Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 20 (1933)
- Issue
- 9 (3.3.1933)
- Date
- 1933-03-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Erscheinunzszeit: Jeden Freltac. Bezug : Durch die Postanstalten oder den Verlas:, — Bczusrsoreif Jährlich: RM. 8.—. halbjährlich: RM. 4.—. vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 20Rpf. I Verlas:, Amlleferung des ,,Jüdischen Echos“: München. Plinganserstraße Nr. 64. I N H Ä L T : Vor den Wahlen — Sterbendes Judentum, Lebendes Judentum — Aus der jüdischen Weit — Feuilleton — Gemeinden- und Vereins-Echo Anzeigen: Die vlergespaltene Millimeter-Zeile 20 Rof. / Famlllen- Anzeieen Ermäßigung / AnzeIgeo- Annahme: Verlag des J I d Ischen Echos. München. Plinganserstraße 64 / Telephon 73664/65 Postscheck - Konto: München 2987 Nr. 9 München, 3. März 1933 20. Jahrgang Vor den Wahlen Die Zionistische Haltung Von Kurt ß 1 u m e n f e 1 d Die Judenlieit Deutschlands ist heute schwer bedroht. Eine von Judenhaß erfüllte Bewegung ist zur stärksten Macht in Deutschland geworden. Das Programm des Nationalsozialismus ist bekannt. So ungewiß es ist, ob dieses Programm in allen Teilen durchgeführt wird oder überhaupt durchführbar ist, so sehr müssen wir Juden damit rechnen, daß aus der Tatsache der antisemitischen Grundhaltung der nationalsozialistischen Bewegung Konsequenzen gezogen werden können, die uns auf allen Gebieten des Lebens schwer treffen. Unsere Ehre wird täglich angegriffen und in der Welt des deutschen Nationalismus gibt es Niemanden, der die Verächtlichmachung der jüdischen Gemeinschaft als einen notwendigen Bestandteil im Kampf um die nationale Erneuerung ablehnt. Die deutschen Juden sind großenteils nicht in der Lage, die neue Wirklichkeit des deutschen Lebens richtig einzuschätzen. Allzu lange haben sie von dem historischen Prozeß der Eingliederung der Juden in den Staat die volle Lösung der Judenfrage erwartet. Was seit den Tagen der Emanzipation als politische Erkenntnis sich in den Köpfen der deutschen Juden festgesetzt hat, soll, so möchten sie, noch heute als Richtschnur für das politische Verhalten der Juden dienen. Der Jude muß aber den einfachen Tatbestand zur Kenntnis nehmen, daß die liberale Aera (wie in manchen anderen Dingen) in der Judenfrage zu rationalistisch, zu mechanistisch gedacht hat: sie hat das Wesen und die Tiefe der Judenfrage verkannt, und die immer weitere Kreise erfassende antisemitische Bewegung ist in ihren irrationalen Quellen von uns Zionisten seit Jahrzehnten richtig beurteilt worden. Da in der Zeit bis zum Kriege und auch noch in einigen Nachkriegsjahren die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Stellung der Juden eine erhebliche Verbesserung erfuhr, nimmt es nicht wunder, daß viele Juden die Idee der vergangenen Zeit in ihren Gedanken und in ihrer jüdischen Stellungnahme zum Staat und zum öffenD liehen Leben festzuhalten versuchen. Es ist nicht einfach, die Erkenntnis von der Wahrheit des Volkstums aufzunehmen, nachdem man bisher gewohnt war, die zionistische Bewegung, die im Gegensatz zum jüdischen Liberalismus entstanden war, als den Störenfried zu empfinden, der angeblich die Juden in der richtigen Eingliederung in die Umwelt zu verhindern versuchte. Jeder vorurteilslose Jude müßte heute zugeben, daß der Zionismus nicht der Willkür einer Schar von weltfremden Fanatikern seine Entstehung verdankte, sondern daß er die notwendige Vorbereitung der jüdischen Gesamtheit auf eine völlig veränderte Weltsituation war. Als der Zionismus von der Sonderart des jüdischen Wesens zu sprechen begann, erfand er nichts Neues; er verkündete vielmehr eine offenbare Realität. Wir wußten, daß mit den geschickten Definitionen von Juden und Judentum nichts gewonnen war; auch ein noch so limitiertes Judentum, das sich eben so sehr vom jüdischen Volk wie von den Inhalten der jüdischen Religion abzuschneiden versuchte, reichte nicht aus, um die gewünschte politische Wirkung in der nichtjüdischen Welt hervorzubringen. Obwohl der Jude im allgemeinen äußerlich und innerlich auf seine Sonderheit in höherem Maße festgelegt ist, als vielen Juden lieb war, ging man doch den Weg der Eingliederung in gewisse politische Parteien, denen man sich als Parteigenosse und nicht als Jude anschloß. Das Ergebnis lag schon vor dem letzten Regierungswechsel, ja in Wahrheit schon vor vielen Jahren klar zutage. Die liberalen Parteien haben zu existieren aufgehört. In der Sozialdemokratie wird kaum mehr ein Jude heute als Repräsentant der Partei in führender Stellung herausgestellt, und die jüdischen Mitglieder haben sicherlich in letzter Zeit oftmals die Problematik ihrer Mitgliedschaft in der Partei empfunden. Als Juden sich dem Zentrum anschlossen, verließen sie in Wahrheit schon die vertraute Linie des Einsseinwollens mit der Partei, der sie ihre Interessen anvertrauten. Bedarf es einer weiteren Darlegung für die Erhärtung der Behauptung, daß die Politik der restlosen Eingliederung in das politische Leben der Umwelt sich als unmöglich herausgestellt hat? Diejenigen Teile der jüdischen Jugend, die heute im Anschluß an die kommunistische Welt die Lösung ihrer Judenfrage durch Untergang des Judentums zu finden hoffen, setzen im Grunde nur fort, was ihre Väter im Anschluß an den Liberalismus politisch erfolglos, für das jüdische Assimilantentum aber mit bedauerlich großem Ergebnis versucht haben. Es bleibt den Juden nichts anderes übrig, als Juden zu sein und der nichtjüdischen Welt deutlich distanziert gegenüberzutreten. Das bedeutet nicht, daß Juden an den Vorgängen des allgemeinen Lebens weniger interessiert sind als früher, es bedeutet nur, daß sie an ihnen vor allem als Juden interessiert sind. Mit verstecktem Judentum, mit Renegatentum, mit einer gewollten nichtjüdischen