburten 976 (1064), die Zahl der Eintritte in das Judentum, beziehungsweise Rücktritte 290 (296) betragen. Aus dem Judentum sind 805 (749) Personen ausgetreten. An Sterbefällen haben sich 2641 (2735) ereignet, so daß per Saldo ein natürlicher Abgang von 2180 (2124) resultiert. Von den 2641 Todesfällen entfallen 1390 (1344) auf männliche und 1251 (1276) auf weibliche Personen, hierunter waren 30 Totgeburten. Als Todesursachen erscheinen in 574 (545) Fällen Erkrankungen des Herzens; in 396 (483) Fällen Erkrankungen des Blutes und seiner Bahnen; in 405 (385) Fällen krebsartige Erkrankungen; in 330 (349) Fällen Erkrankungen der Atmungsorgane; Tuberkulose ist in 133 (164) Fällen die Todesursache. Im Jahre 1932 haben 137 (114) Personen, davon 71 (60) männliche und 66 (54) weibliche Personen durch Selbstmord geendet. Dem Alter nach sind die meisten Todesfälle, und zwar 661 (583) zwischen dem 70. und 80. Lebensjahre, 375 (432) zwischen dem 65. und 70., 307 (351) zwischen dem 60. und 65. Lebensjahre zu verzeichnen; von 265 (266) im Alter von über 80 Jahren Verstorbenen waren 111 (105) männlichen und 154 (161) weiblichen Geschlechtes, zwischen dem 90. und 100. Jahre verstarben 16 Personen. Unter den 976 (1064) Geburten des Jahres 1932 hat die Zahl der männlichen 510 (544) und die der weiblichen 466 (520) betragen. Gegenüber den 1065 (1144) im Jahre 1932 im Wirkungsbereiche der Kultusgemeinde Wien vorgenommenen Trauungen verzeichnet die Statistik 314 (320) in diesem Jahre vor dem Rabbinate vollzogene rituelle Ehetrennungen. Von diesen sind 188 (85) im ersten bis zehnten Jahre der Ehe erfolgt; 4 (3) nach mehr als dreißigjähriger Ehe. Von den 805 (749) im Jahre 1932 aus dem Judentum Ausgetretenen waren 400 (362) männlichen und 405 (387) weiblichen Geschlechtes, 441 (467) waren ledigen Standes. Die Höchstzahl der Austritte verzeichnet die Altersgruppe zwischen dem 30. und 40. Lebensjahre mit 213 (191). Unter den 290 (296) im Jahre 1932 ins Judentum eingetretenen Personen haben 139 (143) bereits früher dem Judentum angehört; von den Eingetretenen, beziehungsweise Rückgetretenen waren 96 (99) männlichen und 194 (192) weiblichen Geschlechtes.